Historische Malaysia-Kurzgeschichten rezensiert: Far Eastern Tales, von W. Somerset Maugham – 7 Sterne

W. Somerset Maugham bringt Kurzgeschichten aus dem Malaysia (damals Malaya) etwa der 1920er Jahre.

Die Stories – oft 30 bis 50 Seiten lang – ähneln einander:

  • Ein paar Leute unterhalten sich, oft auf dem Überseedampfer oder in England, dann kommt die große lange Rückblende nach Malaysia, zum Schluss kehrt Maugham in die erzählte Gegenwart zurück;
  • der Einstieg wirkt stets sehr unmittelbar, ohne Vorgeplänkel, man ist sofort drin in der Geschichte;
  • Maugham beschreibt die Atmosphäre sehr eindrucksvoll, die Region wird lebendig, selbst wenn sich die Umstände in vielen Kurzgeschichten gleichen;
  • immer wieder Kanufahrten flussaufwärts auf Borneo, bei denen das Land auf immer neue Protagonisten offen und zugänglich wirkt;
  • das Ende lässt sich aus 30 Seiten Entfernung erkennen, nicht zuletzt dank aufdringlich pathetischer Hinweise;
  • das Ende ist dann oft betont dramatisch;
  • englische Statthalter bewohnen ein einsames Haus am Fluss, mit eigenem Bootssteg;
  • Gefühle werden meist als einzigartig ungewöhnlich beschrieben;
  • die Hauptfiguren sind generell Engländer zwischen 20 und 40 Jahren, und einige Geschichten haben keinen großen inneren Bezug zu Südostasien, über die Einheimischen erfährt man praktisch nichts;
  • höchster Respekt für die schönen Künste (nebst Seitenhieb auf Joseph Conrad).

Etwas zu dramatisch:

Insgesamt recht viel Seifenoper, Groschenroman, Ehekrisen, Kolonialromantik und ein oder zwei durchschaubare Minikrimis. Aus dem Rahmen fällt eine kürzere Geschichte, Mr. Know-all, meisterlich geschrieben, die mit einem großen überraschten Lacher endet.

Ich kenne von Maugham u.a. Gentleman in the Parlour und die Kurzgeschichten aus Rain and other South Sea Stories; da fallen weitere Parallelen auf: so das Motiv des tödlichen Zauberfluchs, der auf einer Schiffsreise zuschlägt; oder bestimmte Vokabeln wie „a trifle“ oder „cry“ für jegliche emotionale Äußerung; bestimmte Arten des unnatürlichen Ablebens inklusive offener Fragen zu den Umständen; oder die Verfolgung über mehrere Inseln und Länder hinweg.Das Buch More Far Easter Tales bringt ähnliche Geschichten wie hier der Band Far Eastern Tales, nur ingesamt etwas schwächer.

Eine story in Far Eastern Tales stammt direkt aus Gentleman in the Parlour. Far Eastern Tales enthält keinerlei Information zu Entstehen oder Ersterscheinen der Geschichten in dieser nicht von Maugham gewählten Zusammenstellung. Sechs der Geschichten aus Far Eastern Tales und More Far Eastern Tales erschienen erstmals 1926 im Band The Casuarina Tree

Fazit:

Die meisten Geschichten spielen in Malaya, wie Malaysia einst hieß. Das Expat-Leben dort hat aber Paul Theroux in The Consul’s File viel prononcierter geschildert (auch Theroux‘ Saint Jack passt in etwa in die Region). Nicht zuletzt Joseph Conrad hat viel eindrucksvoller über das malayische Inselreich geschrieben, Romane und Erzählungen.

Mag die Handlung auch noch so flach, das Ende vorhersehbar sein: der fernwehkranke Schreiber dieser Zeilen, sonst kein Freund der Kurzgeschichte, hat sich gut unterhalten – und auch schon More Far Eastern Tales gelesen (sehr ähnlich, aber insgesamt zweite Wahl im Vergleich zum vorliegenden Buch).


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