Fazit:
Stine Pilgaard schreibt kleine zeitgeistige Halbseiter und Anderthalbseiter und verkauft diese Textschnipsel-Collage als “Roman”. Eine Verpackungslüge: Nichts entwickelt sich im Buch, kein Anfang und kein Ende, abgesehen von einer endlich bestandenen Führerscheinprüfung. Die eingeflochtenen Kummerkasten-Briefe und -Antworten verbinden sich kaum mit dem Haupttext. Die Protagonistin und ihr Umfeld – Lehrerkomplex an der Schule – bleiben unscheinbar.
Der “Roman” hat nur rund 252 Seiten Haupttext, und wegen der zahllosen Minikapitel, Hauptkapitel, Leserbriefe und Antworten bleiben viele Seiten mindestens halb leer (ich lese auf Papier). Trotzdem wirkt der Text lang, und nach zwei Tagen fragte ich bang, wann er wohl zu Ende geht. Ich hielt durch.
- Amazon-Werbelinks: Stine Pilgaard | Lorrie Moore | Bestseller Literatur | Bestseller Biografie | Bestseller Elektronik + Foto
Kummerkasten:
Der erste Leserbrief an den Kummerkasten ist noch originell, weil die Kummerkastentante (die Ich-Erzählerin) in der Antwort schrullig nur von sich selbst rhapsodiert und erst am Schluss kurz auf die Frage eingeht. Doch die weiteren Fragen – meist von trübtassigen Singles – und Antworten alle paar Seiten unterscheiden sich davon nicht, und das wird schnell langweilig, weil ostentativ unrealistisch. Alle Fragen und Antworten klingen gleich und zudem so wie die Ich-Erzählerin.
Die Kummerkastetante verspottet ihre Kummerkastenbefrager, und die Buchautorin verspottet ihre Buchkäufer.
Die Leserbriefe haben meist nichts mit der sonstigen Handlung zu tun – was interessanter wäre. Die Ich-Erzählerin hat den Kummerkastenjob erst zu Beginn der Roman”handlung” erhalten, doch sie erwähnt nie einen Kontakt zur Redaktion oder ob sie die Leserfragen selbst erfindet.
Das Ehepaar im Mittelpunkt des Romans lebt in einer Lehrerwohnung direkt an einer Schule, und die übergriffige Direktorin will alle dort Wohnenden belehren und in Gemeinschaftsaktionen hineinziehen – ein bizarres Arrangement, das ich mir in Mitteleuropa nur sehr schwer vorstellen kann; offenbar existiert es aber an älteren dänischen Schulen tatsächlich.
Wieder und wieder und wieder erwähnt die Ich-Erzählerin ihre Bekannten wie Flexbirgit und Parkplatzpeter, ohne dass etwas passiert. Sie beschreibt ermüdend “siebenundachtzig“ eigene Fahrstunden, bevor es auf den letzten Seiten zur Fahrprüfung geht. Der Vergleich mit Bridget Jones passt nicht, weil es weder Handlung, Humor noch Liebesnöte gibt.
Sprache:
Die Autorin schreibt zeitweise unterhaltsam neben der Spur, etwa:
Die Stadt ist voll von… so vielen Vegetariern, dass man die Schweine damit füttern könnte
Tja, ich habe ein paar muntere Leseproben online gesehen, 4,80 Euro für ein Gebrauchtexemplar bezahlt und konnte nicht ahnen, dass das ganze Buch fast zusammenhanglose snippets liefert, einzeln betrachtet teils ganz munter, aber monoton und keine runde Geschichte.
Gemüsebrei, Getreidebrei, Milch, Pipi:
Die Ich-Erzählerin assoziiert unentwegt aufdringlich sexuelle Verrichtungen und Körperflüssigkeiten:
Hat denn niemand in Velling Sex, frage ich, schaut Pornos oder onaniert… Sie sieht aus, als hätte man ihr eben Kot oder Erbrochenes vorgesetzt, den Ausfluss einer entzündeten Wunde oder gelb-grünen Herbstschnodder… das sieht ja aus wie Morgenurin… Ihre Scheibenwischer wischten das Blut hin und her… Du siehst aus wie Braunbier mit Spucke… viele neue Möglichkeiten, sich aus der Einsamkeit zu befreien, man kann es mit Sex versuchen oder mit Alkohol… zwei Fliegen, die auf meinem Knie leidenschaftlich Sex haben… Remoulade… ((Freundschaften auf dem Land)) sind wie ein Straßengraben, wenn man pinkeln muss… nachdem wir Troels einen Schwanz auf die Wange gemalt hatten, dessen Spitze auf seinen Mund deutete… waren unsere Feuchttücher überhaupt feucht genug, oder konnte man auch feuchtere Feuchttücher bekommen. Und wie feucht sollten Feuchttücher sein… Problemthemen. Gemüsebrei, Getreidebrei, Milch, Pipi… Stellt euch die Sprache wie ein raffiniertes Sexspiel vor, sage ich, schlagt euch selbst und schlagt einander…
Schmackofatz, vor allem die Lektüre beim Essen. Kein Empfindlichkeitsleser, keine Triggerwarnung?
Übersetzung:
Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt flüssig und nicht „wie übersetzt„. Die “unbedingte Vorfahrt” und “ein nicht gewaltsamer Todesfall“ irritierten mich indes, das „Klaffen” musste mir die KI erklären (Bäuerchen machen). 0-2jährige gehen in diesem Buch in die „Kita“ und erst ab 3 in den „Kindergarten“ (S.150); statt „Kita“ wäre „Krippe“ meines Erachtens für deutsche Leser klarer.
Anglizismen wie “unser Gegoogel” oder mehr noch „die ganze Nacht gegamt“ enthusiasmieren mich nicht. Dann gibt es den Satz:
Der einzige Unterschied zwischen Geradeaus- und Rückwärtsfahren ist, dass man nicht geradeaus fährt, sondern rückwärts.
Ich meine: Lieber 2x „vorwärts“ als „geradeaus“. Das Problem kehrt wieder auf Seite 219.
Ernsthaft unterwältigt das regelmäßige Dativ-e („im Kreise“, “im Jahre“), es passt nicht zum betont saloppen Tonfall der Ich-Erzählerin und klingt auch nicht ironisch. Offenbar gibt es im Dänischen kein Dativ-e, das ist also hier eine stilistische Entscheidung des Übersetzers Hinrich Schmidt-Henkel.
Er liefert am Schluss ein paar landeskundliche Hinweise und betont, dass sein Mann Frank Heibert (Übersetzer von Lorrie Moore und Richard Ford, 2x eine ganz andere Liga als Stine Pilgaard) die Liedtexte der Ich-Erzählerin in Reimform brachte. Laut Impressum ist Heibert auch der Buchlektor.
Der dänische Originaltitel des Buchs, “Meter i sekundet”, erscheint nach meiner Übersicht nicht im deutschen Kanon-Hardcover. In Dänemark soll das “Werk” sehr erfolgreich gewesen sein, bekommt aber auf Goodreads nur 3,73 von 5 Sternen bei gut 8000 Wertungen (Mai 2026).
Assoziation:
- momentweise so gleichgültig salopp und respektlos wie Julia Deck oder die junge Lorrie Moore
- Amazon-Werbelinks: Stine Pilgaard | Lorrie Moore | Bestseller Literatur | Bestseller Biografie | Bestseller Elektronik + Foto
Bücher bei HansBlog.de:
