Tag Archive for 9 Sterne

Kritik Roman: Ediths Tagebuch , von Patricia Highsmith (1977, engl. Edith’s Diary) – 9 Sterne – mit Video

Auch in diesem Roman von Patricia Highsmith sitzt jedes Wort. Sie schreibt sparsam, skizziert Stimmungen und Beziehungen messerscharf, streut stimmige Details, erzeugt Beklemmung aus dem Nichts. Patricia Highsmith (1921 – 1995) erzählt eine realistische Handlung nüchtern, ohne dräuende Andeutung oder sonstige Dramatisierung. Politische Schlagzeilen (Nixon, Vietnam, die Kennedys) und Ediths Tagebucheinträge bindet Highsmith elegant ein.…

Romankritik: Tiefe Wasser, von Patricia Highsmith (1957, engl. Deep Water) – 9 Sterne – mit 2 Videos

Highsmith macht alles richtig: Die Sprache ist jederzeit uneitel im Dienst der Geschichte. Sie verzichtet auf Dramatisierung, düstere Andeutung, Zeitsprünge, schreibt strikt chronologisch und ohne bizarre Zufälle. Sie erzählt bruchlos aus Perspektive der Hauptfigur. Das Ende bleibt fast bis zur letzten Seite völlig offen. Im Zentrum steht ein scheinbar freundlicher, aber innerlich zynischer Familienvater. Er…

Kritik Kurzgeschichten: Elf Arten der Einsamkeit, von Richard Yates (1962, engl. Eleven Kinds of Loneliness) – 9 Sterne

Yates schreibt lakonisch über kleine Leute in New York und den Vororten, mit hochrealistischen Dialogen – ohne Effekthaschen, aber als ob er sie genau so selbst vernommen hätte. Oft geht es um Unangenehmes – Hintergedanken, Sorgen. Männer blähen sich auf und sind schnell gekränkt. Teilweise ist das besser als in Yates‘ besten Romanen. Die Stories…

Rezension Afrika-Roman: An der Biegung des großen Flusses, von V.S. Naipaul (1979) – 9 Sterne

Fremde in der Fremde, das ist das Thema dieses behäbigen, ruhig dahin fließenden Buchs, wie so oft bei V.S. Naipaul. Der Ich-Erzähler Salim fremdelt gleich mehrfach: Als Inder wächst er an der Ostküste Afrikas auf (wohl in Dar es Salaam oder Sansibar), dann jedoch wechselt er in ein anderes afrikanisches Land tief im Innern (wohl…

Rezension Erzählungen: In einem freien Land, von V.S. Naipaul (1971) – 9 Sterne

Das schmale Bändchen (engl. „In a Free State“) enthält fünf Geschichten, die inhaltlich nicht verbunden sind: Die Titelgeschichte „In einem freien Land“ spielt in Afrika, umfassst rund 120 Seiten und wirkt wie ein kurzer Roman. Zwei weitere Erzählungen belegen je rund 40 Seiten. Dazu kommen zwei sehr kurze Stücke von je rund fünf bis sieben…

Rezension Länder-Buch-Bericht: Finding George Orwell in Burma, von Emma Larkin (2005) – 9 Sterne

Emma Larkin berichtet über eine Myanmar-Reise auf den Spuren von George Orwell, der dort in den 1920er Jahren Kolonialdienst tat und dann den lesenswerten Roman Tage in Burma schrieb. Larkin erzählt packend von vergangenen und heutigen Zeiten. Selten habe ich einen Länderbericht gelesen, der so sensibel so informativ und lebendig so flüssig, gut lesbar geschrieben…

Rezension Gambia-Reisebuch: Die Trommeln von Dulaba, von Mark Hudson (1989, engl. Our Grandmothers‘ Drums) – 9 Sterne

Ein Jahr in einem Dorf in Gambia. Überaus stimmungsvoll. Selten hat ein Reiseautor so eine dichte Atmosphäre erzeugt, und das mit sparsamen Worten. Eins der besten Hot Country-Bücher überhaupt. Das Wetter; die Landschaft; Gefühle: das sitzt einfach. Die Frauen von Dulaba lernen wir sehr gut kennen. Nicht, dass sie übermäßig sympathisch oder interessant wären. Aber…

Rezension US-Einwanderer-Roman: América, von T.C. Boyle (1995) – 9 Sterne

„América“ habe ich schon vor vielen Jahren gelesen, aber immer noch intensiv „vor Augen“. Kaum ein Autor führt sein Personal so hautnah vor, man sieht quasi jede Pore, jeden Schweißtropfen, riecht die Angst und Verwahrlosung, leidet mit beiden, gegensätzlichen Hauptfiguren. Man sieht den Canyon, die den Elementen abgetrotzte und eingezäunte Siedlung, plastisch vor Augen. Man…

Rezension Thai-Geschichten: Sightseeing: Erzählungen, von Rattawut Lapcharoensap (2007) – 9 Sterne

Scharf beobachtet, spannend erzählt, unsentimental menschlich, in sieben unverbundenen Kurzgeschichten. Weiße und bekannte Orte kommen selten vor, Hauptakteure sind mit Ausnahme von ein, zwei Geschichten meist kleine Leute irgendwo in der staubigen Provinz in Thailand. Sie trinken, spielen, schnüffeln, ringen ums Weiterkommen, und bis zum Ende der Erzählung lässt sich das Buch nicht weglegen. Die…

Rezension Lustiger Nigeria-Spammer-Roman: Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy, von Adaobi Tricia Nwaubani (2009) – mit Video – 9 Sterne

Spannend, unterhaltsam, informativ, teils witzig. Oft pfiffig getextet, immer flüssig: Nwaubanis Erstlingsroman habe ich vergnügt fast in einem Rutsch gelesen (dt. Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy, engl. I Do Not Come to You by Chance). Es geht nicht nur um Spanner, auch wenn der Roman so vermarktet wird: Die erste Buchhälfte handelt kurzweilig von…

Rezension indischer Spielfilm: Salaam Bombay! (1988, Regie Mira Nair; mit Trailer) – 9 Sterne

Wunderschöne Bilder von schönen Menschen in extrem unschöner Lage. Toll gefilmt, toll recherchiert, an Originalschauplätzen in den Straßen und Kammern des Millionenmolochs, fast eine Dokumentation mit eingestreuter Spielhandlung (die Regisseurin und studierte Havard-Soziologin Mira Nair hatte zuvor Dokumentationsfilme gedreht und suchte ein Doku-artiges sujet, bei dem das Ergebnis besser als bei einer reinen Reportage steuern…

Rezension US-Indische Kurzgeschichten: Fremde Erde, von Jhumpa Lahiri (2008, engl. Unaccustomed Earth) – 9 Sterne

Die Geschichten aus Fremde Erde (engl. Unaccustomed Earth) handeln – wie auch die anderen Bücher dieser Autorin – meist von indischstämmigen US-Akademikern an der US-Ostküste, dazu ein paar wenige Szenen aus Kalkutta, London und Italien. Ungewöhnlich für Jhumpa Lahiri: Eine Geschichte spielt diesmal in Seattle, aber es musste nur irgendein Ort fern der Ostküste sein,…

Rezension Indien-Roman: Der weiße Tiger, von Aravind Adiga (2008) – 9 Sterne – mit Video

Der indische Ich-Erzähler Balram Halwai watet jahrzehntelang durch ein Meer an Demütigungen und Misshandlungen: Die Jugend in einem Elendsdorf, der Fahrer-Job in der Provinzhauptstadt und in Delhi, die Selbständigkeit in Bangalore – Balram stößt nur auf Korrupte, Verlogene, Faule, Gemeine, Verderbte, Brutale. Um aufzusteigen, spielt er das schäbige Spiel ohne größere Skrupel mit. Selbst in…

Rezension Hollywood-Klassiker: Das Apartment (Jack Lemmon, Shirley MacLaine) – 9 Sterne

Buch und Spiel topBrillant geschrieben, sehr gut gespielt. Und die Kamera wirkt zunächst unauffällig, aber der Film zeigt durchgängig durchdachte Arrangements und Perspektiven. Ich hätte nie geglaubt, dass mich ein Schwarzweißfilm von 1960 in schlechter Bild- und Tonqualität so unterhält. Doch dieser Hollywood-Klassiker ist sehr kultiviert, nie schrill, auch mit ernsten Noten, dennoch unterspielt grotesk,…

TV-Bericht: Badeparadiese: Hamam – In den Badehäusern von Istanbul – mit kpl. Film – 9 Sterne

Liebenswerter TV-Bericht aus einfacheren Istanbuler Badehäusern, hervorragend gefilmt: Sehr persönliche, ja intime Bilder, die dennoch keinen Moment indiskret wirken, abwechselnd aus der Männer- und Frauenabteilung. Gespräche mit Bademeistern, Kunden, Ofenmeistern, immer freundlich. Sicher nicht kritisch, aber selten habe ich so eine gefällige Doku gesehen, die ihrem Thema doch sehr nah auf die Pelle rückt. Man…

Rezension Ruhrpott-Spielfilm: Die Abfahrer (1978, Regie Adolf Winkelmann, mit Detlef Quandt; mit Szenen) – 9 Sterne

Der Film hat eine ganz seltene Frische und Unmittelbarkeit. Unterstrichen durch dezidiert unglamouröse Darsteller und Kulissen, ungehobelten Ruhrpottslang, hautnahe Kamera und die erdige, rockig-bluesige Musik der „Schmetterlinge“. Die Laiendarsteller bringen’s: Zahlreiche Mitspieler sind echte Laien, so die Charaktere in der Kneipe, die Brummikapitäne auf dem Rastplatz oder die Frauen im Eckladen, unter ihnen die Mutter…

Rezension Naipaul-Biografie: The World Is What It Is, von Patrick French (2008) – 9 Sterne

Fantastische, sehr ausführliche, gut lesbare, schonungslose Biografie. Multikultur-Meisterschreiber extraordinaire V.S. Naipaul setzt privat neue Standards in Arroganz, Besserwisserei und Geiz, im Ausnutzen von Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, emotionaler Abhängigkeit und relativem Präpotenzdefizit. Sein Biograf Patrick French referiert Naipauls gesammelte Unglaublichkeiten relativ nüchtern. Und es ist keine üble Nachrede: Naipaul (1932 – 2018) stand seinem Biograf ausführlich Rede…

Rezension US-Musical-Film: Chicago (2002, mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones, Richard Gere, Regie Rob Marshall; mit Trailer & 4 Songs) – 9 Sterne

Bombastisch inszenierte, mitreißende Song&Dance-Revue von 2002 mit Catherine Zeta-Jones, Renée Zellweger, Richard Gere und Queen Latifah. Spielt 1926 in Gefängnismauern, Gerichts- und Cabaretsälen. Viele dunkle Szenen mit dramatischem Show-Licht, mehr Songs als Dialoge. Zeta-Jones und Zellweger spielen die verruchten Diseusen mit Verve und Klasse. Zellweger oszilliert bizarr zwischen naiver Unschuld und dem Hunger nach Ruhm.…

Rezension Bollywood-Buch: Lights, Camera, Masala: Making Movies in Mumbai (2006) – 9 Sterne

Schon nach drei Seiten hat es mich vor Lachen vom Sofa gehauen. Autor Naman Ramachandran, ein Filmkritiker, Produzent und Bollywood-Gelehrter, beschreibt die Hindi-Filmindustrie punktgenau elegant, mit augenzwinkernder Liebe und trockenem Humor. Ramachandrans Name erscheint auf dem Buchtitel kleiner als der von Fotografin Sheena Sippy, doch für mich trägt er mehr zum Genuss des englischsprachigen Buchs…

2 Bangladesch-Reiseführer von 2012 im Vergleich: Bradt Guide, Lonely Planet – 9 Sterne, 3 Sterne

In Dhaka und Umgebung (also nicht in ganz Bangladesch) habe ich diese zwei Bücher verwendet: Bangladesh, Lonely Planet Verlag, 2012 – 9 Sterne Bangladesh, Bradt-Verlag, 2012 – 3 Sterne Mein Fazit: Der Bradt-Guide ist weitaus ausführlicher, er richtet sich teils eher an expats als an Touristen. Der Bradt-Guide liefert speziell in Dhaka eine viel größere…

Rezension Trinidad-Inder-Kurzgeschichten: Miguel Street, von V.S. Naipaul (1959) – 9 Sterne

Träge fließt das Leben dahin in der Miguel Street, einem ärmlichen Wohnquartier in Port of Spain, Trinidad. Auf der Straße trifft man immer ein paar Leute, und wenn sie nicht grade schmollen, plauscht man gern: wir treffen Hat, Eddoes, Man-Man, Boyee, Herrn und Frau Bhakcu, das Ehepaar Morgan – regelmäßig begegnen sie in diesen gut…