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Kritik: Nolde und ich. Ein Südseetraum, von Hans Christoph Buch (2013) – 3/10 Sterne

Wie monetarisiert man die 2012er Teilnahme an einer ornithologischen Gruppenreise nach Papua-Neuguinea? Man erfindet ein paar Kapitel über die historische Tropenreise eines berühmten Malers und verschneidet diese Fiktion mit eigenen Tagebuchstichwörtern. Wenn man damit in der renommierten Anderen Bibliothek landet, muss es gut sein.

Vielleicht findet Buch sein Buch lässig, ich finde es nachlässig.

Wahrheit und Dichtung:

Hans Christoph Buch (*1944) mischt vier historische Kapitel fast unverbunden mit zwei kürzeren Kapiteln Reisetagebuch aus 2012, insgesamt nur rund 123 Seiten. Die historischen Kapitel über Ada und Emil Nolde sowie „Queen Emma“ sind fiktionalisierte Biografie – Details könnten erfunden sein, aber man weiß es nicht. Der Autor liefert keine Belege für die vielen wörtlichen Zitate und schreibt nur spöttisch (kursiviert wie im Buch):

Ja, so könnte es gewesen sein, aber so war es nicht. Der Schnellzug aus Hamburg kam nicht…

Historische Tatsachen interessieren Hans Christoph Buch generell weniger als Fiktion, denn er sagt auch:

Der Rest der Geschichte ist bekannt, nachzulesen in Siegfried Lenz‘ Roman Deutschstunde…

Der Autor nennt sonst kaum Quellen außer einem Buch von 1912.

Zwar schreibt Buch in den historischen Kapiteln ganze Sätze und nicht nur Stichwortkaskaden. Doch sprachlich funkelt nichts; es betrübt vielmehr, wie dieser komplette Satz (S. 69):

Der Aufbruch erfolgte.

Queen Emma

Gegen Ende gibt’s noch den Ich-Bericht der Südsee-„Queen Emma“ – die hatte kaum einen Bezug zu den Noldes, aber ein interessantes Leben, das Nolde betont uninteressant herunterleiert. Wieviel wahr davon ist, wissen wir ohne externe Recherchen wieder nicht, und Hans Christoph Buch kokettiert wieder (S. 94):

Neunmalkluge Kritiker bezweifeln den Wahrheitsgehalt meiner Erzählung

Emma Forsayths Ich-Bericht endet mit verschiedenen Mutmaßungen über ihr eigenes Ableben. Erst danach erscheinen noch einmal die Noldes.

Fotos:

Das Buch zeigt zwei SW-Fotos, auf denen Hans Christoph Buch die Arme kumpelhaft um ein paar wenig reaktive Insulaner wickelt. Landkarten, Fotos oder Gemälde von Nolde zeigt das Buch nicht. Historische Fotos werden jedoch über ganze Seiten beschrieben:

…mit Anzug und Panamahut hinter ihr im Gras sitzt, einen Arm auf den Boden gestützt, halb verdeckt von dem Göttinger Augenarzt Alfred Leber, der mit nach vorn geneigtem Kopf Gertrud Arnthal über die Schulter schaut, mit frisch gebügeltem…

Hier sagt ein Bild eigentlich mehr als tausend Worte.

Banales Reisetagebuch:

Die zwei Reisetagebuchkapitel frappieren durch Banalität und Sprache. Der Autor schreibt über weite Strecken keine Sätze, sondern Stichwortreihen, und die mit Schlicht-Stoff:

12.30. Am Riff getaucht und geschnorchelt. Doktorfisch, Zebrafisch, Kofferfisch und wie sie alle heißen. Blaue Seesterne…

Oder:

Wewak, 27.9.7.30 AM: Aufbruch vom Boutique Hotel mit dem Bus, Weiterfahrt im Kanu auf dem Sepik. Nachts von Barack Obama geträumt. Er war äußerst leutselig…

Usw. usw. Für Einheimische und ihre Lebensumstände interessiert sich Buch kaum, auch nicht für Interkulturelles oder zumindest die mitreisenden „Teilnehmer einer vogelkundlichen Expedition“ (S. 75). Gelegentlich sagt Buch Abfälliges oder reminisziert einen Folkloretanz für Touristen. Buch ganz investigativ:

…der Polizeichef am überreich gedeckten Tisch, der Bauchumfang ist ein Gradmesser für den sozialen Rang, die Korruption mit Händen zu greifen.

Ja, eindeutig. Grenzwertig finde ich auch (S. 67f):

Nur zögernd verließen die Ureinwohner ihre Hütten, Hunde und Schweine zuerst, gefolgt von nackten Kindern, Frauen in Grasröcken…

Auch fette Weiße bekommen Schläge, gleich danach hält Buch seine eigenen Gedanken für „faschistoid“ (streicht sie aber deswegen nicht).

In den Reisetagebuchabschnitten redet Buch praktisch nicht über Nolde, außer auf Seite 82 („hier hat Nolde…“); sehr schlecht.

Redaktion und Lektorat:

Da tönt es zwar pompös hinten aus dem Buch:

Das Lektorat lag in den Händen von Christian Döring, die Redaktion bei Linda Vogt.

Und was haben die lektoriert, redigiert? Nichts. Die Reisekapitel sind ein Hauptwörter-Steinbruch.

Nicht mal echte Fehler orten „Lektorat“ oder „Redaktion“ wie etwa Buchs „Piroggen“ für Boote ((S. 23, korrekt Pirogen)), „am gleichen Tag“ (S. 72) oder (S. 81):

weil die Preise zu hoch und die Sicherheitslage zu gefährlich sei, bewaffnete ((…))

Sie übersehen aufdringliche inhaltliche Wiederholungen (z.B. die Erklärung von „Langschwein“ oder die Überführung von Gertrud Arnthal) und chronologische Schleuderpartien – Gertrud Arnthal stirbt erst und agiert dann wieder.

Denglisch und Nuakschott:

Zudem redet Buch ödes Denglisch:

…am Billboard einer Verkehrsinsel ((S. 32))… reich an Naturressourcen ((S. 33))… terrassenförmige Agrikultur ((S. 34))… 30. 9., 6 AM… ((S. 80))

Buch beharrt nicht auf dem peinlichen „AM“, sondern textet auch mal “ 28. 9., 6 Uhr früh“ (S. 74), es sind scheint’s völlig unredigierte Notizen. Ich weiß auch, dass Weltreisende, IT-Menschen, Manager, Tiktoker und andere globalisierte Wichtigtuer Deutsch verachten. Aber von Hans Christoph Book und der Anderen Bibliothek hätte ich Besseres erwartet als dieses Denglisch – cringe.

Zudem vergleicht Buch sein Reiseziel gern mit abgelegenen afrikanischen Orten, die damit nichts zu tun haben und den meisten Lesern nichts sagen, aber der Autor kehrt seine Weitgereistheit heraus:

wie in Ruanda ((S. 34))… Ndjamena oder Nuakschott ((S. 32, nur Nuakschott germanisiert, warum))… Aristide nach Haiti ((S. 83))

Über die europäischen Kolonisatoren in China sagt der durchreisende Nolde laut  Buch:

„Unser Bestreben geht dahin, China uns Geld zu leihen, um dafür Land, Konzessionen, Minen usw. zu bekommen. Hängt China am Kanthaken, wird der Strick angezogen, und die Leihgabe wird fester Besitz!“

Also genau das, was China heute in Afrika macht.

Assoziation:

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