Kritik Biografie: Françoise Gilot, Die Frau, die Nein sagt: Ihr Leben mit und ohne Picasso, von Malte Herwig (2015) – 4/10

Fazit:

Malte Herwig schreibt keine Biografie, sondern eine lange Reportage, eine unkritische Anhimmelung, in der fast nur Françoise Gilot und der Reporter zu Wort kommen. Gilot redet meist über Leben und Kunst allgemein, liefert aber wenig biografische Fakten.

Märchenonkel:

Herwig schreibt lebendig und mit eigenen Reporter-Erlebnissen. Teils klingt er auch wie ein Märchenonkel, und er erfindet Dinge (nehme ich an) wie etwa:

Für einen winzigen Augenblick nistete sich der Gedanke in Picassos Herz ein, dass es…

Schön erfunden (oder doch authentisch?) ist die Szene mit Rasierschaum-Tränen auf Picassos Gesicht. Auch die fünfjährige Françoise im Schimpansenkäfig klingt fast fiktional. Melodramatisch wirkt das Picasso-Zitat vom „Brandmal seiner Unruhe“ – und man läse es gern auch in der Originalsprache.

Gelegentlich geht es mit Herwig durch, und so dichtet er über die junge Françoise Gilot (*1943), sie sei

wie eine Nonne, die sich einen Gott erfindet

Die frisch von Pablo Picasso weggelaufene Françoise Gilot (*1943) mu-tiert:

Der Stier war aus der Arena geflüchtet und hatte den Matador… zurückgelassen.

Er macht Gilot also erst zur Nonne, dann zum Stier, und später ist Picasso bei Gilot der Stier, für sie war es „nicht nötig, den Stier zu reizen“.

Passend zum Märchenonkelton zeigt die Hardcover-Ausgabe* viele schöne, große Farbfotos von Ana Lessing und dito Farbgemälde von Françoise Gilot, jedoch keine Picasso-Repros. Françoise Gilots Gesicht erscheint zu oft und auf S. 92 und 110 in zwei sehr ähnlichen, jeweils ganzseitigen Aufnahmen, jeweils nur eine Gesichtshälfte (die Farbfotos aus New York entstanden laut Buchtext innerhalb von zwei Stunden).

Auch der Text selbst ist mehrfarbig: Der serifenlose Lauftext schwarz, kursivierte Zitate aus Gilots Picasso-Buch dunkelbeige sowie Sternchen, Quellenangaben und Seitenzahlen rot. Für manchen sicher zu bunt.

Es gibt auch keine Bibliografie (primär, sekundär), kein Werk- oder Ausstellungsverzeichnis, keine Zeittafel, keinen Index.

Weisheiten:

Herwig himmelt seine „Françoise“ zu aufdringlich an. Teilweise schreibt Herwig zu fluffig-küchenpsychologisch, breitet Françoise Gilots „Weisheiten“ zu unkritisch und zu gedehnt aus:

Sind wir nicht oft selbst daran schuld, dass unser Leben langweilig und fad erscheint? Weil wir, ängstlich und vorsichtig, wie man uns nun einmal erzogen hat, nach Sicherheit und faulen Kom promissen suchen?… Ich wollte mich auf die Suche nach dem richtigen Leben machen, und ich wusste, dass ich bei Françoise anfangen musste… Aus ihr sprach gelebte Weisheit, die an jahrtausendealte Erkenntnisse anschloss, aber mit dem Siegel eigener Erfahrung beglaubigt war.

Herwig schmachtet:

„Erst einmal musst du etwas fühlen“, erklärte Françoise.

Dann beichtet Herwig eine halbe Seite lang, wie er einst talentlos im Kunstunterricht versagte. Gilot baut ihn wieder auf.

Lange Zitate:

Laut Untertitel spricht Gilot „über ihr Leben mit und ohne Picasso“. Das weckt falsche Erwartungen. Zum Leben mit Picasso gibt es v.a. lange Zitate aus Gilots Erfolgs-Memoiren, beige kursiviert abgesetzt. Einen Gilot-Picasso-Hauskrach schildert Herwig ohne Zitate; ich weiß nicht, ob er diese Konfrontation erstmals veröffentlicht.

Und von Gilots Leben ohne Picasso hören wir viel zu wenig – sie verbreitet vor allem Banalitäten über das Leben und das Malen als solche. Herwig traf Gilot über drei Jahre in Paris und New York, berichtet aber auf vielen Seiten immer dasselbe.

Erst gegen Ende gibt es ein Kapitel zu dem Mann, mit dem Gilot 25 Jahre lebte, viel länger als mit Pablo Picasso. Und noch später ein paar Seiten zu einem weiteren Mann und zu Gilots drei Kindern; Herwig holt sich nur kurz ein Telefon-Statement von Gilot-Tochter Paloma Picasso. Kunstkritiker, Freunde oder andere Beobachter zitiert er gar nicht. Wir erfahren auch nicht, warum Gilot meist in New York lebt, aber dort Stammgast in der Boite en Bois ist.

Zu seinem SZ-Reporter-Beruf gehöre es, behauptet Herwig, seine

Gesprächspartner so lange zu bearbeiten, bis sie ihr Innerstes nach außen kehrten und ihr Herz auf der Zunge trugen.

Bei Gilot hatte Herwig daran kein Interesse, und/oder er ließ sich um den Finger wickeln. Nichts Schwieriges wird angesprochen. (Er sagt, dass Gilot über Privates nur knapp rede, sich aber nicht verweigere.) Frauen seien „sehr narzisstisch, viel mehr als Männer“, meint Gilot bei Herwig, und sein Buch liefert dafür einen passenden Einzebeleg.

Farbige Schilderungen eines malerischen Zornesausbruchs:

Manchmal schmerzt das Deutsch, etwa in

Er war ein Meister darin, was wir heute Krisenkommunikation nennen.

ihr völlig verschiedenes Temperament ((über zwei Personen))

Sie saß in den Cafés der Lagunenstadt und gedachte der berühmten Liebhaber, die dort ihr Schicksal besiegelt hatten

((Er)) hoffte schon auf farbige Schilderungen eines malerischen Zornesausbruchs Picassos.

Assoziation:

*Ich hatte die „3. korr. Auflage, 2015“ des Ankerherz-Hardcovers. Es enthält einen Code für ein E-Buch, den ich nicht geprüft habe.

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