Rezension Afrika-Roman: An der Biegung des großen Flusses, von V.S. Naipaul (1979) – 9 Sterne

Fremde in der Fremde, das ist das Thema dieses behäbigen, ruhig dahin fließenden Buchs, wie so oft bei V.S. Naipaul.

Der Ich-Erzähler Salim fremdelt gleich mehrfach:

Als Inder wächst er an der Ostküste Afrikas auf (wohl in Dar es Salaam oder Sansibar), dann jedoch wechselt er in ein anderes afrikanisches Land tief im Innern (wohl nach Kisangani in Zaire, heute Demokratische Republik Kongo; Orts- und Ländernamen in Afrika bleiben ungenannt). Dazu kommen Besuche in London.

Sämtliche anderen Protagonisten fremdeln auf ihre Art: Die Europäer in Afrika, die Dörfler in der Stadt, die Ex-Sklaven in der Freiheit, die Arrivierten im Armenviertel, Stammesangehörige im falschen Stammesgebiet. Ein Inder aus Afrika bewirbt sich in England beim indischen diplomatischen Dienst – fremder geht’s nimmer, und ganz offenbar verarbeitet V.S. Naipaul hier eigene Erlebnisse aus seiner Nachstudienzeit.

Gewalt ist Teil des Romans:

Gewalt ist das zweite Grundthema des Buchs. Es gibt politische Morde, häusliche Gewalt, Polizeiwillkür und die absurden Enteignungen und Verfügungen des Präsidenten Mobutu Sese Seko (dessen Name ebenfalls nie fällt).

Auch andere Romane seiner mittleren Phase lädt V.S. Naipaul mit Gewalt auf, so etwa Guerillas und in In einem freien Land, das perfekt zur Biegung des Flusses passt. Die oft beschriebene Misshandlung und Ergebenheit seiner Freundin Margeret Gooding verarbeitet Naipaul genüsslich in An der Biegung des großen Flusses (engl. A Bend in the River).

Ruhiger Tonfall:

Trotz der aufgeheizten Atmosphäre grübelt Salim meist bedächtig vor sich hin; was passiert, erscheint wie eine weitere Facette seines Gedankenstroms. Die Erzählstimme klingt ruhig, etwas fatalistisch, mit subtiler, männlicher Schwerkraft. Ein Ton, der auch in Naipauls Länderberichten anklingt, etwa in „Beyond Belief“ oder „A Million Mutinies Now“.

Im zweiten Teil passiert etwas mehr, politisch wie auch persönlich. Der Ich-Erzähler kommt sogar zwei Frauen etwas näher, aber wie oft bei Naipaul hat das wenig mit Liebe zu tun.

Stark geschrieben:

Naipaul liefert eine unscheinbare, aber gewohnt tragfähige und gerade darum exzellente Konstruktion. Kleinste Details kehren 100 Seiten später in neuem Licht wieder, jeder Satz erfüllt seinen Zweck: schlanke, nüchterne „Bauhaus-Prosa“.

Interessant auch die vielen sehr unterschiedlichen Charaktere aller Hautfarben, die in dieser entlegenen Provinzstadt mitten in Afrika auftreten – Naipaul hat die Vorbilder sicher genau so auf seinen Afrikareisen kennengelernt. Der träge Rhythmus, die mal latent, mal offen spannungsreiche und bedrohliche Atmosphäre geben dem Buch einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte.

Erinnerungen an andere Werke, frei assoziiert:

  •  Zen and the Art of Motorcycle Maintainance, wegen der Grübeleien und der Tendenz, Handlung und Dialoge als Beweis für übergeordnete Thesen zu konstruieren; Naipaul ist aber weit weniger ausschweifend
  • The Heart of Darkness von Joseph Conrad, wegen der finsteren Afrika-Atmosphäre; bei Naipaul ist sie nicht ganz so finster
  • Mein geheimes Leben von Paul Theroux (teils auch Theroux‘ Mein anderes Leben), wegen der Afrika-Episoden aus nicht-afrikanischem Blickwinkel; Theroux und Naipaul lernten sich in Kampala kennen, darüber gibt es von Theroux auch Berichte
  • Mississippi Masala, der Spielfilm von Mira Nair: er beginnt und endet mit Indern in Afrika, behandelt später die Beziehung von Indern und Afroamerikanern in den USA

Nicht viel gemeinsam hat A Bend in the River dagegen mit den frühen Naipaul-Romanen über Trinidad, zum Beispiel mit Ein Haus für Mr Mr. Biswas oder Der mystische Masseur: Diese Romane aus den späten Fünzigern sind viel dialogorientierter, weniger vergrübelt (selbst bei vergrübelten Akteuren) und auf unaufdringliche Art lakonisch-komischer.

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