Romankritik: Echo, von Jan Christophersen (2014) – 4 Sterne – mit Video

Fazit:

Aufbau und Figuren des kleinen Romänchens sind überkonstruiert und leblos. Dies ist keine Geschichte, sondern ein Schreibexperiment – gescheitert.

Tom schwieg:

Jan Christophersen schildert zunächst Gefühle und menschliche Entwicklungen recht genau – einerseits. Doch während die wichtige Nebenfigur Sascha deftig erscheint, bleiben die Protagonisten Tom, Aga und Gesa bleiben völlig diffus. Was passiert zwischen Tom und Aga, zwischen Tom und Gesa. Man weiß es nicht genau. Warum Gesa als etwa 17jährige den etwa 15jährigen Tom anziehend findet, weiß man auch nicht. Warum sie Tom nachhängt, sich aber später von Sascha heiraten lässt – keine Erklärung.

Das ist alles so wolkig. Und die ganze Unklarheit betont Autor Jan Christophersen wieder und wieder und wieder (S. 115 der Fischer-TB-Ausgabe):

Gesa wartete auf eine Erklärung, aber Tom schwieg.

Gleich zu Beginn fragt man sich, warum Teenie-Gesa den klar jüngeren Teenie-Tom bewundert, sich aber zugleich von Sascha küssen lässt. Dazu wiederum der Autor (S. 56):

Im Augenblick wusste sie keine Antwort darauf.

Ich wüsste auch keine Antwort. In dem Alter sind Jungs und Mädels hormonell doch Jahrzehnte auseinander? Und weiter geht das Rätselraten über die Figuren (S. 117):

Etwas Handfestes, Greifbares war das nicht. Eigentlich lag die größte Schwierigkeit darin, dass sie keinen Grund hatte, sich zu beschweren. Worüber denn?

Eben. Seite 150:

„Ist zwischen euch alles wieder in Ordnung?“ „Weiß nicht“, sagte Tom. „Was heißt schon in Ordnung.“ ((sic))

Weiß auch nicht. Aber was sagt Tom (S. 226):

„Weiß auch nicht“, sagte Tom. „Ist alles schon so lange her.“

Na dann.

Talentschuppen:

Ich fühle mich eh unbehaglich, wenn männliche Autoren sich in das Gefühlsleben weiblicher Figuren hineinversetzen – aber Christophersen sagt ja auch nicht viel. Seltsam zudem, dass Tom sich im direkten Umgang fast schon autistisch zurücknimmt, aber in seinen regelmäßigen Postkarten an Gesa nur von sich redet, eine Postkarte sogar unhöflich mit „ich“ beginnt (S. 185); das interessantere Alltagsleben hat Gesa mit ihrer wachsenden Familie, aber der bindungslose Tom erkundigt sich nie nach ihr.

Seltsam auch, dass Literaturabsolvent Christophersen wortreich Toms Musik beschreibt (Christophersen ist selbst Musiker). Doch Gesa, die offenbar irgendwann mal irgendwas geschrieben hat, soll nun plötzlich Toms Texterin werden. Irgendeinen Beweis für Gesas Schreibkunst liefert Christophersen nicht: keine Kostprobe, keine Erwähnung bisheriger Erfolge (ist Christophersen nicht auch Autor?). Nicht nur Autor und Leser, auch Romanfigur Tom kennt nichts Schriftliches von Gesa, die so dringend seine Plattentexterin werden soll (S. 195):

„Du kannst schreiben“, sagte er ((…))  „Du hast noch nichts von mir gelesen“, sagte sie.

Keiner weiß Konkretes, Seite 172:

Sie hätte jetzt losschreiben können. Nur was? Was sollte sie schreiben?

Schildert Christophersen eigene Gefühle beim Schreiben des Romans?

Sprache:

Christophersen liefert ein sehr peploses Deutsch, genau nach Leipzigschreibschülervorschrift. Immerhin nicht falsch, affektiert oder anglisiert. Die Geschichte spielt in Norddeutschland, und Thomas Mann oder Dörte Hansen hätten Plattdeutsch eingeflochten, doch bei Jan Christophersen gibt’s nur ein bisschen Polnisch auf der Klassenfahrt. So bleibt das Szenario noch vager, auch wenn Meer und Hafen vorkommen.

Das Romänchen tröpfelt handlungsarm, aber zunächst nicht ganz uninteressant dahin – man guckt Gesa beim Leben zu. Die erste dicke Überraschung kam für mich auf Seite 109: Tom hat exakt dieselben Lieblingsmusiker wie ich, Bill Frisell, John Scofield, Thelonious Monk und Esbjörn Svensson; später kommt auch der coole Lester Young zur Sprache. Sind die – bin ich – so mainstream, oder bin ich Tom? Allerdings mag Musiker Tom „Effekte, Echo, Tremolo, Modulation“ (S. 218), das liegt mir gar nicht. So, wie Christophersen Toms Musik beschreibt, denke ich tatsächlich an die effektüberladeneren, früheren Bill-Frisell-Alben und an ähnliche Gitarren-Klanggewitter von Ketil Bjørnstad. (Ein im Roman hochgelobter Tontechniker kommt aus Schweden, dort ist sein Studio; ich dachte an den *norwegischen* ECM-Aufnahmeleiter Jan Erik Kongshaug (Wiki), der u.a.  das Tom-Idol Bill Frisell aufnahm, vielleicht auch Bjørnstad.)

Man gewöhnt sich daran, dass der Roman zwar mehrere Jahrzehnte umfasst, aber weitgehend chronologisch abläuft. Doch ein wichtiges Ereignis verschiebt Christophersen in eine späte Rückblende, um kräftiger überraschen zu können (Tom auf Gesas Hochzeit, S. 196). Ein weiteres wichtiges Ereignis wird sogar zweimal erzählt und dabei variiert („Coda“, S. 229). So pumpt Christophersen ein bisschen Spannung ins Buch, doch diese Konstruktion wackelt so unschön wie ein schlechtes Gebiss.

Freie Assoziation:

  • Der Ton erinnert deutlich an Jan Christophersens späteren Roman Ein anständiger Mensch: in beiden Fällen ist die männliche Hauptfigur ein Künstler, die Frau hat einen praktischeren Beruf; beide Romane spielen dialektfrei in Norddeutschland und Dänemark, und eine dramatische Überraschung zur Buchmitte dreht die Handlung; Echo ist jedoch klar schwächer
  • Das Buch klingt teils wie ein leicht entschmalzter Roman von Thommie Bayer – wegen der Künstlertypen in der Provinz. Insbesondere dachte ich an Bayers Aprilwetter: Ein Gitarrist kehrt auch dort aus der Fremde in deutsche Lande zurück und reaktiviert Beziehungen zur lokalen Damenwelt
  • Ein Geschwister beobachtet andere Geschwister heimlich beim Liebesspiel und wird bemerkt, das schreibt auch Richard Yates in Cold Spring Harbor
  • Beim Romanende dachte ich an Tod in Venedig und Devdas, aber das ist sicher nur meine Überspanntheit am Schluss eines problematischen Romans, der trotz seiner Kürze auf den letzten Seiten arge Längen lieferte
  • Christophersen verdreht am Romanende schon etablierte Fakten und verwirrt den Leser. So ähnlich verwirrt auch Lorrie Moore den Leser in Die Verrückungen der Benna Carpenter (1996, engl. Anagrams)

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