Gemeinsame Eigenschaften der Geschichten:
Einfache Provinzler, vor allem schrullige ältere Ehepaare – schöne reiche Städter mit westlichem Luxus – mild skurrile Erfindungen und surrealistische Elemente, zugleich markant realistische Details – überzeugende, vollmundige Erzählstimme (im englischen Original zumindest) – hässliche Männer (Gesicht wie Bisamratte oder wie eine gestreckte Kröte) – graues fades neues China – unterdrückte Proteste
Anders als bei Alice Munro, William Trevor und Raymond Carver, ist dies eine Kurzgeschichtensammlung, bei der ich trotz Vorbereitung und Suche nach Triggerwarnungen jede einzelne Geschichte gelesen und goutiert habe.
Wörter im engl. Original, die ich nachgucken musste:
cruller, trounce, gourd, kelp, muskrat-faced,
Lulu, 7,5/10:
Junger Mann, Koch und E-Sports-Champion, erzählt von seiner Zwillingsschwester Lulu, die trotz mehrerer Verhaftungen mit ihrer Online-Regimekritik fortfährt. Erschien im New Yorker.
Gut erzählt, traurig, nachvollziehbare Konflikte bei zwei Generationen.
Hotline Girl, 6,5/10:
Bayi arbeitet im Call Center der Regierung. Sie erhält Anrufe ihres leicht gewalttätigen Ex-Freundes, der sie unbedingt wiedersehen will.
Die Call-Center-Textbausteine für unzufriedene Anrufer klingen mild dystopisch; sind sie wahr? Die Geschichte um den halb-brutalen Ex-Freund klingt unsympathisch.
New Fruit, 7/10:
Straßenhändler und Supermärkte verzaubern die Anwohner des Viertels mit einer neuen, unbekannten Frucht – wer sie isst, fühlt sich jünger und glücklicher. Die Frucht ist jedoch nur einige Wochen lang zu haben, und die Bewohner warten ungeduldig auf das nächste Frühjahr.
Hübsche, atmosphärische Geschichte sicherlich mit einer bedenkenswerten Moral. Wirkt sehr geerdet, hat jedoch mild fantastische Elemente, die mir generell missfallen. Ich erfordere 100% Realismus.
Field Notes on a Marriage, 7/10:
Zwei wunderliche Jung-Akademiker in den USA heiraten. Wir hören von Studienanstrengungen, gewaltsamen Toden und einer Reise ins chinesische Hinterland. Erschienen in der Granta, neben dem New Yorker die andere Weihestätte der englischen Kurzgeschichte.
Schöne Beobachtungen, Trost- und Ratlosigkeit beim Leser.
Flying Machine, 7/10:
Alter Dörfler und Erfinder hämmert aus Müll ein Flugzeug zusammen. Vor 10 Jahren schon hatte er einen Nudelschneideroboter produziert – im Dienst des Volks wie vom Vorsitzenden Mao dekretiert und dennoch kein Garant für die ersehnte Parteimitgliedschaft.
Auch diese Geschichte wirkt nicht ganz realistisch, aber liebenswert – ähnlich wie „New Fruit“. In beiden Stories beschreibt Te-Ping Chen (*1985) liebevoll ein schrulliges älteres Ehepaar. „Flying machine“ sagt letztlich nicht viel über China, aber über Menschen.
Assoziationen bei “Flying Machine“:
- die Schrottsammlung des alten Erfinders erinnert an den Schrotthaufen des Bauern in „Shaun das Schaf“
- In Te-Ping Chens Geschichte heißt das chinesische Dorf Big Duck Village. Das erinnert an Walt Disneys Duckburg bzw. Entenhausen mit seinem ebenfalls schrulligen Erfinder Daniel Düsentrieb
On the Street where You Live, 7/10:
Einsamer Gestalter von Spaßpark-Fahrgeschäften (in Plastik gewickelt durch den Geburtskanal etc) lernt die einsame, schrullige Arzthelferin Lisette kennen, die jedoch ohne neue Adresse verzieht. Ein anderer Mann, Perry, will unbedingt die neue Adresse der Arzthelferin erfahren und lässt nicht locker.
Seltsame, isolierte Figuren. Erstmalig ein männlicher Ich-Erzähler und eine der wenigen USA-Geschichten, auch wenn der Ich-Erzähler aus China stammt. Wie immer skurrile Erfindungen und dichte Atmosphäre.
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Shanghai Murmur, 7/10:
Einfache Blumenverkäuferin entdeckt den vergessenen Edelkuli ihres angeschmachteten Lieblingskunden. So schnell gibt sie den Stift nicht wieder her. Und ihn nicht auf.
Wie immer hochatmosphärisch und sehr flüssig. Te-Ping Chen überbetont die Gegensätze zwischen schönen reichen Städtern und schäbig prekären Landpomeranzen. Aber Klassismus trendet. Den Titel der Geschichte verstehe ich nicht; offenbar hatte die Autorin erst den Titel und dann die Geschichte, und es war ihre erste kurzgeschichte überhaupt.
Land of Big Numbers, 7/10:
Kleiner chinesischer Bürokrat macht sein Glück an der boomenden Börse. Denkt er jedenfalls.
Die Börsenentwicklung und die Profiteure wirken karikiert; gute atmosphärische Szenen im Kleinbürgerhaushalt, wieder mal, eine Stärke der Autorin.
Beautiful Country, 7,5/10:
Chinesische Krankenschwester in USA und ihr US-Partner, der sie selbstgefällig dirigiert und gelegentlich betrügt.
Voll überraschender Details und Vergleiche zwischen USA und China. Wie immer starke Erzählstimme.
Gubeiko Spirit, 7,5/10:
Menschen bleiben monatelang in einer U-Bahn-Station eingeschlossen, obwohl Wachpersonal und vereinzelte Züge hinein- und herausgelangen. Die Gruppendynamik verändert sich.
Kuriose Szenen, gut imaginiert. Die Parallelen zum chinesischen Polizeistaat sind einen Tick zu deutlich.
Persönliche Anmerkung: Obwohl ich vorher wusste, dass Gubeiko Spirit irrealistisch und eventuell bedrohlich ist und solche Geschichten generell meide, habe ich diese trotzdem gelesen – weil mich die Autorin bis hierhin mit Stil und Erzählkunst überzeugte und weil sie sich generell nicht im Dystopischen oder in Gewalt suhlt, sondern auf die kleinen Dinge (und Leute) blickt; ich wurde nicht enttäuscht.
Links zu englischen Kurzgeschichten aus dem Buch online (in Magazinen):
- Lulu
- Hotline Girl
- New Fruit
- Field Notes on a Marriage (nicht komplett)
- Shanghai Murmur
- Amazon-Werbelinks: Te-Ping Chen | China | Bestseller Literatur | Bestseller Biografie | Bestseller Elektronik + Foto
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