Romankritik: Goodbye to Berlin, von Christopher Isherwood (1937) – 8/10

Ich liebe den bekannten Satz aus der ersten Geschichte:

I am a camera with its shutter open, quite passive, recording, not thinking.

That’s the spirit. Doch aktuelle deutsche Schreiber liefern genau das Gegenteil: anders als Isherwood zeichnen sie nichts von außen auf, sondern liefern Endoskopie-Selfies, denken die ganze Zeit an und beobachten sich selbst, ihre Depression, ihre Trunksucht, ihre Achsoeinsamkeit, ihren Psychowurm, ihre jämmerlichen Schreibblockaden, ihr Longcovid, natürlich ihre Missbraucherfahrung, ihre Gender-Betroffenheit, bestenfalls den Nazi-Opa oder die Suizid-Mutter; sie sekretieren Gewuhre, indirekte Rede, Konjunktiv und meterlange Absätze.

Nichts davon bei Christopher Isherwood (1904 – 1986), der als hochauflösende Kamera und Richtmikrofon das Berliner Bestiarium perfekt (oder jedenfalls unterhaltsam) aufzeichnet und reproduziert – man denkt an sensible Reportagen. Isherwoods Familie Nowak, Isherwoods Familie Landauer, Frl Schroeder, die dumme Sally in Berlin und der nervöse Peter auf Rügen, alle Isherwood-Figuren sind interessanter als die drögen deutschen Autofiktionalisten und Leipziglitmechatroniker.

In Berlin und auf Rügen:

Über seine Figuren in Berlin schreibt Christopher Isherwood meist exzellent – mit gehaltvollen Dialogen und Beobachtungen. Das halbschwule Männertrio auf Rügen ist etwas anderes und enttäuscht zunächst mit mehreren dialogfreien, monozentrischen Seiten. Danach wird es auch hier amüsant und gruppendynamisch – auch wenn ich reine Männerclubs weniger mag. Das letzte von sieben Kapiteln, „A Berlin Diary (Winter 1932-3)“, wirkt heterogen und wenig durchgestaltet mit Kneipentouren und politischen Beobachtungen auf der Straße.

Dabei ist Isherwood ein perfekter Stilist – die nüchterne Schreibe fällt nie auf, aber jedes Wort sitzt, und er transportiert viel Atmosphäre in Dialogen, statt sie explizit auszuformulieren. Show, don’t tell, das kann Isherwood.

Die berühmte Sally Bowles aus der zweiten Geschichte ist eine dumme Nuss – unbekümmert promisk, geldgeil, oberflächlich und egozentrisch. Das liest sich vergnüglich, aber realistisch ist es nicht (selbst wenn sie auf einer tatsächlichen Begegnung basiert); auch nicht realistisch, dass der Ich-Erzähler sich so viel mit ihr abgibt, obwohl er sie zwischenzeitlich durchschaut und hasst.

Schulausgabe:

Ich hatte Reclams englischen „Fremdsprachentext“ mit vielen Vokabeln für Schüler auf jeder Seite; ich musste nur sehr wenige Vokabeln tatsächlich nachgucken, unter anderem „perambulator“ (ich kannte nur “pram”, das später auch vorkommt und als Abkürzung von „perambulator“ erklärt wird). Eine einzige Vokabel fehlte mir, die nicht erklärt wurde, „roe“.

Insgesamt ist es ein sehr leichter englischer Text; ich frage mich jedoch, warum Schüler die Geschichten um Hurereien, tuntig-schwule Eifersuchtsdramen, Sado-Metzger und liederliche Gelegenheitsdiebe lesen sollten. Die wenigen Nazi- und antisemitischen Momente bieten natürlich Diskussionsstoff, auch wenn ich Angst vor rechtsextremer Zustimmung im Klassenzimmer hätte.

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