Rezension: Vier Arten, die Liebe zu vergessen, von Thommie Bayer (Roman 2012) – 6 Sterne – mit Kritiken & Videos


Thommie Bayer steigt unspektakulär in den Roman ein: Vier Männer mittleren Alters und eine verstorbene Internatslehrerin. Kein Drama weit und breit. Mit seinem üblichen Zeitebene-Zappen beginnt Bayer erst verzögert, dagegen springt hier die Erzählperspektive zwischen den Männern hin und her. Überwiegend steht jedoch einer im Vordergrund, und der Überblick kommt nie abhanden.

Dies auch, weil die Männer so völlig eindimensional auftreten – ein betonköpfiger Ökofuzzi, ein immerralliger Frauenaufreißer, und ein Business-Smartie. Man erkennt sie jederzeit an ihren Sätzen, und nie an ihrem Stil.

Melodramatisch:

Den Hauptdarsteller formt Thommie Bayer betont melodramatisch: Er liebt seit 20 Jahren grundlos anonym eine Sängerin, für die er grundlos anonym hochbezahlte, sehr persönliche Erfolgssongs schreibt; er wohnt einsam in einem venezianischen Palazzo, nur die Nachbarkatze und deren verheiratete Besitzerin spenden gelegentlich Wärme. Was an der Sängerin besonders ist, erfahren wir nicht. Und dass er seine Sängerin nur von fern anschmachtet und streng unerkannt mit Hitkompositionen überschüttet, dafür gibt es keinen wichtigen Grund, außer: es macht den Roman so melodramatisch wie eine Bollywood-Romanze; sogar die Hauptfigur selbst hält das für „hochgestochen und überdreht“.

Und, hach, plötzlicht tritt die Sängerin überraschend in sein Leben. Leser: Wenn das nicht Schicksal pur ist! Und Schmalz mit Krücke außerdem. Ich gestehe aber auch, dass mein Zynismus hier ermattet die Segel strich und ich einigermaßen interessiert weiterlas, auch wenn ich den Kopf über mich und über den Text schütteln musste. (Ein Musiker als einsamer Wolf und eine ferne Frau, darüber schrieb Bayer auch kurz zuvor in Aprilwetter, 2012, und kurz danach in Die kurzen und die langen Jahre, 2014.)

Venedig, Rom und Paris:

Wieder platziert Thommie Bayer in einem Roman nicht nur Herz, Schmerz, Künstlertypen, Musik + Rückblenden, sondern auch ein abgehangenes europäisches Traumziel: Hier wie schon in Singvogel Venedig, in anderen Romanen Paris oder Rom. Das Motiv eines überraschenden Unfalltods am Buchende kennen wir ebenfalls aus Singvogel und leicht abgewandelt aus Die kurzen und die langen Jahre.

Den Phänotyp des aktivierten männlichen Vermehrungsorgans pflegt Bayer ebenfalls in seinen Romanen, so auch hier, und ebenfalls wie in Aprilwetter thematisiert er Erbrochenes – diesmal noch keck ergänzt um detailliert beschriebene menschliche Exkremente. Bayers Hauptakteur hier weiß schon, warum er sich „nichts zu lesen vor den Teller“ legt (S. 114 Piper Hardcover): Es könnte eine skatologische Bayer-Passage erscheinen.

Coq au vin, Pecorino, Oliven:

Umgekehrt platziert Bayer wie immer auch Lifestyle-Statements aus der mediterranen Genussküche, v.a. kaffeinhaltige  Getränke, aber auch Coq au vin, Pecorino, Oliven, viele Kochbuchüberschriften mit Gourmetanspruch und allerlei illustre oder zumindest wohlklingende Weinlagen; den teuren Pauillac schreibt Bayer dabei zweimal falsch, einmal richtig (S. 155f; im Nachwort dankt Bayer seinem Lektor Thomas Tebbe für „Aufmerksamkeit“) (James Salters Figuren goutieren übrigens dasselbe Terroir, und sein anonymes Lektorat bewies mehr Aufmerksamkeit).

Das Aufreihen mediterraner Gerichte und venezianischer Adressen wirkt aufdringlich, ebenso die betonte Männertümelei (Schweigen, Saufen, Skat, Weiber). Bayers Deutsch ist noch schlechter als meins, aber diesmal gibt’s auch den ersten Humor seit 2005 (Singvogel). Im Video (unten) bezeichnet er diesen Roman als eins seiner „weniger größeren Brötchen“, obwohl es eine relativ längere Geschichte mit mehr Hauptfiguren als sonst ist.

Oft blass und voller Klischees…“ – die Kritiken:

Frankfurter Allgemeine Zeitung (bei buecher.de):

Ironiefrei… streckenweise interessant und manchmal sogar anrührend… Doch trotz gelungener Passagen bleiben die Schilderungen oft blass und voller Klischees. Michaels Entzücken, als er – unter tragischen Umständen – endlich das Haus seiner heimlichen Liebe betritt, könnte dem Werbeprospekt eines Sanitäreinrichters entstammen… Angesichts dieser heftigen Seelenrhetorik ist die Wortkargheit geradezu erfrischend, mit der Michaels unterkühlter Freund Bernd auf die Schönheiten Venedigs reagiert… Seine Helden aber gehen so auseinander, wie sie zusammengetroffen sind: als seltsam blasse Typen, die kaum zu individuellen Charakteren werden und darum wenig Mitgefühl und Anteilnahme wecken können

Belletristik-Couch.de:

Eine feinfühlige Erzählung über das Scheitern von Lebensentwürfen und über die Feigheit, sich seinen eigenen Ängsten zu stellen… Anders als die meisten Menschen bekommen die vier die Chance, diesen Traum zu verwirklichen. Leider fußt diese Chance jedoch auf einem höchst wackligen Konstrukt… Tatsächlich ist diese Situation jedoch eine jener instabilen Brücken, die Bayer baut, um den Verlauf der Geschichte zu ermöglichen. Und es sind solche Konstrukte, die dem Roman etwas von seiner Tiefe nehmen… Mit der Folksängerin Erin bekommt der Roman eine eigenwillige Melodie, die sich als eine Art unhörbarer Ohrwurm in den Köpfen der Leser festsetzt. So sehr, dass Thommie Bayer in dieser Hinsicht gefährlich nahe an die Grenze zum Überdruss geht… eine konturlose und eher fade Figur… Bayer schreibt weder gezielt für Männer noch für Frauen, sondern für Menschen, die sich durch seine Geschichten angenehm unterhalten lassen möchten. Das können sie mit diesem Roman auf jeden Fall tun. Da und dort blitzt der stille Humor durch, der vielen anderen Romanen Bayers eigen ist. Leider sind diese Sequenzen eher selten. Nicht berauschend sind die eingestreuten Liedtexte. Sie brechen den Lesefluss und tragen nur sehr wenig zur Atmosphäre des Romans bei… So legt Thommie Bayer einen ansprechenden, stellenweise berührenden Roman vor, der aber in einigen Bereichen leicht schwächelt.

Buecher-magazin.de:

Süffig geschrieben, äußere Handlung und Introspektion gut miteinander verwoben. Ein Buch, an dem sich kaum etwas aussetzen lässt. Vielleicht das Buch für Männer in der Midlife-Crisis

Buzzaldrins.de:

Thommie Bayer ist ein feinfühliger Roman gelungen, den ich sehr gerne gelesen habe. Ich habe mich nicht nur wunderbar unterhalten gefühlt, ich wurde auch zum Nachdenken angeregt und habe bei der Lektüre von “Vier Arten, die Liebe zu vergessen” vier interessante Männerfiguren kennengelernt. Ein Buch, das ich guten Gewissens weiterempfehlen möchte!

Atalantes Historien:

Vier Arten, den Leser zu langweilen… Italienliebhaber dürfen wohlig aufseufzen, denn wie bei Donna Leon wird auch hier hinreichend Ambiente aufgefahren. Schließen Sie die Augen, denken Sie an Venedig oder blättern Sie durch einen Venedig-Kalender. Dem, was Sie auf diesen zwölf Blättern sehen, begegnen Sie auch in Bayers Buch… Der Entfremdung von den Ehefrauen, eine heißt wie im Cowboysong Corinna, begegnen sie misogyn, promisk oder mit Alkohol… ein von den Küsten Wales an die Kanäle Venedigs verlegtes Pilcher-Drama für ergraute Jungs

Borromäusverein:

Eingebettet in kunsthistorische Stadtspaziergänge durch Venedig entwickelt der Autor eine leicht zu lesende Geschichte des zeitlosen Themas der gebrochenen Herzen in der gegenwärtigen Zeit, doch mit einem rasanten glücklichen Ende – vielleicht ein wenig zu nah am klassischen Happy End. Allen Büchereien nachdrücklich empfohlen.

  • Bei Amazon.de: sehr gute 4,3 von 5 Lesersternen bei 48 Rezension und viele kurze Zitate der hauptberuflichen Kritiker
  • Goodreads: 3,78 von 5 Lesersternen (43 Stimmen, jeweils Juni 2016)
  • Beim Verlag: viele kurze Zitate der hauptberuflichen Kritiker


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