Rezension Biografie: A Scandalous Life, The Biography of Jane Digby (1807 – 1881), von Mary S. Lovell (1995) – 8 Sterne – mit Pressestimmen

Sie war die schönste Frau ihrer Zeit und heiratete blutjung in höchste englische Kreise. Jane Digby hatte bald schon Liebhaber und außereheliche Kinder. Mehrfach war Digby unsterblich verliebt, schreibt Mary S. Lovell in ihrer packenden Biografie, aber nicht in jeder Ehe oder Beziehung.

Digby verkehrte, wortwörtlich, in den höchsten Kreisen von London, Paris, München und Athen und kam zur Ruhe erst in Damaskus. Könige, Edelmänner und Scheichs verfielen ihr. Sie war Mätresse des Bayernkönigs Ludwig I. (1786 – 1868) in München und bezirzte später dessen Sohn Otto in Athen; Ludwig schenkte der mit einem Baron Verheirateten eine Tochter. Digby figurierte schon zu Lebzeiten in nicht weniger als acht Romanen, u.a. in Balzacs Lilie aus dem Tal.

Die außergewöhnliche Jane Digby lebte später mit einem albanischen Räuberbaron – bis er sie mit ihrer langjährigen Zugehfrau betrog. Dann heiratete sie einen syrischen Beduinenscheich, der 20 Jahre jünger war als sie und die Mutter seiner Kinder für Digby in die Wüste schickte. Und diese Verbindung hielt 28 meist glückliche Jahre, bis dass der Tod sie schied.

Fazit:

Liebe, Verrat, High Society, europäische Metropolen und exotisch ferne Länder, Digbys Geschichte bedient alle Instinkte. Mary S. Lovell erzählt Jane Digbys unglaubliches Leben flüssig, souverän und mild süffig. Lovell tat viele neue Quellen auf, flutet ihren Haupttext jedoch nie mit Daten oder Zitaten.

Lovell produziert vielmehr elegante Stimmungsbilder und Zusammenfassungen, hält die Geschichte mit runden Kapitelübergängen in Schwung (wenn auch gegen Ende zu erwartbar); man kann das Buch kaum ablegen. Sie zitiert natürlich auch aus den zeittypischen Tagebüchern und Gedichten der Protagonisten, ebenso aus Briefen, Gerichtsakten und aus der englischen Presse, die an Digbys Kapriolen gut verdiente – ein dramatischer Stoff, ideales Material für eine Biografin, und das bei exzellenter Quellenlage.

Das Leben in Londoner Adelskreisen schildert Lovell überaus lebendig. Auf späteren Stationen verliert Lovell dieses scharfe Auge für den Hintergrund jedoch etwas; das gilt auch für den langen Syrien-Teil, trotz bester ergiebiger Primärquellen. Aber Lovell sagt selbst im Vorwort, dass sie Material für 1000e Seiten hatte, doch bewusst ausgewählt hat.

Weil so viel passiert, wirkt es manchmal, als ob man einen noch längeren Bericht liest. Langweilig ist es jedoch nie: erstens lebt Digby so aufregend und zweitens erzählt Lovell gut.

Insgesamt ein starkes Buch über eine starke Frau. Es ist auch unter dem Titel „Rebel Heart – A Scandalous Life“ bekannt.

Vergleich mit Lovell’s Burton-Biografie:

In Syrien traf Jane Digby auf Isabel und Richard Francis Burton (1821 – 1890). Über den englischen Entdecker und dessen Frau veröffentlichte Mary S. Lovell 1998 eine dicke, ebenfalls gut lesbare und aufwändig recherchierte Biografie.

Beide Bücher scheinen gründlich recherchiert zu sein und gelten Stand 2015 als die besten zu ihrem Thema, jeweils mit zahllosen genauen Quellenangaben. In beiden Bänden nimmt Lovell die weiblichen Hauptfiguren betont in Schutz und verteidigt sie vehement gegen allerlei Kritik und Vorurteile.

Während Lovell Isabel Burton im Burton-Buch fast eifernd in ein gutes Licht stellt, klingt sie bei Digby zwar deutlich zugewandt, aber zwischen den Zeilen scheint sie auch milde über Digby zu schmunzeln. Laut Lovell war Digby von Liebe und Leidenschaft geleitet – und nicht etwa nymphoman oder (so der zeitgenössische englische Ausdruck) „fast“. Digby, schreibt Lovell, wollte geliebt werden und verließ ihre Männer, wenn sie sich ungeliebt fühlte.

Auffällig: In der Digby-Biografie steht Isabel Burton nicht so gut da wie in der späteren Biografie zu Isabel und Richard Burton, in der Mary S. Lovell die Zeit in Damaskus noch einmal aus Sicht der Burtons beschreibt.

Aufbau:

Der Haupttext der Digby-Biografie umfasst etwa 333 Seiten. Digbys Jugend widmet Lovell etwa 20 Seiten. Digbys verschiedenen Beziehungen in England, Deutschland und Griechenland gelten die nächsten 130 Seiten (mit wichtigen Aufenthalten auch in Paris, Basel und auf Sizilien). Mit Mitte 40 in Damaskus kommt Digby zur Ruhe – sie wechselt Land und Mann nicht mehr. Diesem letzten, langen Lebensabschnitt gelten die weiteren 183 Seiten.

Das Digby-Buch bringt auf 16 Kunstdruckpapierseiten interessante Fotos und Zeichnungen, alle in Schwarzweiß. Dort lernen wir auch Digbys wichtigste Geliebte und Ehemänner kennen, ebenso einige ihrer noblen Wohnsitze und freche englische Karikaturen.

Lovell produziert ein ausführliches Stichwortverzeichnis (das auch Orte und Sachen auflistet, also nicht nur Personen) und Kurzbeschreibungen der verschiedenen Archive. Lovell präsentiert natürlich eine allgemeine Bibliografie, aber keine systematische Liste der Romane und Filme über Digby. Zeittafel oder Landkarten bot meine Fourth Estate-Taschenbuch-Ausgabe nicht.

Die Nachfahrin:

Pamela Digby Harriman (1920 – 1997) war direkte Nachfahrin Jane Digbys mit sehr bemerkenswerten Parallelen zu Jane Digby – und ebenfalls lebenslustig, mehrfach in höchsten Kreisen verheiratet oder liiert, Jane Digby äußerlich nicht unähnlich, zuletzt US-Botschafterin in Paris. Pamela Digby heiratete u.a. einen Sohn Winston Churchills, viel später half sie Bill Clinton ins Amt, zwischendurch war sie Geliebte Giovanni Agnellis und anderer Industriebarone.

„A unique story well told…“ – die Kritiker:

Washington Post:

Fortunately, Mary Lovell stumbled onto Jane’s letters and diaries, which had been preserved by her family. From these accounts, plus Lowell’s own scrupulous research, she has finally set the record straight about an amazing, accomplished and much maligned woman. It is a unique story well told.

Goodreads: 4,01 von 5 Sternen bei 522 Stimmabgaben

J.L. Ashurst bei Amazon UK:

Mary Lovell had access to an immense amount of documentation during the writing of this book, including the diaries (previously thought lost) of Jane Digby herself. This lends the book a wealth of colour and detail which many biographies cannot match…. it is too short and definitely not detailed enough considering the source material. I have the strong suspicion that this is the publisher’s fault. The most detailed part of the book is Jane’s life from her late forties onwards. I felt that the earlier part of her life, including the eponymous scandal of her first divorce, should have been framed better in its period.

Publishers Weekly:

Lovell provides vivid descriptions of tribal life as well as Digby’s more lavish existence in Damascus, where she entertained Western tourists. So much for repressed Victorians.


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