Romankritik: Fliehkräfte (2012), Gegenspiel (2015); von Stephan Thome – 7,5/10:

Schon im ersten Band „Fliehkräfte” lernen wir sie ziemlich genau kennen, den C4-Philosophieprofessor, seine portugiesische Frau aus der Theaterbranche, die mild rebellische Tochter und die so ganz andere Professorenschwester. Stephan Thome beschreibt differenzierte Persönlichkeiten, eigenwillig, aber nicht krass, keine Abziehbilder, klischeefrei, irgendwie im linksliberalen Spektrum, mit Selbstzweifeln und Widersprüchen, ganz normal.

Ungefähr ab der Hälfte, als der akademische Anteil zurück- und die Hauptfigur auf Reise ging, konnte ich die buchpreisgekurzlisteten „Fliehkräfte” nurmehr schlecht weglegen, ähnlich wie danach das „Gegenspiel“. Dennoch störten mich in den „Fliehkräften” didaktische Dialoge und überkonstruierte Konfrontationen. Der zweite Band „Gegenspiel“ setzt die Geschichte nicht fort, sondern erzählt einzelne Aspekte aus Marias Perspektive neu.

“ Fliehkräfte” beginnt im Elfenbeinturm:

„Fliehkräfte“-Hauptfigur Hartmut Hainbach spricht dem Alkohol, den Frauen und den Büchern zu. Allerdings:

Enttäuschend beginnt der erste Roman in staubtrockenem Elfenbeinturm: ein Student und sein Professor – auch noch Philosophie – und die Quittenmarmelade produzierende Professorengattin in Amiland. Die Hauptfigur mokiert sich über Kollegen,

die lieber in die delikaten Verästelungen der Irrelevanz flüchteten, statt Probleme aus der Mitte des Lebens anzugehen.

Und der Autor und sein Plot sind zunächst auch nicht besser. (Die „delikaten Verästelungen der Irrelevanz“ scheint hier die Hauptfigur Hartmut zu denken, später wird dieselbe Phrase von Annes Mann Klaus auf Seite 170 ausgesprochen; mir ist nicht klar, ob diese Doppelung Absicht oder Unfall ist.)

Um das Maß voll zu machen, ist die Schwester des Studenten „die kleine dumme Ruth“ (zwei Jahrzehnte und 400 Seiten später sagt er es ihr wörtlich, im ironisch-nostalgischen Rückblick).

Zwar beginnt “Fliehkräfte“ nicht mit einem Schreiberling in Berlin-Mitte mit Schreibblockade und postkolonial- genderzerknirschtem Psychowurm; aber weit weg von diesem Horror-Szenario erzählt Stephan Thome auch nicht.

Und schwupps, ein paar Seiten nach dem US-Vorspann sind wir schon in horribile dictu Berlin. Musste ja so kommen. Wir erleben: Großbürgerliche Theater- und Verlagsmacker

unter den Kastanien der Casa del Popolo, aßen caprese, tranken Chianti

Nee wie bobo. Der Verlag merkt nicht mal, wie abgeschmackt so eine Kulisse anmutet, nein, er zog ja selbst erregt nach Berlin.

Einige Dialoge klingen zu konstruiert gegensätzlich:

  • spröder Philosophieprof Hainbach mit dem Ex-Philosophie-Dozenten und jetzigen Südfrankreich-Kneipier und Semi-Lebemann Bernhard – viele Seiten lang bei Austern über den Sinn der Philosophie.
  • der unruhige, nie ganz angekommene Philosophieprof Hainbach und seine nicht-akademische, aber geerdete und in ihrer Familie glücklichen Schwester Ruth
  • C4-Philosophie-Prof Hainbach und eine vor ihrem Verlobten weggelaufene Ex-Punkbandmanagerin ohne Lebensplan
  • Hainbach und seine lesbische, auf Krawall gebürstete Tochter Philippa im Auto Richtung Rapa

Diese Dialoge präsentiert Thome im ersten Buch. Im zweiten Roman folgt nur noch ein einziger überdeutlich didaktischer Dialog, zwischen Mutter und Tochter, gegen Ende.

Es gibt in beiden Romanen viele Zeitsprünge

nicht nur an den Kapitelgrenzen, sondern unscheinbar auch innerhalb der Kapitel. Mir kam die Orientierung abhanden, vor allem nach Lesepausen.

Wie immer frage ich mich, ob der Autor zunächst chronologisch geschrieben hat und die einzelnen Segmente dann erst neu durcheinander würfelte; und ob es sein eigenes Arrangement ist oder ob das Lektorat die Zeitsprünge verlangte. Ich als Roman-Endverbraucher lege keinen Wert darauf und würde gern einzelne Konstellationen länger verfolgen, statt die Situation über andere Szenen hinweg im Kopf halten zu müssen. (Und über all der philosophischen Gespreiztheit vergisst Autor und Philosoph Stephan Thome in Mimizan den austernbegleitenden Weißwein zu erwähnen, das passiert ihm sonst nicht im Buch. (Dass es keinen Weißwein dazu gab, ist schwer vorstellbar.)

Sensibel beschreibt Thome in “Fliehkräfte“ Gewissenskonflikte eines prä-woken BRD-Intellektuellen. Sein Testosteron treibt Hauptfigur und Familienvater Hartmut Hainbach immer wieder in Zwickmühlen.

Die Dialoge bleiben in der ersten Hälfte von „Fliehkräfte“ oft banal, ohne Zwischentöne. Das gilt zumal für den Holzhacker-Streit im Auto mit Maria und die alkoholisch-brachiale Annäherung an die junge Rentenexpertin Katharina im Restaurant, wie auch für einzelne Formulierungen wie

Er ist das Dauerbumsen leid

Im Folgeroman „Gegenspiel“ sagt die Erzählstimme „ausgekotzt” und mehrfach „sie treiben es“ o.ä., keine passende Wortwahl.

Thome kann nicht nur vulgär, sondern auch schwächer:

Der Übergang in die Feiertage ist auch in diesem Jahr nach bewährtem Muster erfolgt… ((S. 228)) Kurz nach 4 Uhr zeigt die Anzeige am Armaturenbrett… ((S. 393))

Das Lektorat war offenbar nicht alarmiert. Ganz gelegentlich produziert die Erzählstimme immerhin Leckerlis wie

Prinzipientreue ist die Tofuwurst unter den Tugenden… Ich erziehe lieber meine Kinder als meine Eltern… umständlich mit Gepäckstücken und Gefühlen hantiert

Tochter Philippa sagt als Elfjährige und  als Teenie ein paar drollig altkluge Dinge nebst Witzen über Helmut Kohl und Ozonlöcher, die keinesfalls zu ihrem Alter passen.

Dass Hainbach im ersten Buch tagelang durch Frankreich und Spanien karriolt, sich in Spanien sogar bei seiner Tochter ankündigt, während seine in Berlin und Kopenhagen arbeitende Frau ihn in Bonn vermutet, klingt wenig realistisch. Bei dieser Reise in Buch 1 kredenzt der Autor überdies zu viele banal-touristische Randeindrücke (und beschreibt den Massenauflauf in Lissabon übergenau, weil das Wort Übertourismus noch nicht etabliert war; in Band 2 fallen die Worte „Touristenmassen“ und „Ryan Air“ (sic, bei Thome in 2 Wörtern)).

Dann Thomes Roman Gegenspiel (2015):

„Gegenspiel“ beginnt mit einer wohlbekannten Szene aus „Fliehkräfte“: der harte Streit der Hainbachs im Auto. Das wirkt als unwillkommenes Déjà-vu, wie ein paar andere fast wörtliche Übernahmen aus dem ersten Roman. Dass der Autor hier die Geschichte aus Sicht der Frau noch einmal aufrollt, wird in solchen Abschnitten nicht klar.

Der Streit im Auto bildet im ersten Teil von “Gegenspiel“ die Rahmenhandlung zu Marias ersten Jahren in Berlin und ein paar Jugendszenen aus Lissabon – lange vor ihrer Beziehung mit Hartmut Hainbach -, ein Milieu, dass wir aus dem ersten Roman „Fliehkräfte“ nicht kennen. Es hebt sich stark vom teils bildungsbürgerlichen, teils bieder-bürgerlichen Ambiente aus „Fliehkräfte“ ab. Zudem deutet der Verfasser auch noch die spätere Wiedergabe einer Vergewaltigung an, bitte nicht (sonst keine dräuenden Vorausblicke).

Toxische Männer:

In den frühen Maria-Kapiteln von „Gegenspiel“ outet sich Stefan Thome mehr noch als in „Fliehkräfte“ als fanatischer Männer-Hasser. Maria trifft nur auf toxische Kotzbrocken: Hausbesetzer, Bullen, WGenossen, Fotografie-Lover in Lissabon, Theater-Lover in Berlin (ein Heiner-Müller-Huldiger), Abtreibungsbesorger in Lissabon. Wie Maria es mit diesen autistischen Sozialversagern jahrelang aushält, ist unklar; aber aus den Konflikten mit den selbstherrlichen Arschlöchern in Berlin und Lissabon destilliert Stephan Thome ein paar pfiffige, wenn auch vielleicht nicht realistische Maria-Repliken.

Marias erstes Mal ist ein Krampf; so unbehaglich wie bei anderen Männern, die über weibliche Intimität schreiben, habe ich mich hier nicht gefühlt, vielleicht weil Maria so distanziert bleibt.

Die Männer der Maria-Antonia Pereira tönen zwar schon in „Fliehkräfte“ verletzend selbstgerecht, aber in „Gegenspiel“ setzen sie noch eins drauf:

”Du wolltest schon immer was haben, wofür du die Expertin bist. Um andere spüren zu lassen, dass sie nicht mithalten können.”

Wenn er ihr wenigstens nicht das Gefühl geben würde, seine Verachtung für eine bestimmte Form des Theaters gelte letztlich ihr.

Warum Maria sich diesem Klima immer weiter aussetzt, macht der Autor nicht deutlich.

Sie lebt in Neukölln und traut sich nicht, im Café die FAZ zu lesen, obwohl sie sich sehr für einen Artikel darin interessiert; in Charlottenburg traut sie sich. Zu Hause soll ihr Mann nicht merken, dass sie sich die Nachmittage mit doofen TV-Serien vertreibt. Was für ein Klima.

Der zweite „Gegenspiel“-Teil bringt weitere neue Einblicke: Maria als frischgeborene Mutter und als einsame Hausfrau kommt im Vorbuch nicht vor, und wieder beschreibt der Autor die Portugiesin dezidiert klischeefrei, aber nicht aufdringlich originell oder unrealistisch.

Gleiche Stilmittel:

In beiden Büchern verwendet Thome viele überraschende Zeitsprünge, welche die Orientierung erschweren.

Ein Lieblingssatz aus dem zweiten Roman:

Vom Gartencenter Röttgen her näherte sich ein Auto, ein Golf mit Essener Kennzeichen, und Maria sah weg, um nicht grüßen zu müssen.

Beide Romane sind je fast 500 Seiten lang und sparen nicht mit Dialog – ein ganz anderes Kaliber als marktübliche Produkte aus der Leipziger Literaturmechatronik.

Persönliche Erklärung des Rezessenten:

Als „Gegenspiel“ zu Ende war, wollte ich sofort noch einmal die „Fliehkräfte“ lesen – aber nur die Hartmut-und-Maria-Teile. Weil die jedoch ständig von Sandrine in Paris, Bernhard in Bordeaux, Professor Hurwitz in USA und Katharina plus Hochschulreformen in Bonn unterbrochen werden, habe ich auf die  Wiederholungsrunde verzichtet. Dass ich diese Namen aus dem ersten Band auch nach Abschluss des zweiten Bandes noch im Kopf habe, belegt die Eindrücklichkeit des Texts.

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