Vor- und Nachzüge:
Der Roman zeichnet unterschiedliche Akteure auf dem Dorf psychologisch genau. Er liefert (zu) viele Details aus dem bäuerlichen Alltag.
Mitunter menschelt es zu streng, es gibt wenig Politik und Gesellschaft. Das Drama um die weiße Hirschkuh wirkt wie nachträglich angeflanscht und falsch illustriert.
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Gesperberte Hähne und gefallene Männer:
Die Autorin, gelernte Journalistin und Strickexpertin, bringt viele knackige Details aus dem Landleben, von Rinder-, Hühner- und Schweinezüchtern, von Bodenbrütern, zugezogenen Wirtschaftsinformatikern, Grafikdesignern und ihren chaotischen Hunden, von Jägern und ihren kreuzbraven Hunden, von gesperberten Hähnen. Die Faktenlawine wirkt mitunter übertrieben, die Autorin hatte offenbar für Recherchen ein Landwirtschaftsblatt abonniert.
Behm schildert die familiäre Konflikte ihre Figuren einfühlsam. Auf fällt: Martina Behm schreibt in der ersten Buchhälfte überwiegend aus Männerperspektive, das ist kulturelle Anmaßung (dt. „cultural appropriation“).
Verheiratete Männer sind bei dieser Autorin meist fies: Der derbe Bauer Enno, der seine still leidende Frau Tove unrealistisch kujoniert und manchmal mit einer Wohnwagen-Nutte kopuliert; oder der Wirtschaftsinformatiker Ingo, ebenso verklemmt, gelegentlich mit eklatantem Achtsamkeitsdefizit und neuerdings am Schießen interessiert, jedoch nicht an den Psycho-Zwickizwackls seiner Frau Lara. Gleich mehrere dieser Kerls klappen zusammen und landen unrühmlich im Krankenhaus; die Frauen flüchten vor unerträglichen Mackern in freistehende Ferienwohnungen.
Etwas besser als verheiratete schneiden ledige Männer ab: so der ewige Junggeselle Uwe und WG-Relikt Armin, der bei Hippie-Oma Jutta über eine Situationship nicht hinauskommt.
Wenig action:
Der Roman hat 475 Seiten Haupttext, endlich mal keine schwachbrüstige neudeutsche Fibel Leipziger Provinienz. Es passiert indes wenig: Gleich zu Anfang rappelt’s auf der Landstraße, und die Hirschkuh ziert die Motorhaube.
Auf den weiteren 400 Seiten spult die Autorin Mini-Episoden in verschiedenen Familien ab. Ab der Mitte diverse gesundheitliche und familiäre Zusammenbrüche, nicht immer überzeugend; der Aberglaube um die weiße Hirschkuh tritt sehr weit zurück.
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Aufgehirschter Roman:
Das Albino-Tier bekommt den Gnadenschuss, doch eine weiße Hirschkuh zu töten bringt dem Verursacher vermeintlich den Tod. Daran glauben angeblich diese nüchternen Agrarunternehmer vom flachen Land, sogar irgendwie der zugezogene Parkhaus-Software-Vertreter und seine Grafikdesignfrau. Nur die eingeheiratete blondierte Maggie hält das für “Spökenkiekerei” und „Tüünkroom“. Und dann geht es mehrere 100 Seiten lang um anderes.
Und darum passt das Titelbild meiner dtv-Hardcover-Ausgabe doppelt nicht:
- es geht im Roman weniger um das Hirschkuhmaleur und mehr um Hochlandrinder, Schweine, Hunde und Hühner (keine Katzen) sowie um Beziehungen unter Zweibeinern; und
- das Waldtier auf dem Buchtitel der dtv-Originalausgabe ist ein Reh, kein Hirsch.
Viel besser als Titel passte ein Foto aus einem norddeutschen Dorf mit Giga-Ställen und Cyber-Treckern. Oder Gummistiefel vor einem Hauseingang mit Baumarkttür und Geranientopf.
Ein weißer Hirsch ist im Roman nur ganz am Anfang und ganz am Ende wichtig. Ohne das vermeintlich mythische Tier wäre das Buch geerdeter und runder. Vielleicht hatte die Autorin ihre ohnehin gehaltvolle Geschichte sogar hirschfrei geplant und erst im letzten Moment noch aufgehirscht: Denn auf der letzten Seite bedankt sich Martina Behm bei “Michael”
für das neue Ende und den neuen Anfang
Und während das Titelbild ein Reh ziert, greift der Romantitel das ach so wichtige Thema nicht auf: Das Buch heißt nicht etwa „Der weiße Hirsch“, sondern “Hier draußen” – als ob die Autorin sich v.a. für die Perspektive der Hamburg-Exilanten interessierte, weniger für die Einheimischen und gar nicht für Rotwild.
Stil und Sprache:
Die Autorin erzählt weitgehend chronologisch mit einigen zu abrupten Blenden 30 Jahre zurück. Das liest sich leicht, aber auch glanzlos. Es gibt wenige, stets unpeppige Dialoge ohne Zwischentöne oder Humor.
Stärken sind eindeutig Menschenzeichnung und Detailreichtum, nicht die Sprache. Als Antidot zu den fiesen Mackermännern präsentiert die Autorin gelegentlich dräuend Menschelndes am Küchentisch oder im Bett, gern in der Rest-WG von Jutta und Armin. Momentweise liest sich das wie die Kitschromane auf dem Terrassentisch der Romanfigur Maggie.
Behm verzichtet auch auf größere Zusammenhänge, Geschichte oder Politik. Gelegentlich erwähnt die Autorin zwar Erzeugerpreise oder Bioland-Zertifizierung; doch die Geschichte bleibt weitgehend im Dorf, das wirkt isoliert wie eine Insel in der Zeit. Dafür kennt der Leser den gesamten Weiler samt Klatsch um Ehebruch und Kreislaufschwächen.
Assoziation:
- Dörte Hansens Geschichten vom platten Land gefallen mir etwas besser, nicht nur, weil sie auf Aberglaube verzichtet; Hansen zeichnet auch subtiler, bezieht Geschichte und Politik mit ein, trumpft weniger mit Detailwissen auf
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