Filmkritik: Night on Earth (1991, von Jim Jarmusch, mit Gena Rowlands, Winona Ryder, Roberto Benigni) – 7 Sterne – mit Video

Der FilmFilm zeigt fünf unverbundene Geschichten von fünf längeren, nächtlichen Taxifahrten in fünf Großstädten – Los Angeles, New York, Paris, Rom und Helsinki. Regisseur und Autor Jim Jarmusch skriptete überwiegend hervorragend, teils sehr gefühlvoll, teils rabiat sarkastisch, mit starken Dia- und Monologen. Die Schauspieler bringen ihre oft schrägen Figuren oft überzeugend und sehr präsent auf die Leinwand, unter ihnen Armin Mueller-Stahl, Béatrie Dalle, Gena Rowlands, Winona Ryder, Béatrice Dalle.

Eindrucksvoll zudem: die Kamera zeigt die lenkenden und dabei vor sich hinbrütenden Taxifahrer oft aus nächster Nähe (gefilmt aus einem Abschleppwagen, der das Filmtaxi hinter sich her zog). Sehr gut: Jeder Film läuft mit Untertiteln in der Landessprache ab.

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Jede Story läuft eine knappe halbe Stunde lang durch, das war’s. Die Figuren tauchen später nicht wieder auf. Obwohl aufdringlich eingeblendete Uhren die Zeitgleichheit der Geschichten betonen, gibt es keine Querverbindungen oder auffällige Parallelen in Handlung oder Dialog. (Höchstens dass häufig ärmere rauchende Außenseiter in der Nacht figurieren, könnte als Gemeinsamkeit gelten.)

Night on Earth erhielt höchstes Lob bei Publikum und Profikritik, und obwohl mir das Genre „nächtlicher Taxifilm“ nicht weiter behagt, fesselte mich Night on Earth ebenfalls, vor allem wegen der Dialoge und einiger ausdrucksvoller Gesichter.

Ich möchte aber auch ein paar Dinge kritisieren:

Manche Figuren sind zu ausgeflippt extrovertiert, sie zelebrieren irre Solo-Auftritte und dominieren ihre Geschichten durch drastische Komik, u.a. Giancarlo Esposito, Rosie Perez und Roberto Benigni. Unangenehm vulgär werden sie dabei auch. (Die würdevoll-warmherzig spielende Gena Rowlands hebt sich davon besonders deutlich ab.) Auch das Zigarettenanzünden gehört zu den Ritualen. Die betont unglamourös-ärmliche Attitüde erinnert an ähnliche Stimmungen bei Fatih Akin-Filmen, ebenso das Rauchen.

Die Bilder wirken zu repetitiv: ein Taxi biegt auf nächtlich leeren Straßen rechts ab oder umrundet einen Kreisverkehr, ein Taxifahrer guckt nichtssagend nach vorn – solche Einstellungen kehren zu oft wieder. Außer Taxis und Straßen sieht man nichts, ab und zu beschweren sich Straßenkehrer oder andere Taxifahrer über rücksichtslosen Fahrstil.

Winona Ryders Rolle als mackerhaft pubertäre Taxifahrerin in Los Angeles überzeugt gar nicht: Sie gibt sich aufdringlich grob, schmatzt penetrant Kaugummi, pilotiert ein aufdringlich klappriges Gefährt. Dass sie das Angebot zu einer Filmkarriere ablehnt, weil sie unbedingt Mechanikerin werden will, wirkt sehr aufgesetzt; ebenso, dass Gena Rowlands als Filmagentin aus einem Nobelflugzeug mit Nobelgepäck in die Schrottkarre dieser qualmenden Proletin steigt.

Die gesungenen Stücke von Tom Waits sind wohl Geschmackssache. Sie haben nichts mit dem Film zu tun, die Kratzstimme nervt noch mehr als die aufdringlichen Komikerdarsteller. Die wiederkehrende Instrumentalmusik stammt aus der Reihe „Alltag anders/Korrespondenten berichten über“ bei Deutschlandfunk Kultur.

Meine Favoriten im Film sind Gena Rowlands, der stoische Pariser Taxifahrer Isaach de Bankolé und das ganze versoffen-traurige Ensemble in Helsinki, das so gar nicht auf die laute Komikerpauke haut.


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