Rezension US-Indien-Roman: Der Namensvetter, von Jhumpa Lahiri (2003) – 8 Sterne

Lahiri macht fast alles richtig, da sitzt jedes Wort. Stimmungen und Szenen erscheinen glasklar, es gibt keinen Misston und kein pompöses Wortgeklingel aus dem Creative Writing-Kurs (ich hatte das englische Original, The Namesake).

Souverän, wie die Autorin in ihrem Debutroman einzelne Szenen und Gefühle vertieft, dann Jahre überspringt, aber wiederholt auch zurückblendet – und alles behend in Fluss hält. Nach Einstiegsschwierigkeiten fesselte mich kaum je ein Buch so; von der ersten bis zur letzten Buchseite habe ich Fernseher und Zeitungen nicht mehr angerührt. Modernes, unaufdringliches, sehr genaues Multikultur-Entertainment.

Jhumpa Lahiri greift ein typisches V.S. Naipaul-Thema auf: Inder entfremdet in der Fremde; in der Hauptrolle steht ein Inder in den USA mit einem Vornamen aus Russland, der eigentlich ein Nachname ist. Doch Lahiri schreibt ganz anders als V.S. Naipaul, auch weil sie erfolgreiche, moderne Akademiker in Ostküstenmetropolen schildert. Eher als an Naipaul erinnerte mich Lahiris sensibler, intimer, perfekt austarierter Ton an einen anderen US-Roman, an Nancy Horans Kein Blick zurück (engl. Loving Frank).

Zwei Bedenken hatte ich vorab:

  • Die etwas alberne Vorgabe, dass hier ein Inder in den USA als Vornamen den russischen Nachnamen Gogol erhält und darüber räsoniert, könnte zuviel Gewicht bekommen
  • West-Bengalen (also nicht Bangladeshis) grübeln oft zu viel über das Bengalensein als solches und machen so ihre eigenen Filme reihenweise unbrauchbar; auch Der Namensvetter könnte zu Bangla-zentrisch ausfallen

Beide Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht. Die seltsame Konstruktion eines Gogol Ganguli, der später teilweise zu Nikhil Ganguli wird, ist sogar fast verzichtbar, die wiederholten Verweise auf Gogols Kurzgeschichten bleiben unerklärt – vielleicht mein einziger Kritikpunkt an diesem sonst zauberhaften Roman.

Halt, noch eine kleine Anmerkung: Lahiri erzählt mitunter etwas zusammenfassend, global rückblickend, im Zeitraffer, mit zu wenig signifikanten Details und Dialogzeilen. Dies macht Mira Nairs zauberhafte Romanverfilmung Der Namensvetter wieder wett: Nair rafft oder entsorgt zwar einige Buchpassagen, die verbleibende Handlung ist aber voller Blicke und Gesten in schönen Nahaufnahmen.

  • Zwei studierte Bengalen, die sich in der Fremde niederlassen und ungeplant lange dort bleiben, das erinnert auch an die TV-Dokumentation über die Chatterjees und ihren Hamburger Teehandel.

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