Interessante interkulturelle Begegnungen liefert Tété-Michel Kpomassie nicht. Er wird meist freundlich bis überschwänglich aufgenommen – das ist alles. Der Autor beobachtet den grönländischen Alltag indes genau, schildert präzis und ohne Wertung oder Interpretation Fischfang, Robbenjagd, Hund-/Seehundfiletierung, Hundeschlittenfahrt und Dorfleben. Besonders faszinieren Kpomassie offenbar Alkoholkosum, Körperhygiene, Sex- und Toilettensitten.
Die Portraits sind sehr oberflächlich,
Menschen lernt man kaum kennen. Nur Robert Matâk und die Seinen bekommen etwas mehr Platz auf den Text -und Fotoseiten, sogar ein Kapitel ist nach Robert Matâk benannt.
Weniger genau ist das Kapitel über “Mitti aus Ilulissat“: mit dieser jungen Ehefrau verbringt der Erzähler ”vier erfüllte Tage“ auf der Matratze, sonst erfahren wir von Mitti (wie von anderen Grönländerinnen) nur ein paar Äußerlichkeiten (Nasenwurzel, schöne Brust).
Es gibt wenige, vage Verallgemeinerungen wie ”keinerlei Mitgefühl für den, der fällt“. Einmal will der Autor ”zeigen, wie komplex ihr Charakter ist” – da redet er von Schlittenhunden.
- Amazon-Werbelinks: Afrikaner in Grönland | Grönland | Bestseller Literatur | Bestseller Biografie | Bestseller Elektronik + Foto
Ein paar Vergleiche
zieht Tété-Michel Kpomassie (* 1941) zwischen seiner westafrikanischen Heimat, Europa und Grönland:
- in Westafrika und in Grönland kann man mit einem Koffer ungemeldet an die Tür eines Fremden klopfen, in Europa eher nicht
- in Westafrika sind die Ältesten die Herrscher, dagegen schicken Grönländer ihre Senioren ins Altenheim oder zum Sterbengehen
- Begrüßungsrituale
- ähnliche Auswirkungen des Kolonialismus
- Jungmänner müssen die erste Jagdbeute oder den ersten Verdienst mit anderen teilen
- Abschiedsgeschenke mit Eisbären- oder Leopardenteilen
Tété-Michel Kpomassie schreibt nüchtern,
zügig und ohne Blabla, leicht zu lesen in der Übersetzung von Anna Müther, auch wenn mich einzelne Wörter und unverständliche Tempiwechsel wunderten; einige Kommata, Gedankenstriche und Anführungszeichen gerieten daneben oder kamen abhanden. Der Autor schildert nur ungefähr zwei rassistische Beleidigungen und lästert nur vereinzelt über Kolonialismus in Grönland und Afrika.
Eine übergreifende Handlung fehlt diesem internationalen Erfolgsbuch, der Erzähler zieht weiter von Dorf zu Dorf, von Dorftanz zu Dorftanz, von Familie zu Herbergsfamile. Intensiv atmosphärisch ist nur der kurze Afrikateil zu Beginn. Ich finde das Buch auch nicht lustig, aber kurios. Man muss sich schon für fremde Leute interessieren; aber weil ständig neue Überraschungen warten, las ich zügig bis zum Ende.
Das Bericht beginnt heterogen:
Der erste Teil, rund 67 von rund 290 Seiten Haupttext, schildert zeitweise ermüdend genau afrikanische Heilrituale nach einem Schlangenbiss; die vorhergehende Arbeit auf togolesischen Kokosnusspalmen und sein Familienleben hatte der Autor interessant beschrieben, doch die abergläubischen Rituale öden an; gegen Ende des Buchs gibt es ähnlich fade Seiten über die Seelenwanderungen toter Inuit und wie man sie in geordnete Bahnen lenkt.
Zufällig entdeckt Tété-Michel Kpomassie als Jugendlicher in Lomé in einem Missionarsbuchladen ein Grönlandbuch und will nichts anderes mehr. Er reist ab 1958 8 Jahre lang durch Nordafrika und Europa, arbeitet immer wieder, bis er sich endlich 1965 gen Grönland einschiffen kann. Über seine Stationen im Senegal, in Frankreich, Deutschland und Dänemark huscht der Autor nur so hin – jedenfalls fühlt er sich überwiegend gut behandelt und hat keine ernsten Visumprobleme.
Sicher hätte man
schon über die europäischen Stationen in den frühen 60er Jahren aus afrikanischer Sicht mehr schreiben können. Aber angesichts des Ziels Grönland verblassen sie. Auch von seiner Rückkehr nach Europa erzählt der Autor nichts, es hätte mich interessiert.
Meine deutsche Ausgabe aus der Serie Piper Abenteuer endet hart mit dem letzten Tag auf Grönland. Die englische Ausgabe von 2014, „Michel the Giant“ hat gut 20 Seiten „Afterword“, offenbar ein Bericht über Kpomassies Leben nach der ersten Grönlandreise; ein englischer Artikel im Guardian erzählt immerhin knapp weitere Stationen des Autors bis zum 80. Lebensjahr, samt neuer Fotos.
- Amazon-Werbelinks: Afrikaner in Grönland | Grönland | Bestseller Literatur | Bestseller Biografie | Bestseller Elektronik + Foto
Bücher bei HansBlog.de:
