Rezension Erzählungen: Immergleiche Wege, von Richard Russo (2017, engl. Trajectory) – 7/10

Richard Russo (*1949) schreibt präzis psychologisch, mit spannungsreichen und teils gepfefferten Dialogen; doch er bringt in den vier Erzählungen zu  zu viele Krankheiten und er wiederholt zu viele Motive.

Vier  Erzählungen, alle krank:

  • Die erste Geschichte hat Autismus und Erblindung;
  • die zweite hat Antidepressiva, Asperger-Autismus und psychosomatischen Stimmverlust;
  • die dritte hat 2  Krebserkrankungen;
  • #4 hat auch Krebs.

Diese Erkrankungen bilden nicht immer das Hauptthema, trüben jedoch die Grundstimmung der Figuren und des Lesers. Drei Geschichten erwähnen zudem die US-Krankenversicherung, das senkt die Stimmung natürlich weiter, auch in DE.

Weitere Gemeinsamkeiten der vier Erzählungen:

  • präzise Dialoge
  • hervorragende Personenzeichnung
  • zurĂĽckgehaltene Information und ZeitsprĂĽnge sollen Spannung hochjubeln
  • Gut gekleidete, lässige erwachsene BrĂĽder, die wider den Augenschein Geldprobleme haben, ModeausdrĂĽcke produzieren, von der Hauptfigur entfremdet sind und andere zu dubiosen Investitionen verlocken wollen; beide BrĂĽder lieben (eventuell) dieselbe Frau
  • gehobenes Milieu: 2x Professoren, 1x Immobilienmakler + Galeristin, 1x Top-Filmleute. (Dr. phil Richard Russo arbeitete an verschiedenen Universitäten und DrehbĂĽchern, seine Frau ist oder war Immobilienmaklerin.)
  • In beiden Prof-Geschichten geht es um einen Termin von Studentin und Prof am Ende der Besuchszeit, so dass kein nachfolgender Besucher mehr stört.

Schriebe Russo nicht so gut, wĂĽrde ich mir bestimmt nicht ein ganzes Buch voller Professoren und Krankheiten reinpfeifen; aber Richard Russo kann’s einfach.

Die Geschichten im einzelnen:

Reitersmann / Horseman (2006) – 6/10:

Jungprofessorin ringt mit einem Studenten, der abgeschrieben hat, und denkt in vielen ZeitsprĂĽngen an die Begegnung mit einem Star-Professor vor 10 Jahren. Ihr Sohn ist autistisch, zwischendurch verweigert sie einem Blinden die Hilfe.

Hier habe ich nicht alles verstanden, und die Krankheit des Sohnes wird erst später offenbar, ebenso wie die Krankheit in der vierten Geschichte “Milton and Marcus“.

Stimme / Voice (2013) – 7/10:

Handlung 1: Zwei ältere, sehr unterschiedliche BrĂĽder, die sich ewig nicht gesprochen haben, ziehen mit einer Reisegruppe durch Venedig. Nate, aus dessen Perspektive Richard Russo erzählt, hat viele Vorbehalte gegen seinen Bruder, schon seit der gemeinsamen Kindheit; Eine Brandkatastrophe „fifty years ago” spielt eine Rolle.

Handlung 2: Ein separater, kĂĽrzer Handlungsstrang zeigt Nate und seine  Asperger-Studentin Opal Mauntz, ein Missbrauch des Machtgefälles wird angedeutet 🥱.

Diese Geschichte enthält Sätze mit dem englischen Titel der Geschichtensammlung:

… his secret fear that he’s led a life other than the one he was intended for, following the wrong trajectory entirely.

Auf den ersten 20 von rund 95 Seiten dieser Geschichte, in Venedig, wird immer wieder „the Mauntz girl” erwähnt, doch die Erklärung beginnt dann erst – 10 Seiten RĂĽckblick auf das Mauntz Girl, ohne dass schon Drama entsteht, man muss weitere RĂĽckblenden abwarten, bis fast zum Ende; billige Spannungstreiberei, ödes #metoo-Gedöns.

Assoziationen:

  • Milieus und Figuren sind ganz anders als in Nobody’s Fool vom selben Autor, doch einmal geht es auch in Milton and Marcus um Hausrenovierung, „carpentry and masonry as well as basic plumbing and wiring… driving a nail, fitting a pipe” – das kennt man gut aus Nobody’s Fool
  • Ăśbergriffige Profs, ĂĽberempfindliche Frauen im Roman Vladimir

Eingriffe / Intervention (2012) – 7,5/10

Immobilienmakler ringt mit seiner Krebserkrankung, mit der seines verstorbenen Vaters, mit seltsamen Interessenten und einer Verkäuferin, die aus Nostalgie ihr Haus nicht  leer räumt.

Interessante Konflikte und gut gezeichnete Alltagsfiguren.

Assoziation:  Mehr noch als die anderen Erzählungen erinnert mich diese an Richard Ford, an seine Kurzgeschichten wie auch an die Frank-Bascombe-Romane mit ihren gediegenen Vororten,  Immobilienmaklern und Golfplätzen

Milton and Marcus – 7/10

Starke Geschichte um ein Filmprojekt mit Hollywood-Stars. Sehr cool erzählt, coole Dialoge, mit interessanten DrehbuchauszĂĽgen und zu viel Vulgärem auf den ersten Seiten (dazu hier eine englische Leseprobe); Russo verarbeitet seine eigene Hollywood-Arbeit mit Paul Newman  bei der Verfilmung seines Romans  Nobody’s Fool.

Der Autor produziert jedoch einen öden Cliffhanger um eine Krebserkrankung auĂźerhalb der Hollywood-Handlung, die zunächst nur gelegentlich auftaucht und aufgepfropft wirkt. (Auch in „Intervention“ geht es um eine Krebserkrankung, und in „Horseman“ um Erblindung und Autismus.)

Damit hat die rund 63 englische Seiten lange Geschichte “Milton and Marcus“ drei Handlungsstränge:

  • das Geschacher der Hollywood-Figuren
  • das fiktive Drehbuch
  • die häusliche Situation des Drehbuchautors und Ich-Erzählers

Nicht alle Entwicklungen und Anspielungen habe ich verstanden.

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