Kritik Psychologie-Liebe-Geschichten: Die Liebe und ihr Henker, von Irvin D. Yalom (1989, engl. Love’s Executioner) – 8 Sterne

Die fiktionalisierten Fallgeschichten sind mal 15, mal 50 Seiten lang (ich kenne nur das engl. Original, nicht die Eindeutschung von Hans J. Heckler). Ein Highlight ist wohl die Geschichte der „Fat Lady“ Betty: Yalom beschreibt ihre Diäterfolge mitreißend wie einen Sportwettkampf und zieht Parallelen zu ihrer Jugend, als sie zuletzt ähnlich wenig wog, und er ändert dabei zugleich seine Haltung zur Patientin. Hier gibt es – ungewöhnlich – eine kleine Querverbindung zu einer anderen Geschichte im Buch.

Psychiatrie-Professor Irvin D. Yalom hält in der Psychotherapie diese Grundgegebenheiten für wichtig: wir und unsere Liebsten müssen sterben; wir gestalten unser Leben selbst; wir sind letztlich allein; das Leben hat keinen klar erkennbaren Sinn.

Menschen aus Fleisch und Blut:

Yalom schreibt sehr gut und kreiert eindrucksvolle Menschen aus Fleisch und Blut. Man will kaum glauben, dass er – wie im Vorwort breit geschildert – seine Patienten im Text deutlich anonymisierte; Namen, Wohnorte, Berufe, Lebensumstände, Krankheiten, alles wurde geändert; doch sie wirken so realistisch (und exzentrisch).

Yalom liest sich meist hervorragend. Zuweilen jedoch schreibt er nicht chronologisch, beginnt mitten in der Therapie und berichtet erst später überraschend Neues, das er bereits seit sechs Monaten weiß:

At our first session six months before, I had asked him…

Das wirkt unrund, konstruiert und erschwert das Mitnachvollziehen: aus heiterem Himmel präsentiert Yalom neue Aspekte, die man früher kennen wollte. Bei den „Three Unopened Letters“ arbeitet Yalom sogar mit einem verbotenen Cliffhanger, und er verwendet wiederholt dramatische Story-Einstiege, um dann erst den Fall aufzurollen.

Spekulativ:

Gelegentlich stellt Yalom sich zu ausgiebig vor, was passieren könnte, solche Spekulationen wirken unergiebig, bei der menschlichen Psyche ist schließlich nichts vorhersehbar. So beginnt ein Absatz auf Seite 158 unten mit

I imagined that Dave would…

Und dieser Absatz enthält noch sechsmal das Wort „would“. Fruchtlose Spekulation, oder?

Nur ausnahmsweise klingt Yalom gefühlig:

Penny burst out crying. She pointed to her watch to remind me our time was up und rushed from the office with her face buried in Kleenex.

Gelegentlich verwendet Yalom Vokabeln, die ich nicht unmittelbar parat habe, wie assuage, relinquish, dizygotic twins, armadillo, debride, transposition, salubrious, recrudescence, hale, auger.

Yalom über Yalom:

Irvin D. Yalom schont sich selbst nicht in seinen Berichten. Er schreibt über über seine Patienten und über sich:

I could picture him strangling someone… I could not help glancing at his large, strangler’s hands.

I had also embarrassed myself professionally.

…my relief that it was he, and not I, who was dying.

I did not think through my decision clearly and… remained unsure

Manchmal lobt er sich selbst:

…a Stanford professor

Reden die Patienten derb Vierbuchstabiges, zitiert Yalom das ungerührt. Dann wieder zitiert er Martin Buber, Kant, Nietzsche, Heidegger und Hemingway. Manchmal weiß man nicht, ist’s Humor oder Wissenschaft (kursiviert wie im Buch):

I tutored her in the basic feelings (bad, sad, mad, and glad).

Obwohl er öfter seinen Therapieansatz erklärt, wird Yalom nur ausnahmsweise etwas theoretisch:

Her sadomasochistic trends were so pronounced that she was attracted by the idea of dual immolation.

Wenigen Geschichten allerdings hängt Yalom einen „Epilogue“ an, in dem er seine Therapiemethoden wissenschaftlich erläutert und weitere Fälle streift – diese Epiloge unterscheiden sich deutlich vom Haupttext, sie fesseln weit weniger. Auch das Vorwort klingt spröd und hält mein Interesse nicht.

Mitgefühl:

Man ist immer wieder überrascht, wieviel Mitgefühl der stark eingespannte Psychoprofi und Familienvater für seine meist unsympathischen Patienten aufbringt, laut Buch:

More than anything, i felt sorrow. Sorrow for Dave, for his isolation…

I was moved by her, I wanted to comfort her.

I imagined cradling him in my arms and found the idea agreable.

Yalom bezeichnet sich selbst als gestressten Mann:

How many times have I yearned for the luxury of a carefree Wednesday afternoon walk… we were both chased by the same man with a rifle.

Gleichwohl macht Yalom für Patienten Überstunden, besucht sie sogar mehrfach zuhause, selbst wenn die Bettlägerigkeit vorgetäuscht ist. Und er akzeptiert mindestens 20 „midnight crisis phone calls“ ausgerechnet von Psychoten. Viele Geschichten enden mit einem deutlichen Therapieerfolg.

Mindestens einmal scheint Yalom sich klar zu widersprechen. So sagt er erst, er hüte zu Hause, wie Patient Dave, einen Schwung  verheimlichter Liebesbriefe (die Gattin liest sein Buch wohl nicht?); eine Seite weiter erklärt Yalom – widersprüchlich -, er habe keine Geheimnisse:

I, too, had my sack of letters from a long-lost love. I, too, had them cutely hidden away… I also did not share Dave’s passion for secrecy, and have many friends, including my wife, with whom I share everything.

Nur nicht den „sack of letters“?

Die Fälle:

Thelma, 70, ist völlig besessen von einer kurzen Affäre mit ihrem Ex-Therapeuten vor 8 Jahren. Der war 30 Jahre jünger als sie, und ist es immer noch. Auch Thelmas Mann und der Ex-Therapeut besuchen die Sprechstunde.

Carlos, 39, unheilbar krebskranker Mysoginist, ist ein „dumb shit“ – sagt ihm eine junge Nachwuchstherapeutin ins Gesicht.

Betty, 27, 250 (US-)Pfund, bringt ihren Therapeuten Yalom zu einem einfühlsamen Geständnis: „I have always been repelled by fat women. I find them disgusting“.

Penny, 38, „had three children – and the wrong one died.“ Sie hat noch immer Schuldgefühle, weil ihre Tochter nach vier Jahren Krankheit mit zwölf starb. Die Zahl der Kinder wird noch korrigiert.

Elva, 60, fühlt sich nach dem Tod ihres souveränen Mannes unbeschützt, alle andern sind doof.

Dave, 69, „can’t get it up any more“. Außerdem soll der Therapeut für ihn einen Stapel verheimlichter Liebesbriefe verstecken, die Daves vierte Frau beim Hausputz nicht finden darf.

Maria, 40, trauert seit sieben Jahren um ihren verunglückten Mann. Braucht nach Unfall einen bestimmten Arzt, der sie belästigt. Yalom beobachtet ihre Hypnose durch einen Kollegen.

Saul, 63, hochintelligent, leidet am Impostor-Syndrom, verachtet sich deshalb selbst und kann drei Briefe nicht öffnen, in denen er (zu Unrecht?) niederschmetternde Vorwürfe erwartet.

Marge, 35, wurde vom Vater missbraucht, verachtet sich selbst, hat keinen in der Welt außer ihrem Therapeuten du jour (seit 23 Jahren), ist hysterisch und psychotisch, verkündet ihren Selbstmord.

Marvin, 64, Neurentner, leidet plötzlich unter Migräne und Impotenz. Seine Frau kooperiert nur begrenzt. Erstaunliche Träume, und ihre Deutung.

Freie Assoziation:

  • Rund zehn unverbundene Fallgeschichten erzählt Yalom auch in Denn alles ist vergänglich/Creatures of a Day (2015); auf rund sechs bis zwei Protagonisten konzentriert sich Yalom in Die Reise mit Paula/Momma and the Meaning of Life (1999) und Jeden Tag ein bisschen näher/Every Day Gets a Little Closer (1974); ein Psychologen-Roman ist Die rote Couch/Lying on the Couch (1996).
  • Psychologe Frank Tallis in Der unheilbare Romantiker beschreibt teils ähnliche Fälle wie Yalom in Die Liebe und ihr Henker. Tallis‘ Geschichten sind etwas kürzer, noch etwas skurriler. Andererseits dachte ich bei Yalom manchmal, so verrückt sind nur die Kalifornier. Beide Autoren reden gelegentlich über Therapieansätze, für meinen Geschmack jeweils etwas zu ausführlich. Beide Autoren schreiben trotzdem gut lesbar, fast wie Belletristen.
  • Mein Neurologe.
  • Die Kollegen Wolfgang Schmidbauer und Irvin D. Yalom berichten jeweils unerwartet über sehr persönliche Dinge. Gleichwohl ähneln sich ihre (mir bekannten) Bücher nicht.
  • Amazon-Werbelinks: Irvin D. Yalom insgesamt | Die Liebe und ihr Henker | Psychotherapie

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