Romankritik: Die Zeit mit Anaïs, von Georges Simenon (1951) – 3/10

Zu Beginn des Romans ist der brutale Mord bereits geschehen, der Mörder bekannt, geständig und in Polizeigewahrsam. Trotzdem erklingt noch mehrfach der grauenhafte Tathergang  – ein bissl Gewaltporno, er ist gesund und macht uns hart.

Der Täter als Opfer:

Georges Simenon (1903 – 1989) schreibt aus Täterperspektive, und wie der Ärmste seine nicht immer achtsame Behandlung in der Untersuchungshaft durchleidet: Gefängniswärter grüßen ihn nicht, verabschieden sich nicht, Untersuchungsrichter und Kommissare bieten kein Essen an und duzen; ein Skandalon, das Simenon einfühlsam schildert, der Täter als Opfer:

für keinen, das spürte er, war er noch ein richtiger Mensch

Seine Sensibilität bewies der Täter bereits, als er das noch lebende und bös entstellte Opfer gnädig vollends todprügelte. Und der Drang nach Prostituierten überwältigte ihn einst

so sehr, dass er weinte.

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Liebe Triebe:

Fernande, die Frau des Täters, ist eine promiske Schlampe, so recht nach dem Geschmack des Autors. Ein Knaller auch die Titelheldin, 17, mit “ihren vollen, stets halbgeöffneten Lippen”, stöhn, “Unterleib pur”, das Dorfflittchen,

ein üppiges Frauenzimmer, das es schon lange mit Männern trieb.

Auch andere Frauen überzeugen durch Lustobjekthaftigkeit.

Langweilig und unrealistisch: der Täter lehnt die Empfehlung seines Rechtsanwalts ab, auf eine Eifersuchtstat zu plädieren, nein:

“Ich werde die Wahrheit sagen.”

“Welche Wahrheit”, fragt der Anwalt zurück, und der Leser weiß es auch nicht. Die “Wahrheit” könnte offenbar zur Todesstrafe führen, anders als vorgebliche Eifersucht.

Fast weggelegt:

Hier, ungefähr zur Buchmitte, hätte ich den Roman fast weggelegt. Zudem tritt die Titelheldin mit dem verführerischen Namen nur spät und knapp in Erscheinung. Man fragt sich auch, was der Roman noch erbringen soll – alles ist ja bekannt. Nur um weiter die Psyche des lächerlichen Täters oder das Strafmaß kennenzulernen, will man das doch nicht lesen.

Doch die üblichen Non-Maigrets von Simenon sind so kurz, dass man sie auch bei geringerer Qualität fast unbeschadet zu Ende liest. Und in all dem Geseiche und Geraune bringt Routinier Georges Simenon immer noch interessante Details unter. Ein Beispiel: Die Geschichte spielt unter Filmproduzenten, und einer von ihnen

hatte vor Hitlers Machtübernahme bei der UFA und dann in Wien gearbeitet.

Die Übersetzung von Ursula Vogel klingt unauffällig gut lesbar, nicht “übersetzt”. Laut Wikipedia erschien diese Übersetzung schon 1987. Andere frühe Simenon-Übersetzungen sind problematisch, und ich weiß nicht, ob die Anaïs-Übersetzung für mein 2020er-Taschenbuch im Atlantik-Verlag innerhalb von Hoffmann und  Kampa  Campe bearbeitet wurde (einen Hinweis dazu sah ich nicht).

Assoziation:

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