Japan-Roman: Die Journalistin, von Saiichi Maruya (1993) – 3 Sterne

Der Ton: salopp und launig. Das wirkt zeitweise unterhaltsam („angetüterte Quasselstrippe“), aber nicht immer angemessen („der reinste Schwachsinn…, eine Frau mit Husserl vollzulabern“) und man fragt sich, ob der Autor im Original ähnlich umgangssprachlich schwadroniert.

Öfter lappt es vom Saloppen ins Nachlässige: einmal schreibt die Journalistin etwas am Laptop, doch dann redet der deutsche Text von „Durchstreichen“, wo es „Löschen“ heißen müsste (selbst wenn man im Japanischen an dieser Stelle das Wort „Durchstreichen“ verwendet). Über längere Strecken klingen Erzähler und Stimmen der Akteure etwas naiv.

Wo liegt der Schwerpunkt des Romans?

Das Buch erscheint nun in der Süddeutsche Zeitung Bibliothek in der Reihe Metropolen. Über die Metropole sagt der Roman aber nichts, auch wenn er in Tokio spielt. Es ist eher eine Redaktionssatire, oder Verlagssatire, oder noch allgemeiner Bürosatire, eine ausgedehnte langgezogene Vorabendserie mit, im ersten Teil, immer neuen, harmlosen Ränkespielchen an wenigen wiederkehrenden Orten und kaum nachvollziehbaren Erregungspunkten.

Ein kaum glaubwürdiger Politik-Industrie-Verbände-Filz, plus Aberglaube; interessant vielleicht für intime Japankenner? Der bin ich nicht, aber ich habe schon mehrere weit interessantere Japan-Romane gelesen.

Was macht der Autor falsch?

Ab der Buchmitte verliert Saiichi ganz den Fokus, der Roman driftet zeitweise ab zu greisen lüsternen Kalligraphen, zu verflossenen Kaiserdynastien, zu blinden Bettelmönchen mit Schwert und Premierministern mit geistig behinderten Ehefrauen; schon vorher führte der Autor jederzeit gern immer neue Nebenfiguren ein, um einzelne Anekdoten loszuwerden.

Die englische Ausgabe hat auf Amazon.com null Besprechungen; so ein Desinteresse habe ich noch nie gesehen. Die Verfilmung Onna-zakari erschien 1994, also ein Jahr nach dem Roman, und hat auf IMDB die Note 6,7 von 10 bei nur 6 abgegebenen Stimmen, ohne jede Rezension.

Meine Erfahrungen mit der SZ-Bibliothek:

Bis jetzt hatte ich drei Bücher aus der Süddeutsche Zeitung Bibliothek. Alle drei lieferten nicht das Niveau, das man als SZ-Leser erwartet. Es war wie einst bei diesen Sonderangeboten von Zweitausendeins – angepriesen mit Raunen, beim Lesen aber Quark. Ich glaube, die „Seien Sie anspruchsvoll“-Süddeutsche Zeitung schämt sich ein bisschen für dieses Buch: Sucht man den Autor auf sueddeutsche.de, ergeben sich null (0) Treffer.

Ohnehin dürfte es meine Rezension hier gar nicht geben: Drei Sterne heißt, ich sollte meine Zeit nicht mit so etwas verschwenden. Aber die Existenz der Rezension bedeutet, dass ich genau das getan habe – ich habe praktisch alle 340 Seiten gelesen und nur vielleicht drei allzu absurde Abschweifungen überblättert.

Eigentlich verdient das Buch zumindest in dieser Übersetzung nur einen Stern, aber ich möchte mir nicht eingestehen, so etwas Schlechtes zu Ende gelesen zu haben. Erkenntnisgewinn: SZ-Bücher meiden.

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