Unverhofft bringt Lemster viele Seiten über Metternich und den Wiener Kongress – das Thema gefällt dem Autor offenbar, aber es gehört sicher nicht so üppig in eine Biografie der “Sträusse“ (wie Lemster durchgehend formuliert), ebenso wenig wie später die Unruhen von 1848.
Vieles über Vieles:
Die Stadt Wien bekommt ein eigenes langes Kapitel (in dem auch Ballsäle figurieren), auch die Eisenbahnerschließung des Habsburgerreichs, es folgen zahlreiche Seiten zur örtlichen Musikkultur, und länglich falsifiziert Lemster Behauptungen über die Jugend von Johann Strauß Vater, sogar mit längeren für unzutreffend erklärten Zitaten. So hat man auf Seite 100 vieles über vieles gelernt, aber wenig über Johann Strauß senior – er beendet auf Seite 100 gerade erst die Buchdruckerlehre (ca. 465 Seiten Haupttext plus Anhang, Bilder im Lauftext nicht herausgerechnet).
Und noch auf Seite 110 hatte ich den Eindruck: der Biograf scheut sich vor dem Thema Johann Strauss Vater und Sohn. Die Hauptfiguren erwähnt er pflichtschuldigst auf zwei Zeilen, um dann sogleich hier- und dorthin zu schweifen, samt 1,5 Seiten reine Legende über Anna Strauss:
Schön erzählt, aber frei erfunden
Was soll ich in einem Sachbuch, einer Biografie mit 1,5 Seiten Legenden, das ist Leserverarschung.
Sobald über Wien endgültig alles gesagt ist, figurieren schnell noch 17 musizierende Strauss-Zeitgenossen. Dann hechelt der Biograf strausssche Tourneestationen herunter und erwähnt häusliche Kräche, die man später vertiefen werde oder Franz Josephs kaiserliche Bilanz, später auch Sissi nicht zu vergessen – nie wirkte das auf mich wie ein Strauss-Leben im Kontinuum. Im letzten Kapitel, Johann Strauss junior ist schon tot, schwenkt der Biograf noch einmal auf diverse frühere Zeiten zurück, und flicht die Grammofonerfindung ein.
Wenig interessiert sich der Autor für Musikalisches und Kreativität. Der Schaffensprozess spielt keine Rolle. Wir hören viel über den Musikbetrieb, über das Komponieren zu wichtigen Anlässen und wie die Komponisten sich von berühmten Opern oder Operetten inspirieren ließen – aber Lemster blickt nie in die musikalische, künstlerische Seele seiner Protagonisten (jedoch in die geschäftliche Seele).
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Komfort der Großrahmigkeit:
Sprachlich generiert Lemster kontinuierlich Unwohlsein:
Geld lieferte ihren (sic) großrahmigen Leben die Energie (Seite 13)
Komfort der Großrahmigkeit (S.245)
abgünstig (S.396)
…so zeigen ihn die Kalender an in den tausenden Kanzleien, Kasernen, Kontoren und Kirchenämtern der k.k. Haupt- und Residenzstadt (S.15)
…die Wiener, der Wein, die Wirte (S.49)
…auf dem hinteren Vorsatz dieses Bandes (Seite 20, warum nicht Nachsatz?)
Hier tanzte Napoleon erstmals mit seiner habsburgischen Braut Marie-Louise, deren Auslieferung den Frieden besiegeln sollte. Kaiser Franz persönlich führte sie aus. (S. 60)
((S.226)) Das Rezept einer haltbaren Ehe setzt sich zusammen aus Gefühl, Leidenschaft, Wertschätzung, Gewohnheit, Sachzwängen und Toleranz. Wir wüssten gerne Genaueres über das Mischungsverhältnis dieser Zutaten, die Johann und Anna zusammenkochten – und darüber, wieso der Topf anzubrennen begann.
((S.233f) Die Trampusch-Kinder waren wie ihr Vater ((Johann Strauss senior))… zum überwiegenden Teil nicht mit Langlebigkeit gesegnet – ganz anders als die Walzer und Galoppe, die der Erzeuger mit ähnlich atemberaubender Geschwindigkeit in die Welt setzte.
Unentwegt trägt Lemster wurstdick auf:
Den Wechselfällen einer materiell prekären Existenz auf Dauer zu entkommen (S. 129)… ein tüchtiger Stoß frischen Windes unter den Flügeln des jungen Musikers, der nun (S. 131)…
Zum goldenen Hirschen“– der Namen ((sic)) klingt wie ein… Omen… für die Zeugungskraft des Vaters
((S.326)) Die sieben Laster Hochmut, Neid, Unmäßigkeit, Geiz, Wollust, Zorn und Trägheit fühlten sich die längste Zeit heimisch im Hirschenhaus.
((S.330)) Strikter Korpsgeist beherrschte diese Familie – das Nachtreten hatte zeitweise zurückzustehen, folgte aber verlässlich.
((S.380)) Beigesetzt Seite an Seite mit dem kaum verrotteten Sarg seiner Mutter, von der er nie losgekommen war.
((S.447)) Wie jedes Ding auf Erden hat auch Musik differenzierende Betrachtung verdient, sonst wäre eines so gut wie das andere und, auf die Spitze getrieben, ein Kuss so gut wie ein Schlag.
Kompakte Formulierungen hätten viel Papier gespart. Am Buchende bedankt sich der Verfasser allen Ernstes bei
Dr. Oliver Domzalski, ((dem)) „Wort-Metz“, der nicht davor zurückschreckte, es beim Bearbeiten zum Besten des Werks auch mal „stauben zu lassen“ (Seite 475)
Vielleicht zeichnet “Wort-Metz“ Dr. Oliver Domzalski, der sich selbst allgemein als „Buchhebamme“ und beim Strauss-Buch als „Lektor” vorstellt, auch für folgende Fremdschäm-Attacken verantwortlich:
sympathievolle Personenbeschreibung (S.202)… unterfällt seiner Diskretion (S. 232)… kennzeichnungskräftig (S.250)… Wütig reklamierte sie (S.276)… ((S.338)) abkadenziert… ((u.a.S.367)) venerisch… ((S.378)) Pönale… ((S.430)) Faktur… ((S.443, statt Verzögerungen)) Aufhaltungen… ((S.452)) Verfolg…
Auch sonst prokrastinierte das Lektorat (Domzalski?) ungeniert:
((S. 280)) Das Odeon veranstaltete am 16. Mai 1947 ((sic))…. Johann dirigierte. Man gab für dieses glänzende Spektakel 5000 Eintritts-Billets zum Vorzugspreis von je 40 Kreuzern aus…
((S.319)) …die es nur kurz aufhebte
((S.325)) Als Impresario der Familie blieb Anna auf lange Sicht…
((S.335)) Das Bahnhofsgebäude… so großzügig aufgeführt ((gestaltet))
((S.352; Der lange unverheiratete Johann Strauss junior)) galt so mancher heiratslustigen jungen Wienerin (oder auch deren Mutter) vermutlich als begehrtes „Wildbret „.
((S.365)) Vermutlich zu Annas Zufriedenheit blieb das nicht mehr so junge Paar wenigstens in der Leopoldstadt und bezieht…
((S.384, über eine briefliche Übertreibung 1872:)) Jean hat hier gewaltig in die Tasten gegriffen. ((1. schrieb Strauss junior sicher nicht mit einer Schreibmaschine, 2. passt der Ausdruck nicht zu einer Übertreibung, 3. lässt der Ausdruck bei einem Musiker ans Klavier denken.))
Assoziation:
- Besprechung in deropernfreund.de
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