Rezension Erzählungen: In einem freien Land, von V.S. Naipaul (1971) – 9 Sterne
Das schmale Bändchen (engl. „In a Free State“) enthält fünf Geschichten, die inhaltlich nicht verbunden sind:
- Die Titelgeschichte „In einem freien Land“ spielt in Afrika, umfassst rund 120 Seiten und wirkt wie ein kurzer Roman.
- Zwei weitere Erzählungen belegen je rund 40 Seiten.
- Dazu kommen zwei sehr kurze Stücke von je rund fünf bis sieben Seiten (ich hab‘ die englische Ausgabe gelesen).
Typische Naipaul-Figuren:
Inhaltlich und regional kaum verbunden – doch die übergeordneten Themen kennt man schon aus Naipauland: entwurzelte Figuren, so etwa
- indischstämmige Trinidadians in London,
- Weiße in Afrika,
- ein schockierter Inder in Washington DC. Besonders kurios:
- Mexikaner mit indischem Turban kellnern in Washington,
- schwarze und weiße Hippies im Indiendress und
- Chinesen in Ägypten.
Auch ein weiteres Naipaul-Thema zieht sich durch die Geschichten: die Menschen gehen böse miteinander um, nutzen sich aus, haben kein Mitleid, sind stumpf und unkalkulierbaren Mächten ausgeliefert.
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Die erste Geschichte spielt auf dem Schiff:
Das Bändchen beginnt mit dem kurzen Bericht einer Schiffspassage von Piräus nach Alexandria. Es geht um die buntgemischten Passagiere – Ägypter, Libanesen, Spanierinnen – und vor allem um einen „Tramp“ und dessen Behandlung als Außenseiter. Nach wenigen Zeilen erzeugt diese kurze Erzählung eine perfekte Atmosphäre, man riecht förmlich die Gischt und den Zigarettenrauch in der Bar. Eine meisterliche Tagebuchnotiz.
Die Geschichte über einen schlichten indischen Diener, den es nach Washington DC verschlägt und der dort einen massiven Kulturschock erleidet, hat überraschend komische und leicht melancholische Züge – ein Naipaul-Ton, der vielleicht zuletzt in Ein Haus für Mr. Biswas erklang.
Der fremde Blick auf die westliche Welt und das Verhalten des Dieners in dieser Umgebung amüsieren. Statt 40 hätte ich hier gern auch 400 Seiten gelesen.
Doch schon folgt die nächste Erzählung: Westindische Brüder, die schließlich nach London und in Schwierigkeiten geraten. Das staubig-ärmliche Ambiente in Trinidad, das triste Hausen in London – auch das ist aus vielen frühen Naipaul-Büchern vertraut. Naipaul (1932 – 2018) schreibt hier als Ich-Erzähler in teilweise leicht falschem Englisch, das aber lange nicht so unterhält wie das Pidgin-English aus Miguel Street oder The Mystic Masseur; mich hat es eher gestört (ich beziehe mich generell auf die englischen Originalausgaben).
Danach das Meisterwerk:
Das Titelstück In einem freien Land begleitet zwei Weiße auf einer zweitägigen Autofahrt durchs weite, leere Afrika, möglicherweise Uganda. So wie die Wolken am Horizont wandern, verschieben sich auch Landschaften, Stimmungen, Beziehungen; Region und Atmosphäre schildert Naipaul packend und mitvollziehbar – ein mentales Road Movie.
Gefahren entstehen, scheinen abzuklingen und tauchen unverhofft wieder auf. Sicher ist nichts und niemand in diesem „freien Land“ (der englische Titel „In a Free State“ kann auch „freier Zustand“ oder „schutzloser Zustand“ bedeuten). Das Ganze in dieser schlanken, präzisen, männlichen, mitleid- und standpunktlosen Naipaulsprache, in der jedes Wort und Semikolon präzis seinen Zweck erfüllt.
Naipaul spricht hier äußerst schlecht über Schwarzafrikaner, ihre Denk- und Lebensweise, Hygiene, Körpergeruch, lauter verächtliche Worte.
Faszinierende Dialoge:
Neben der allgemeinen Schilderung faszinieren auch die Dialoge; sie sind zwar erratisch und voll unvermittelter Themenwechsel, passen jedoch hervorragend zur Stimmung. Ein Blogger wies auf eine Logiklücke hin: Der Hauptdarsteller hält unaufgefordert an einem Militärposten; das würde ein erfahrener Weißer in Afrika nie tun.
Nach der zweitägigen Autofahrt aus dem Stück „In einem Freien Land“ war ich regelrecht erschöpft, ich konnte mir keine andere Lektüre danach vorstellen. Diana Athill, Naipauls erfahrene Lektorin, und andere Ratgeber wollten das Stück In einem freien Land ohne weitere Geschichten drumherum herausgeben, doch Naipaul bestand auf dem Fünferpack. Und so folgt auf In einem freien Land noch ein kurzes Stück über Chinesen und Italiener in Ägypten; es ist nicht schlecht, aber es passt überhaupt nicht dorthin.
Freie Assoziationen zu anderen Naipaul-Büchern:
- Die Kombination der Orte im Sammelband In a Free State erinnert an „Ein halbes Leben“ (engl. „Half a Life“), das ebenfalls in Indien, London und Afrika spielt, hier mehr schlecht als recht durch eine Rahmenhandlung verbunden.
- „An der Biegung des großen Flusses“ (engl. „A Bend in the River“) ist ein weiterer starker Afrikaroman von V.S. Naipaul, er wirkt etwas weniger grimmig und verächtlich.
- Der melancholische, bauernschlaue Diener, den es nach Washington verschlägt, lässt an den kauzigen Titelhelden aus „Ein Haus für Mr. Biswas“ (engl. „A House for Mr. Biswas“) denken.
- Die Schiffspassage in der ersten Geschichte erinnert etwas an Bootsreise von England nach Trinidad, geschildert im Buch The Middle Passage.
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