Kritik Sachbuch: Der fremde Deutsche, von Umeswaran Arunagirinathan (2017) – 5 Sterne

Der Autor, mit 12 aus Sri Lanka geflüchtet, heute dunkelhäutiger Herzchirurg in Deutschland, hat mit ausländerfeindlichen Patienten zu tun, die er darum besonders aufmerksam betreut, und scheitert an vielen Disko-Türen. Tolle Unterstützung bekommt er andererseits auch.

Dieses Buch über einen südasiatischen Flüchtling in Deutschland beginnt in…  London, und dort lernen wir schlagartig zu viele Familienmitglieder kennen. Kurz danach stellt Umeswaran Arunagirinathan (*1978) seine… afghanische Ersatzfamilie in Deutschland vor, samt Kosenamen. Auch viele andere Vertraute des Autors in Hamburg und Kiel sind zunächst nicht-deutschstämmig: Iraner, Ghanaer, Japaner, Polen.

Teils interessant:

Arunagirinathan schreibt teils Interessantes, aber nie gut. Die Sprache klingt fad, manchmal  verschluckt er wichtige Details, er springt zwischen Themen und zerhackt Zusammengehörendes: Es bleibt unklar, ob der Autor Chronologie anstrebt oder thematisch organisierte Episoden präsentieren will. Den Kniff, mit einer Live-Szene einzusteigen und die Hintergründe nachzuliefern, beherrscht nicht richtig.

Bei Niederschrift war der Autor rund 20 Jahre in Deutschland, aber ein Gefühl für den Lauf der Zeit entsteht nie; vom Spracherwerb, von der Schule hören wir nichts, immerhin war der einst minderjährig geflüchtete Tamile kurzum Schulsprecher (wie man nur online liest).

Coming out:

Zu lang, auf rund 25 von nur rund 139 Seiten (ganzseitige Bilder und halbe Leerseiten nicht rausgerechnet), schildert Arunagirinathan dagegen sein schwules Coming-Out – wieder mit schlimmen Anfeindungen (das Kapitel heißt „Spucke auf meinem Gesicht), aber hier ohne Ausländerfeindlichkeit. In der Rahmenhandlung dieses Kapitels geht der Autor ins Ballet Tod in Venedig über einen sterbenden schwulen Dichter.

Diesen banalen Abend unterbricht der Autor vielfach mit Kurzepisoden aus seinem schwulen Leben – Dating-App, Spucke, Glück auf Zeit. Das wirkt völlig zerhackt, und das Ballett entpuppt sich als überflüssig. Aber ein Lektorat gab es beim Konkret Literatur Verlag nicht: ein Inhaltsverzeichnis fehlt auch, „wegen“ erscheint mit Dativ (S. 87), und auf S. 118 fehlt in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen je ein Wort (ab „Dann rannte zum Gleis…“ (sic)).

Neben dem Coming-out gibt „Dr. Umes“ in seiner schmalen Fibel auch der deutschen Facharzt-Ausbildung zu viel Raum. Ein weiteres Kapitel spielt bei Verwandten in New York und Toronto, er besucht eine Taufe in Oberbayern, und er behandelt Tod und Bestattung seines Vaters in Sri Lanka und die Lage dort.

Wenig fremder Blick:

Der fremde Blick eines jungen asiatischen Flüchtlings auf deutsche Eingeborene und Institutionen spielt damit eine weit kleinere Rolle als zu erwarten. Interessant ist jedoch die intensive Begegnung mit einem syrischen Flüchtling nach 2015 – der hat an Deutschland völlig andere Erwartungen als einst der Autor.

Arunagirinathan ringt mit seinen Eltern, die ihn zur Heirat innerhalb ihrer Kaste drängen, ein Unding für ihn. Als er nach langer Zeit mal wieder authentisches heimisches Essen bekommt, ist es ihm zu scharf.

Gefallen haben mir die Privatfotos von Autor, Angehörigen und Freunden, teils über Jahrzehnte hinweg (schwarzweiß auf ungestrichenem Textdruckpapier, seitengroß). Ich hätte gern noch mehr angesehen.

Freie Assoziation:

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