Die Autorin schreibt intensiv und einfühlsam. Trotz einiger Konstruktionsschwächen und auffälliger didaktischer Einschübe ist es ein Vollblutroman mit guten Erfindungen.
Barbara Chase-Riboud formuliert sinnlich und detailfreudig über Menschen und Dinge, vielleicht schon zu intensiv:
…her eyes assumed their true color, fringed with thick black lashes and by heavy eyebrows. The nose was slightly flared, the cheekbones abnormally high, the eyes wide-spaced. There were streaks of grey in the fine black hair, which if loosened, would doubtless have reached her waist… The summer was hot and humid. The heavy perfume of jasmine, honeysuckle, and peach blossoms exuded a sweet, deep, dangerous sensuality. It was the heat, I suppose, and some mysterious chemistry…
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Seltsame Verhältnisse:
Die Verhältnisse der Hauptfiguren sind zu seltsam, und vielleicht betont Barbara Chase-Riboud dies etwas zu stark:
Die minderjährige Loverin Sally Hemings ist knapp 30 Jahre jünger als ihr hochmögender Liebhaber Thomas Jefferson; sie ist zugleich seine Sklavin, sie ist die Halbschwester seiner verstorbenen Frau, Spielgefährtin und zeitweise Betreuerin seiner Kinder, die später stillschweigend die Affäre mit ihrem Vater akzeptieren, während sie von ihr mit “Mistress” angeredet werden; sie spricht ihren Liebhaber und mehrfachen Kindsvater mal mit „master“ und mal Französisch mit “to-mah“an. Ihr Bruder James, auch wichtig in der Geschichte, ist Onkel von Jeffersons Kindern, Leibkoch *und* Sklave des späteren Präsidenten, wird aber feierlich freigelassen. Ein anderer weißer Pflanzer zeugte Sally Hemings mit ihrer schwarzen Mutter und viele Jahre früher die Ehefrau von Thomas Jefferson mit seiner weißen Frau.
Es ist schwer, sich in diese Konstellation mit allen psychologischen Konsequenzen hineinzuversetzen, die Autorin versucht es fast brachial zu verdeutlichen:
Her possession of him was a gift while his was a theft… the abyss of contradiction which was their life together
(Ich kenne nur das englische Original.) Barbara Chase-Riboud wird gelegentlich zu plakativ oder didaktisch; doch sie packt viele Konflikte und Widersprüche in eindringliche, teils etwas befrachtete Szenen und Dialoge, kontrastiert unterschiedliche Konstellationen.
Dabei hat der Roman kaum anklagende Töne: die Autorin erzählt eine bizarre Liebesgeschichte, keinen Anti-Sklaverei-Roman, trotz schwerster Vorwürfe und Verständnislosigkeit auf Seiten ihrer Hauptfigur. Im 2009er-Nachwort klingt die Autorin kämpferischer.
Historisch:
Barbara Chase-Riboud (*1939) inkludiert viele Originalzitate von Thomas Jefferson, vor allem anti Sklaverei samt einem aus der Unabhängigkeitserklärung gestrichenen Passus. Wer die Geschichte und vor allem die Wayles-Jefferson-Hemings-Familienverhältnisse schon kennt, ist klar im Vorteil, zumal der Stammbaum am Buchende nicht auf Anhieb erhellt; und die Autorin erzählt achronologisch, beginnt 1830 vier Jahre nach Jeffersons Tod. Nebenbei erleben die Hauptfiguren auch noch die französische Revolution in Paris mit.
Überzeugend erfindet die Autorin historisch nicht belegte Figuren und Tatsachen wie Porträtskizzen von Sally Hemings durch den berühmten Revolutionsmaler John Trumbull, die dieser dann jedoch vernichtet. So bleibt die Welt also doch ohne jedes Bild der legendären Frau.
Antifaktisch ist offenbar die Darstellung von Elizabeth Hemings und ihrer Tochter Sally Hemings als Monticello-Haushaltsvorsteherinnen bis 1812, dem Einzug von Jeffersons Tochter (und Sally Hemings’ Halbschwester) Martha Randolph. Auch Sally Hemings’ geheimes Zimmer mit direktem Zugang zu Thomas Jefferson, das im Roman auf ihren Wunsch hin eingerichtet wird, scheint reine Fiktion. Die Autorin sagt selbst im Nachwort der 2009er-Ausgabe:
Fiction was necessary to put “flesh on the bones” of a person who had literally been erased from history
In diesem teils unangenehm selbstgerechten Nachwort zitiert die Autorin auch ein profundes Lob der Jefferson-Hemings-Forscherin Annette Gordon-Reed für den Roman. Sie diskutiert die geheime Treppe in Jeffersons Privatgemach, erwähnt die Unterstützung durch Toni Morrison und Jacqueline Kennedy, die wütenden Proteste der „Jeffersonians“ und listet stolz den Erfolg ihres Romanerstlings auf.
Konstruktionsschwächen:
Die alte Sklavin Elizabeth Hemings, Mutter von Sally Hemings, monologisiert seitenlang historisches Wissen wie eine Wikipedia:
…slaves was fighting on both sides in Maryland and Pennsylvania and Carolina. But those militia boys, they was just farmers and yeoman and backwards men. They didn’t know anything about fighting a real army with real uniforms
Es gibt auch allzu didaktisch wertvolle Dialoge der Hemings-Geschwister über Sklaverei, Religion, Verwandtschaftsverhältnisse, sogar über die französische Revolution. Jefferson monologisiert über die Kürzungen an der von ihm entworfenen Unabhängigkeitserklärung, Callender schreibt einen wikipedia-artigen Brief über Gabriel Prossers Sklavenaufstand.
Einmal im Jahr 1830 blendet die Verfasserin kurz unerwartet 21 Jahre voraus, ein herber Bruch:
Twenty-one years later, at the age of forty-four, Eston would indeed be…
Mehrfach nutzt Barbara Chase-Riboud Cliffhanger. Ein Beispiel: Sally Hemings bekommt einen Brief, der sie zutiefst erschüttert. Was geschrieben steht, erfahren wir nicht – das Kapitel endet leider hier, das nächste erzählt zufällig von anderem.
Die Autorin wechselt immer wieder die Erzählperspektive, von einer Hauptfigur zur anderen, von der dritten zur ersten Person. Maria, Tochter des Präsidenten, erscheint manchmal mit ihrem Spitznamen Polly, aber inkonsistent; die andere Tochter, Martha, erscheint manchmal mit ihrem Spitznamen Patsy; ich finde das unübersichtlich, zumal auch die verstorbene Frau des Präsidenten Martha heißt.
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