Romankritik: Mittelalte Männer, von Richard Russo (1997, engl. Straight Man) – 8/10

 

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Der Roman hat ein Gerüchle. Der Ich-Erzähler redet zu oft von seinen Pipiproblemen und den unzähligen Trips zum Klo:

…after my last vigil at the urinal… I spend a lot of time with my dick outside my fly these days… heavy, limp dick in hand…

Er beneidet ohnmächtig den Prachtstrahl von Bobo und Russell. Später ein langes Palaver beim Urologen. Gekritzelte Klo- und Zellensprüche verbatim. Präpubertär.

Kneipen und Konferenzzimmer:

Richard Russo erfindet viele sarkastische, freche Dialoge, ein paar Slapstick-Absurditäten und ein paar genüsslich peinliche Szenen. Der Autor bewältigt eine turbulente Bar-Szene so, als ob die Kamera ständig von einem Akteur zum nächsten wanderte, und fängt dabei unterschiedlichste markante Details ein; hervorragend.

Das Professorengeschacher um Posten – “the ever-changing world of departmental politics“ – schildert der einstige Professor Richard Russo teils ermüdend ausführlich. Ich habe nicht alle Feinheiten verstanden, und die Fallhöhe prickelt nicht: ein paar dödelige Profs könnten ihre Stellung verlieren.

Keine Frauen:

Ganz am Ende beschreibt der Ich-Erzähler eine Versammlung:

There were no women, which was good.

Das kann man auch über den Roman sagen: Männer an allen Fronten spielen die Hauptrollen, ein paar Frauen werden angebetet (die Ehefrau des Ich-Erzählers sowie seine Sekretärin, weniger seine Tochter); doch die Ehefrau ist meist verreist, und alle anderen Frauen dienen nur als Statisten und Projektionsobjekte. Ein Kumpelroman, der nach Pipi riecht.

Fasziniert hat mich dieser Satz (ich kenne nur das englische Original):

My daughter belongs to a talk show generation that seems to be losing the ability to discriminate between public and private woes. She sees no reason she shouldn’t tell her friends about her marriage… it’s not even the knee-jerk confession mode that worries me most. It’s my daughter’s fear of silence and solitude…

Das Buch erschien 1997. Was sagt Richard Russo zu heutigen Insta-Exhibitionisten und Tiktok- Hysterikern?

Vergleich der Russo-Romane Mittelalte Männer (1997) und Nobody’s Fool(1993):

Beide Romane liefern gepfefferte Dialoge, Zynismus mit Herz, Provinznester auf absteigendem Ast, Provinztypen der Arbeiterschicht, und viel Gerede über und Herumgurken in genau bezeichneten Autos. (Auch die Professoren in Straight Man wirken wie Provinztypen.) Es gibt einen stillgelegten Freizeitpark und herrlich altmodische Medien wie Lokalfernsehen, Münztelefon und Lokalzeitung sowie einen naiv-scheuen sidekick. Ein paar grotesk unrealistische Szenen entwerten die sonst jeweils betont vielschichtig konstruierte Handlung.

Natürlich spielt Nobody’s Fool unter kleinen Leuten, die deutlich prekärer wirken als die Profs aus Mittelalte Männer.

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