Der Film hat eine ganz seltene Frische und Unmittelbarkeit. Unterstrichen durch dezidiert unglamouröse Darsteller und Kulissen, ungehobelten Ruhrpottslang, hautnahe Kamera und die erdige, rockig-bluesige Musik der „Schmetterlinge“.
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Die Laiendarsteller bringen’s:
Zahlreiche Mitspieler sind echte Laien, so die Charaktere in der Kneipe, die Brummikapitäne auf dem Rastplatz oder die Frauen im Eckladen, unter ihnen die Mutter des Regisseurs Adolf Winkelmann mit KĂĽchenkittel und AOK-Brille. Vor den Dreharbeiten wurde vier Wochen lang geprobt, unplausibel Klingendes umgeschrieben. Keine Dortmunder Hausfrau, kein Dortmunder Stadtteilmacker klang danach so echt wie die Dortmunder Hausfrauen und Stadtteilmacker aus den „Abfahrern“.
Der schlieĂźlich festgeschriebene Text wirkt immer noch wie improvisiert – und hat darum eine Lebensnähe, Dichte und Qualität, die man beim tatsächlich improvisierten Erleuchtung garantiert von Doris Dörrie so vermisst. Nur ein Satz, bei dem ĂĽberraschend ein Fichtenzweig ins Auto hing, entstand laut Regisseur Winkelmann tatsächlich spontan.
Ich wĂĽrde nicht sagen, dass die Laienspieler völlig „echt“ auftreten. Gelegentlich grinsen sie ĂĽber sich selbst, scheinen leicht gestresst und allzu konzentriert. Aber das stört den Film nicht. Man denkt an NormalbĂĽrger, die vom Fernsehen interviewt werden. Man muss auch dem WDR danken, dass er so etwas anstieĂź.
„Hast Du das Pulver – das flĂĽssige?“
Besonders reizvoll die Szenen, in denen man eine Figur sieht, die andere jedoch sprechen hört: So sitzt der Mann am Fenster, aber man hört seine Frau auf ihn einreden. Noch besser: Die rosige Metzgerin schneidet seelenruhig ihr Fleisch, lässt es auf der Hand kreiseln, ein gut abgehangenes Ritual; derweil palavern im Off zwei Kundinnen ĂĽber ihre pubertierenden Söhne und fragen „Hast Du das Pulver – das flĂĽssige?“
Toll auch die nächtlichen Autobahnfahrten. Die dĂĽstere Asphaltpiste wurde schon im WDR-Kopierwerk fĂĽr „unsendbar“ erklärt. Doch Kameramann Slama zeigt die blauschwarze Nacht mit ihren gelegentlichen Lichtstreifen geradezu erotisch, sie verheiĂźt neue Abenteuer – schlieĂźlich brachen drei Jungs gerade mit dem geklauten Brummi aus ihrem öden Hinterhof aus, und dann steigt noch die patente Svea an Bord. Alles ist möglich.
Am Anfang zeigt der mehrfach ausgezeichnete Film zweimal Diebstahl – Autoteile und schlieĂźlich ein ganzer LKW kommen weg. Doch das PĂĽttroadmovie klingt reichlich brav aus. So brav, dass es dem Film reicht, den Ausgang nur anzukĂĽndigen, statt ihn noch zu zeigen.
Schlechte Bildqualität, tolles Bonusmaterial:
„Die Abfahrer“ steckt voller Bildrauschen, das die Bestnote gefährdet; der weit aufwändiger produzierte Nachfolger Jede Menge Kohle kommt deutlich glatter. Die DVD – offenbar exakt so auch Teil in „Die Ruhrgebietstrilogie (3 DVDs)“ – spielt via BonusmenĂĽ auch die Filmmusik separat ab, dabei sieht man das BonusmenĂĽ. Zudem gibt es einen kurzen, langweiligen Experimentalfilm von 1967 von und mit „Abfahrer“-Regisseur Winkelmann und Trailer fĂĽr „Die Abfahrer“, „Jede Menge Kohle“ und Nordkurve (11 Freunde Edition) (ebenfalls Teil der „Ruhrgebietstrilogie“).
Vor allem aber: Die DVD enthält einen Tonkommentar von Regisseur Adolf Winkelmann und Kameramann David Slama zum kompletten Film. Wahlweise erklingen die Anmerkungen parallel zum normalen Filmbild; alternativ sieht man die beiden Filmemacher, wie sie „Die Abfahrer“ im Studio verfolgen, der Film läuft nur klein eingefĂĽgt zwischen den Sprechern.
Ihre Erinnerungen zeichneten Winkelmann und Slama dabei im Jahr 2005 auf, mehr als 25 Jahre nach den Dreharbeiten; dennoch sieht Winkelmann fast so aus wie auf seinem 67er-Filmchen. Trotz der langen Zwischenzeit liefern Winkelmann und Slama interessante Details von Geldproblemen rund um „Die Abfahrer“, von Schreib- und Dreharbeiten, von der Enge in der Brummikabine, in der sie tagelang zu sechst oder siebt ĂĽber die Autobahnen des Ruhrgebiets dĂĽsten.
„Ich habe mich bei diesen Dreharbeiten so frei gefĂĽhlt wie nie mehr danach“, sagt Kameramann Slama einmal. Das merkt man dem fantastischen Streifen noch heute an.
- HintergrĂĽnde zu Hauptdarsteller Detlev Quandt und zum Film: in der Text-Beschreibung zu diesem YouTube-Video; in Wikipedia
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