Rezension Japan-Roman: Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß, von Hiromi Kawakami, 2001 – 4 Sterne

Die 37jährige Ich-Erzählerin Tsukiko trifft in der Kneipe zufällig ihren ehemaligen Lehrer, 67. Seither sitzen sie gern am Tresen zusammen, machen auch mal einen Spaziergang. Eine Romanze deutet sich an, doch der Roman plätschert zwei Drittel der Strecke nur so dahin.

Das Buch erschien 2001 im Original als Sensei no kaban, センセイの鞄, wörtlich Die Mappe des Lehrers, auf Englisch als The Briefcase (diese Titel beziehen sich jeweils auf die 60jährige männliche Hauptfigur), ebenfalls in Englisch als Strange Weather in Tokyo. Die Geschichte war in Japan ein Erfolg, wurde offenbar 2003 verfilmt (ich finde sehr wenig dazu), 2008 auf Deutsch veröffentlicht und auch in einen zweiteiligen Comic umgesetzt, auch auf deutsch (deutsche Comic-Titel unten, Rezension des Comics und Bilder hier).

Nur langsam entsteht Leben:

Der Himmel ist blau… bekommt erst im letzten Drittel deutlich Fahrt mit einem lebhaften, nachvollziehbaren Gefühlsdrama, zwar unterbrochen von einer diffusen, teils surrealen Traumszene, aber immerhin doch mit soviel Entwicklung, dass ich mit der zuvor drögen Lektüre fast versöhnt wurde. Nach etwa 178 Seiten beendet Kawakami das Buch.

Der 67jährige Ex-Lehrer ist mild heiter, oberlehrerhaft-pedantisch und ein wenig distanziert – kein Mann zum Schwärmen. Die ihn zunehmend anschmachtende Ich-Erzählerin wirkt entschieden dröge; Wochenenden vertrödelt sie gern zuhaus. Unter Stress führt sie sich auf wie ein albernes Huhn – momentweise an Bridget Jones erinnernd (Schokolade zum Frühstück), doch weit weniger amüsant. Die Ich-Erzählerin arbeitet im Büro, aber davon erfahren wir rein gar nichts (außer, dass sie einmal dienstlich nach Kappabashi muss).

Ebenso banal wie das Wesen der Erzählerin klingt ihre Sprache. Ich weiß nicht, ob es an der Übersetzung ins Deutsche von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler liegt: Der Ton ist belanglos, ohne jeden Glanz, nicht nüchtern, sondern lieblos, mitunter liegen Begriffe leicht schief, klingen Sätze unfreiwillig hölzern.

„In einer sinnlichen Prosa“:

Auf dem Buchrücken lobt der dtv-Verlag die Sprache des Romans per Zitat und Kommentar:

„Würden Sie zum Zwecke eines Liebesverhältnisses eine Beziehung mit mir eingehen?“

In einer sinnlichen Prosa und starken sprechenden Bildern erzählt Hiromi Kawakami von einer ungewöhnlichen Liebe.

Selten lag Werbung so daneben: Dieses Zitat – egal ob ironisch oder ernst gemeint – ist alles andere als „sinnliche Prosa“, aber es verdeutlicht in etwa den spröden Ton des Texts. Von „starken sprechenden Bildern“ habe ich auch nichts gemerkt, und diese Kombination von Adjektiven und Hauptwörtern klingt zudem dubios.

Aufdringliche Botschaften:

Die Autorin will klarmachen: Die Ich-Erzählerin verliebt sich allmählich in den heiter-freundlichen, leicht kauzigen, viel älteren Lehrer, ohne es selbst zu merken. Das reibt die Autorin ihren Lesern mit Gewalt in die Augen:

  • Die Ich-Erzählerin verschmäht die Avancen eines Gleichaltrigen (kein Ex-Lehrer, sondern ein Ex-Mitschüler);
  • mit dem Gleichaltrigen trinkt sie Westliches wie Bourbon, Gin und Cocktails und hört „gedämpften Standard-Jazz“; mit dem 60jährigen fließen Sawanoi-Sake und Tochigi-Sake warm oder kühl, Bier, Wilkinson-Soda oder Tee;
  • ein Betrunkener lästert über den Altersunterschied zwischen den beiden Hauptfiguren, die er für ein Paar hält (das sie da gar nicht sind);
  • Tsukiko entwickelt bei kleinsten Gelegenheiten Eifersucht.

Mahlzeit:

Eine Stärke hat das Buch: Die Ich-Erzählerin nennt unentwegt kuriose japanische Gerichte und Kochzutaten; es geht um die Dinge, die sie in der Kneipe verspeist oder zu verspeisen plant. Auf dem Menü stehen (hier in der Schreibweise des Romans):

Abalonen-Sashimi in Muschelschalen, dazu Wasabi und Sojasoße, Sandklaffmuscheln, Plattfisch, gekochte Heuschreckenkrebse, fritierte Riesengarnelen, Misosuppe, Krakenfondue mit Pomeranzensaft-Dip, Walfischspeck mit Essig-Miso-Soße, Lachsschnitzel mit Reiskräckern, Bento Spezial mit Schweinefleisch und Kimchi, geräucherter Tintenfisch, heißer Tofu, Gelbschwanz-Teriyaki, in Honig eingelegte Zitronenscheiben, Äpfel, O-den-Eintopf, Schokolade, Sonnenblumenkerne, Forellen, frisch geerntete Gurke mit Salz-Pflaumen-Paste, feine Auberginenscheiben in Ingwer-Soja-Marinade, in Reiskleie eingelegter Kohl, Miso. Einiges davon erklärt das kurzen Glossar am Buchende.

Zur Sprache kommen auch Kinugasa-Pilze, Kiefernpilze, Kakishimeji-Pilze, Fliegenpilze, Lachpilze und Tsukiyotake-Pilze, die den Shiitakes ähneln. Ich wüsste gern, wie die Aufzählung der fernöstlichen Köstlichkeiten auf einen Japaner wirkt.

Auflistung, aber keine Verfeinerung:

Meist werden die Gerichte ohne weiteren Kommentar aufgelistet, gelegentlich allgemein gelobt. Es gibt kaum Details zu Zubereitung oder Geschmacksnoten. Die Akteure diskutieren auch kaum über das Konsumierte.

Darum ist auch diese kulinarische Komponente des Romans nicht „sinnliche Prosa“ – auch nicht, wenn die Autorin einmal „unbeschreiblichen Wohlgeschmack“ erwähnt; dieser Ausdruck signalisiert vielmehr sprachliche Armut. Allein mit der Deutbarkeit der Speisenfolgen im Roman befasst sich das Buch Polysemantische Mahlzeiten (Buchtitel oben rechts zum Anklicken).

Auffällig oft beschreibt Kawakami auch Jahreszeiten, Vegetationsphasen und Wetter.

Fazit: Zunächst langatmig dahinplätschernd, sprachlich sehr reizlos, wenig interessante Akteure, nur die Essensbeschreibungen stechen heraus. Im letzten Drittel deutlich lebendiger. Insgesamt enttäuschend.

Der „Liebesroman des Jahres“ und andere Kritikerstimmen:

HansBlog.de:

„Zunächst langatmig dahinplätschernd, sprachlich sehr reizlos, wenig interessante Akteure, nur die Essensbeschreibungen stechen heraus. Im letzten Drittel deutlich lebendiger. Insgesamt enttäuschend.“

Die Zeit:

„Hat das Zeug, zum Liebesroman des Jahres aufzusteigen. So behutsam, so zart verläuft die Annäherung der beiden, so diskret und rücksichtsvoll gehen sie miteinander um, so leise flüstert die Sprache der Liebe, so untergründig entwickelt sich die Spannung… auch der japanferne Leser dürfte sich wundern, wieso auf diesen knapp zweihundert Seiten all die Motive zur Sprache kommen, die er als kulturelle Allgemeinplätze kennt ((Essen, Kalligraphie, Kirschblüten, Haikus, Pachinko-Spielhöllen etc., Anm. von HansBlog.de)).

FAZ (via Buecher.de):

„Der Gleichklang dieses ungleichen Paares zeigt sich denn auch eher in den Speisen als in der recht belanglosen und spärlichen Konversation… nicht ganz klischeefreie Geschichte… … verblüffend unscheinbar, aber dabei überraschend natürlich und überzeugend wirkende, geradeheraus erzählte Szenen, denen nichts von Gedankenschwere oder Symboltiefe anhaftet… nicht, dass wir nicht ahnten, worauf diese nur kurz währende Beziehung hinausliefe. Aber hier wird sie in ganz neuem Tonfall serviert. Das hat etwas packend Authentisches und ist von einer erfrischenden Leichtigkeit.“

Die Welt hält Hiromi Kawakami für einen Mann. Kawakami zelebriere Respekt und Distanz – darum könne der Mitteleuropäer die Japaner beneiden:

„Sehr zart, sehr anrührend. Für alle Charlotte-Roche-geschädigten Leser ein Fest.“

Neue Züricher Zeitung:

Von Anfang an ist klar, was ablaufen wird in diesem Roman. Plakativ ist vieles, und ganz kitschfrei geht die Sache nicht ab. Hiromi Kawakamis Kunst aber besteht in der erotischen Dehnung, im subtilen Spannungsaufbau… die Suggestion eines echten, in der Tradition beheimateten Lebens ist es wohl auch, was die Schriftstellerin Hiromi Kawakami bei ihren modernitätsgestressten Landsleuten so beliebt macht. Den westlichen Leser aber irritiert die Wegblendung von Alltagsrealität – so als ob es in Japan nur eine Freizeitgesellschaft gäbe“

Süddeutsche Zeitung:

„Die Konstellation „älterer Mann und jüngere Frau“, der in den letzten Büchern eines Walser und eines Philip Roth ein peinlicher Ruch von Betrug und Selbstbetrug anhaftet, gewinnt bei der 1958 in Tokio geborenen Hiromi Kawakami eine Leichtigkeit des Seins, die sich mit den besten Passagen eines Milan Kundera messen kann… sehr einfühlsam übersetzte Erzählung in all ihrer Burschikosität die schönste und subtilste Liebesgeschichte dieses Bücherfrühlings

Japanische Literatur (Blog):

„So plätschert die Handlung vor sich hin und besticht durch bodenständige Schlichtheit, während der Leser auf ein Happy End für das ungleichaltrige Pärchen hofft… Die kauzige Art des Sensai, dessen Figur angeblich an den exzentrischen Schriftsteller Hyakken Uchida angelehnt sein soll, und die schmollenden Reaktionen von Tsukiko machen die Protagonisten unglaublich sympathisch. Der schmucklose Erzählstil passt genau zu der eher burschikos wirkenden Tsukiko. Und trotzdem wirkt die Stimmung zauberhaft und atmosphärisch.“

Bücherwurmloch:

„Schön an Der Himmel ist weiß, die Erde ist blau ist der enge Bezug zur japanischen Kultur, die Teil des Inhalts und zugleich Bedingung und Kulisse der Ereignisse ist. Es wird viel japanisches Essen beschrieben und verspeist, die japanische Dichtkunst hat ebenfalls ihren Platz, und die berühmte asiatische Zurückhaltung ist in jeder Geste spürbar. Mit einer klassischen Liebesgeschichte hat dieser Roman wenig zu tun, er ist poetisch, undurchdringlich und gleichzeitig ganz simpel“

Japanliteratur.net:

„Es geht weniger um die Überwindung des Altersunterschiedes, sondern viel mehr darum, die Bindungsangst zu überwinden und sich einem anderen Menschen zu nähern… Die Handlung plätschert insgesamt sehr ruhig dahin. Es gibt zwar Handlungsumschwünge, diese kommen aber nicht allzu abrupt und überraschend. Nicht ganz in diese ruhige, realitätsnahe Erzählweise passt eine Szene gegen Ende des Romans hinein, deren surreale Szenerie überrascht.“

Die Leselust:

„Es ist ein ganz sachtes Annähern, das die Autorin hier in wunderbar lakonischer Sprache erzählt. Besonders gefällt mir dabei, wie behutsam sie mit ihren Figuren umgeht: die werden in all ihren Schrulligkeiten durchaus nicht geschont, aber dabei doch so respektvoll geschildert, dass auch der Leser nicht in Versuchung gerät, Tsukiko aufgrund ihres Alkoholkonsums etwa geringzuschätzen. Hier ist es nicht der stürmische Rausch der Gefühle, der im Vordergrund steht, sondern ein immer stärker werdendes Gefühl von Verbundenheit.“

Beauty Is a Sleeping Cat (Blog):

„There are many wonderful and typically Japanese elements which could have turned the book into a cliché if a lesser writer had attempted to write about them… Kawakami can evoke an atmosphere and emotions in a few lines, and artfully captures how they are changing constantly“

A Novel Approach:

„There is no coherent through-line to follow. Instead, each chapter is a different encounter – I’d call them dates, but that doesn’t seem quite right, particularly since hints of romance don’t really appear until much, much later in the novel.“

Japan Kaleidoskop:

„Although the story is told in a light tone, it is not shallow. Tsukiko and the Sensei are caring for each other respectfully, but with sense for fun and play

The Complete Review:

„The charm of The Briefcase lies in how gently Kawakami allows this relationship to unfold. Even when her feelings are clear to her — not that she’s admitted them to herself — Tsukiko warily sidesteps even the possibility of taking things any further… The creepiness of the age difference is made palatable by how Kawakami manages the relationship: the age difference (and just how old Sensei already is) is barely noticeable, as it’s entirely different parts of their being that is her focus… stilted sincerity… Agreeably understated, The Briefcase is a fine, odd relationship story“

Seeing the World through Books (Blog):

„Some readers may become frustrated by the excruciatingly slow pace at which the relationship between Tsukiko and Sensei develops… The writing is clean – pristine, even – with every word, every event, and every psychological nuance presented clearly. Rarely have I seen a novel of such psychological acuity, and the emotions it evokes, especially toward the character of Sensei, are strong and empathetic.“

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