Kritik historisches Reisebuch: Temples and Elephants. Travels in Siam 1881 – 1882, von Carl Bock – 6/10

Thailand

Fazit:

Carl Bock (1849 – 1932) bringt interessante Begegnungen und Erlebnisse vor allem in Bangkok, Nordthailand, Laos. Die völkerkundlichen Passagen sind jedoch weitaus zu ausführlich;  Holzschnitte in SW erleichtern vereinzelt das Verständnis. Immerhin, Carl Bock textet jederzeit leicht lesbar und verständlich, er klingt auch nie muffig.

Beschreibend:

Der Naturwissenschaftler und spätere Diplomat Carl Bock beobachtet fast ethnologisch genau, beschreibt ausführlich, gelehrt, detailreich, neugierig auf alles, sehr klar, aber auch ermüdend:

A little further on, across one of the light iron bridges which span the many creeks and canals which form byways connecting with the river, is a high brick wall, through which a wide and pretentious entrance-gate leads to a large brick mansion which is set apart for the special use of… To the left of the Wee-han is the Obosot, or most sacred place (see p. 108), always kept locked by the priests, in convenient juxtaposition with which is a long, low, covered gallery or court, where the priests can walk during their meditations; the walls are ornamented with a series of frescoes representing… consists of a beam of wood through which, at about a fourth of its length, a pivot is passed, each end of which rests in the groove in a small block of wood just high enough to raise a beam from the ground; at the extremity of the longest end of this beam is fixed a wooden head which is raised by pressing on the shorter end of the beam and then allowed to fall upon the rice, which is placed in a wooden vessel on the ground. This work affords…

Zeitweise zieht Bock wie ein Völkerkundler durchs Land, lässt sich von europäischen Mitarbeitern des Königshofs Spielhallen und Opiumhöhlen zeigen, erklärt die Lizenzvergabe und widerstreitende Interessen, aber auch Totenaufbahrung und -verbrennung, die populären öffentlichen Hinrichtungen oder Peitschenhiebe, Eheanbahnung, Bootsbau, Buddha-Darstellungen, absurde Gerichtsbarkeit, Tattoo-Tradition, buddhistische Riten, Aberglaube, und er guckt heimkehrenden Dörflerinnen in die Körbe (darin “some frogs and mushrooms”).

Bock hat ein Herz für die gepeinigte Kreatur: so beklagt er ausführlich das Leid chinesischer Transportponys, und wenn er von einer anstehenden Hinrichtung hört:

((I)) at once started for the scene of the dreadful ceremony… the tragic spectacle…

Das geht bis zur Beschreibung des enthaupteten Leichnams.

Womöglich schwante Bock, dass manche seiner Beschreibungen zu lang gerieten. Vielleicht deshalb packte er den Teil “Notes on the Customs of the Royal Family of Siam, and the position of Princes, especially of those styled ‘Chaofa’, ‘Pra Ong Chao,’ and ‘Krom’” (knapp 15 enger gedruckte Seiten) in den Anhang; dem folgt “Appendix 2, Notes on the Geography, Climate, and Population of Siam“.

Verallgemeinernd:

Dabei berichtet Bock überwiegend verallgemeinernd, oft nicht im Reportagestil mit persönlichen Erlebnissen und Begegnungen, gleichwohl leicht lesbar, manchmal in Listenform. So schildert der Norweger im Zusammenhang mit einer Cholera-Epidemie seitenlang Sanitäres und Medizinisches; seine eigene Cholera-Erkrankung in dieser Zeit tut er mit drei Zeilen ab. Auch eine spätere schwere Erkrankung, “which had threatened to put a complete stop to my long-projected journey “, ist ihm nur zwei Zeilen wert

Dass Carl Bock laut Rezensionen reichlich “anecdotes and telling details” liefere, gilt eher für die späteren Buchteile “upcountry”, und auch dort nur sporadisch, nicht für  Bangkok und Phetchaburi.

A trifle more malodorous:

Manchmal zeigt Carl Bock auch milden Spott:

Siam is, like Holland, well furnished with canals… which are perhaps a trifle more malodorous than those in the Netherlands.

Deutlicher wird der Spott über Einwohner und Verhältnisse in Nordthailand:

A delightful assortment of dried fish in all stages of decay, fruits vying with them in rottenness… The Siamese is no heaven-born navvy. Hard work is an abomination to him… John Chinaman would do the work for very low wages and with an energetic disregard for excessive hours of labour… the salutation to which I was most accustomed when I had occasion to call upon an official was a sort of grunt, “h’m ! h’m !” reminding me of the sounds of contentment which emanate from a pig when wallowing in a more than usually unsavory batch of filth… Over all lay a layer of dust, dark and dense, and apparently more sacred than anything else, for it was never disturbed… I greased the old man’s itching palm with the magnificent sum of seven rupees… a delightful assortment of dried fish in all stages of decay, fruits vying with them in rottenness… hard work is an abomination to ((the Siamese))… 

Freilich: anders als in Bangkok oder Phetchaburi ringt Carl Bock im nördlichen Thailand immer wieder mit den “obstructive tactics” der Einheimischen, die seine Pläne fies hintertreiben.

Der Autor bringt im Bangkok-Teil den Thais mehr Respekt entgegen, nicht nur dem von ihm verehrten König Rama V, Chulalongkorn, dem das Buch gewidmet ist, sondern auch örtlichem Aberglaube: Juxt  ein europäischer Zirkusdirektor in Bangkok über den Thais heilige weiße Elefanten, zeugt das laut Bock von “very bad taste”; dass der Impresario und der von ihm weiß eingekalkte indische Elefant kurzum sterben, befriedigt den Verfasser scheint’s. Einmal zitiert Bock mehrseitig wörtlich thailändischen Lobpreis aller bisherigen Könige und kurz danach eine mehrseitige Königsrede 🥱.

Der Haupttext hat rund 400 Seiten, ihm folgen einige Seiten Anhang etwa zur Hierarchie im Königshaus. Die eigentliche Fahrt nach Nordthailand beginnt ca. auf Seite 100; vorher erzählt Karl Bock von Bangkok und von einer kleineren Reise in den Südwesten, die Gegend um Phetchaburi, die er “west coast” nennt. Die letzten 20 Seiten sind wieder Bangkok gewidmet, und es geht weitgehend um Dynastien, Paläste und Tempel, dazu die mehrseitige Wiedergabe von zwei langweiligen Reden – für mein Empfinden eine kompositorische Schwäche nach der langen, erlebnisreichen Reise in den Norden; mit der dramatischen Bootsfahrt zurück in die mittelthailändische Ebene hätte das Buch wirkungsvoller geendet; aber dafür ist Bock zu chronologisch-systematisch und zuwenig dramaturgisch interessiert.

Welcome to Thailand:

Während Karl Bock von den Menschen in Bangkok und teils in Phetchaburi respektvoll berichtet, erlebt er in Nordthailand (bei ihm Laos) viel Ärger mit vermeintlich unkooperativen und teils geldgierigen Autoritäten, denen er nicht viel Respekt entgegenbringt:

the natural slowness of the people… with all these promises I had to take a good deal of salt, and the salt was all that remained… the watchword was procrastination… I greased the old man’s itching palm with the magnificent sum of seven rupees… the very reverse of hospitable… a couple of intelligent Laosians… the very chief who, having encouraged me to my face, was now scheming against me behind my back… we parted with mutual compliments on our lips, but renewed distrust of each other in our hearts… they are mean to a degree; liberality and generosity are words they do not understand; they are devoid of ordinary human sympathy… they are extremely untruthful… they are naturally lazy… very dirty in their habits… the rice they eat; it contains some ten per cent of dirt… this particular promise, like every other, was a broken reed to lean on… a tiger killed a dog under the hut adjoining mine, and I was of course credited with being the cause of this mischance… “the silver key fits every look in the East“… his complacent Mephistophelean visage… the native meanness of character…

Ein paar Mal verhält Bock sich grob Etikette-widrig, wie er offenbar ohne Bedauern erzählt. Während er seinen Hund stets beim Namen nennt, sind viele angeheuerte  Einheimische nur (Funktions-)träger:

my four servants (to say nothing of Tali the dog) were all quartered in the same room with myself

Sein Pronomen für Babys ist “it”:

…startling it and making it redouble its screams

Ob er so auch über europäischen Nachwuchs redet? Joni Mitchell hatte diese Sprache schon in den 1980ern moniert.

Und während Karl Bock allerlei Architektur, Volkssagen und Handwerkskunst seitenlang beschreibt, liefert er kaum mal ein Psychogramm seiner täglichen Begleiter – abgesehen von Lästereien über Geldgier und Unzuverlässigkeit, mit gelegentlichem Lob der Gastfreundschaft. Er sagt rein nichts über seine Stellung im zusammengemieteten Expeditionstross.

Bilder:

Zwar bietet meine White-Orchid-Ausgabe einige schlichte, grafische Abbildungen, aber nicht genug: Manch lange beschreibende Passage könnte sich Carl Bock sparen, wenn er zum Beispiel Landestracht, Theaterkostüme, Paläste oder die von ihm bewunderten Tempel Wat Po, Wat Chang und Wat Saket einfach zeigte, statt sie in vielen Sätzen zu schildern. Das Buch präsentierte schon in der Urfassung Bocks Gemälde von Elefanten und Dörflern, teils als Holzschnitt – Bilder von Trachten und Pagoden wären ebenfalls aufschlussreich.

Immerhin: Bock erzählt entspannt, routiniert, jederzeit leicht lesbar. Wiederholt  schweift er von der aktuellen Handlung ab, wenn es mal eine gibt – etwa von einem hochrangigen Besuch – und bringt sich dann wieder auf Kurs:

But I am digressing… But I am neglecting… But to return to my interview with… 

Persönliche Erklärung des Rezionärs:

Ich mag gar keine Reiseberichte. Ich lese gern aus heißen Ländern – aber von Menschen, die dort Jahre oder ihr ganzes Leben verbrachten, ob Einheimische oder Europäer. Reiseberichte wie dieser von Carl Bock sind mir zu oberflächlich.

Doch Carl Bock ist teils sehr respektvoll und tiefeninteressiert. Ihn habe ich also trotzdem gelesen, obwohl er nur für eine Expedition nach Thailand kam.

Freie Assoziation:

  • Carl Bocks Bericht spielt am selben Ort und in der selben Zeit, teils auch gesellschaftlichen Sphäre wie Four Reigns/สี่แผ่นดิน von Kukrit Pramoj und die Louis-Leonowens-Biografie (Bock bespricht auch den Teakhandel, Leonowens’ Branche, mit üblicher Gründlichkeit); Louis’ Mutter Anna Leonowens erwähnt Carl Bock am Rand, ebenso den königlichen Harem; Louis Leonowens’ Freund Dr. Cheek in Chiang Mai (hier “Chengmai”) figuriert bei Bock ausführlich, wenn auch ohne seine interkulturelle Polyamourie, die nur L.-Leonowens-Biograf Bristowe genüsslich schildert
  • Wegen des Ärgers mit abtrünnigen oder unfähigen Reisegehilfen dachte ich an die Expeditionsberichte von Henry Morton Stanley
  • Karl Bock malt einige Einheimische und zeigt einige Ergebnisse; das erinnert an die malenden, schreibenden und ihre Bilder publizierenden Fernreisenden Samuel Baker und Patricia Morley
  • Gelegentlich redet Bock von “making love” oder “love-making” bei Laoten. Zum Glück weiß ich aus den Anmerkungen zu Henry James’ und Jane Austens Büchern, dass das vor 130+ Jahren etwas anderes bedeutete als heute

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