Diese Sammlung hat, warnt der Guardian,
several stories featuring violent death
Darum habe ich nach Vorrecherchen nur drei Geschichten gelesen. Doch schon dafür lohnt sich das Buch, dessen englische Ausgabe man wie üblich gebraucht günstig bekommt.
Fiction (2009) – 7,5/10
Joyce und Jon leben auf einem einsamen Gehöft. Nach der Trennung heiratet Joyce Matt, doch überraschend bringen eine Begegnung und eine Buchveröffentlichung Erinnerungen zurück. Englischer Volltext.
Flüssig und atmosphärisch geschrieben, Alice Munro driftet mühelos durch Jahrzehnte und Konstellationen, mit markanten Dialogen. Raffiniert mischt die Autorin ihre auktoriale Erzählung mit (mutmaßlichen) Fakten, die aus einer fiktiven Kurzgeschichte stammen; allerdings klingt die Kurzgeschichte dezidiert banal, man fragt sich, wie so etwas zwischen Buchdeckel geriet.
Assoziation: Junge, leicht driftende, kinderlose und künstlerisch angehauchte Frauen, teils Lehrerinnen, figurieren häufig bei Alice Munro. – Wie so oft bei dieser Autorin endet die Geschichte leicht unrund, aber damit womöglich realistischer. – Nebenfigur Christie ist Jungschriftstellerin und ”thinks she’s hot shit”. Ihr Erstling mit Kurzgeschichten hat ”some title like a how-to book” – eine Anspielung auf Lorrie Moore und ihr Debüt ”Self-Help” (1985)? – Ein junges Paar lebt in kanadischer Waldeinsamkeit, das klingt auch nach Munros Kurzgeschichte Wood im selben Band (s.u.) und nach weiteren Munro-Texten.
Some Women (2008) – 7,5/10
Teenagerin erzählt, wie sie sich um einen todkranken Leukämiepatienten kümmern muss und wie sein Umfeld sich teils manipulativ verhält.
Die Autorin trifft den Ton der 13-jährigen hervorragend, die Geschichte deprimiert weniger, als die Konstellation vermuten lässt. Auch die Akteure sind gut getroffen. Eine der leichter zugänglichen Munro-Geschichten fast ohne Zeitsprung, Gesäusel und Rätselhaftigkeit, genau deshalb erscheint sie einen Tick zu federleicht – erst zum Schluss gibt’s Rätsel, jedenfalls für mich.
Nur kurz zu Beginn und am Ende merken wir, dass hier nicht eine Teenagerin erzählt, sondern eine erwachsene Frau im Rückblick – dazu aber passt der kindlich-naive Ton nicht, die Erzählstimme müsste analytischer klingen. Erschienen im New Yorker in zwei Teilen 2008.
Assoziation: andere mild neckische Munro-Geschichten, bei denen eine Teenagerin als Haushilfe Erwachsene beobachtet: „How I Met My Husband“ (1974) aus dem Band „Something I’ve Been Meaning to Tell You“; und „Thanks for the Ride“ aus dem Band „Dance of the Happy Shades”
Wood (1980) – 7/10:
Ein introvertierter Schreiner und Holzfäller liebt Waldstücke, in denen er Brennholz schlagen kann. Ein Gelände, das ihm der Besitzer mündlich zusagte, könnte ohne sein Wissen auch anderweitig vergeben sein. Dann passiert Unvorhergesehenes. Erschien zuerst im New Yorker 1980.
Eine der wenigen Geschichten von Alice Monroe, in denen ein Mann im Mittelpunkt steht. – Sehr einfühlsam. – Ich liebe Details, doch hier erzählt Alice Munro zu viel Klein-Klein über Baumarten und Forstwirtschaft. – Schlecht auch: das unvorhergesehene Ereignis kündigt die Autorin über mehrere Sätze dramatisch an:
What happens to Roy now is the most ordinary and yet the most unbelievable thing. It is what might happen to any…
Ein hübscher Satz indes:
If he pretends the incline goes on forever, it’ll be a kind of bonus, a surprise to get to the top.
Und die letzten vier Seiten sind Munro vom Feinsten.
Assoziation: die Wohnlage der Hauptfiguren erinnert an Joyce und Jon aus der Geschichte Fiction im selben Munro-Band (s.o.).; und an weitere Geschichten von Alice Munro mit jungen Paaren kanadischer Waldeinsamkeit. – Die Quälerei erinnert vag an das Bergsteigerbuch Am Abgrund (bei Munro weit weniger dramatisch, gleichwohl ungut für mein sensibles Gemüt); – der deutliche Qualitätsunterschied zu den anderen beiden Geschichten hängt sicher auch damit zusammen, dass Wood fast drei Jahrzehnte früher entstand. Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu dieser Kurzgeschichte verlinkt zu einem englischen Vergleich der Textfassungen von 1980 und 2009.
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