Bis weit über die Hälfte hinaus fehlt ein Handlungsbogen. Remarque schildert nur realistisch und detailreich einzelne Episoden aus dem Privat- und Berufsleben eines deutschen Flüchtlings und Arztes in Paris 1938, der keine gültigen Papiere hat: Eine Patientin wird als todkrank diagnostiziert, aber nicht informiert und reist ab; andere Operationen und gierige Ärzte; Krieg liegt in der Luft, aber einstweilen passiert nicht viel, jedenfalls in Paris; der Beziehungsstatus Ravic-Joan ist on-off; Ravic könnte vielleicht ausgewiesen werden; ich wollte schon abbrechen.
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Ungefähr auf Seite 304 von ca 440 (vordere Leerseiten und Nachwort rausgerechnet) gibt es eine sehr unwahrscheinliche Zufallsbegegnung. Danach kommt eine Art Kriminalfall in Gang, unterbrochen durch die üblichen Episoden (s. 1. Absatz); dann noch ein irrer Zufall, der etwas Action und Spannung in die Handlung bringt – „so viel Zufall ist unmöglich“, denkt die Hauptfigur zu Recht.
Der Autor von „Im Westen nichts Neues“ packt auch in diesen Roman über Paris 1938 ein paar Erinnerungen an die Gräuel des Ersten Weltkriegs wie auch an Nazi-Folter, gelegentlich mit einem Hauch Expressionismus. Hauptfigur und Arzt Ravic wälzt zudem wiederholt Gedanken an “eine Frau mit Krebs, der in ihr fraß wie eine augenloses, graues Tier” – wenn er nicht an den verstümmelten zehnjährigen Jeannot denkt.
Ansonsten ist Ravic zu aufdringlich der immer barmherzige Samariter:
Der Mann sah Ravic flehentlich an.
Ravic nickte. „Ich habe mit Instrumente und Medizin bei mir“, sagte er. „Keine Angst.“
Ravic ist auch zu aufdringlich der Superchecker, der alle mit wenigen Handgriffen heilt/tötet und in jeder brenzligen Situation genial vorausdenkt. Nur die fatale Frau Joan kriegt er nicht perfekt in den Griff.
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Dialog-Stakkato und Gesülze:
Das Dialog-Stakkato mit pointierten Einzeilern macht den Roman leicht lesbar. Die Dialoge Mann-Mann unterscheiden sich deutlich von den Mann-Frau-Dialogen.
Die ständigen sarkastischen Widerspruchs-Schleifen unter Männerkumpeln wirken dabei repetitiv, die Sophistereien nerven bald, wie hier:
„…Habe ich recht?“
„Nein.“
„Selbstverständlich nicht. Will ich auch gar nicht.“
„Natürlich hast du recht.“
„Gut, Bruder.”
Wenn Frauen zu viel schwafeln:
Die weibliche Hauptfigur Joan Madou redet degegen komplett hohl, eine Figur ohne Eigenschaften, Vergangenheit oder Umfeld, die langweiligste femme fatale der Welt, und es ist völlig unklar, warum Hauptfigur Ravic sie maßlos liebt. Reiner Schwulst. Einmal sagt Ravic sogar zu Recht, Joans nächtliches Gesülze sei „für drittklassige Poeten“.
Und Ravic selbst, im Gespräch mit Joan:
„Es ist nie dasselbe“, sagte er. „Und es ist immer dasselbe.“
Was für ein billiges Zeug ich rede, dachte er.
Zu Recht. Dazu ephemeres Schwafeln über die Liebe 🥱. Es ist mir wurscht, ob der Autor Marlene Dietrich und Frida Kahlo im Original verarbeitete.
Der zehnjährige Jeannot mit dem abben Bein schwadroniert zu monoman und altklug nur von Versicherungzahlungen und sonstiger Monetarisierung seines Unglücks. Eine Krankenschwester runninggaggt über Geschenke von Patienten, die Hauptfigur bemerkt dauernd „kleine Huren“ u.ä.
Bemerkenswert: Erich Maria Remarque (1898 – 1970) schreibt über einen Arzt ohne Dokumente in Paris – der Autor war kein Arzt und lebte nicht dauerhaft, sondern nur im Transit im Paris; er schildert also nicht seine eigene unmittelbare Erfahrung, und das voller Dialog. Ganz anders als aktuelle deutsche Schreiber.
Sie nahmen keine Chance:
Ein paar Mal habe ich ins Impressum geblättert, um zu gucken, ob dieses Buch schlampig aus dem Englischen eingedeutscht wurde (wie teils bei Exilantin Vicki Baum u.a. Exilanten); auch einige ältere Simenon-Übersetzungen bieten Schwachstellen wie diese hier aus Arc de Triomphe:
brausendes Schnarchen… das sausende lautlose Licht… trotzdem sie wußten… Du sprichst mit deinem Vater Boris, den ((sic)) Kenner des menschlichen Herzens… die Emigranten nahmen keine Chance ((Lehnübersetzung a.d.Engl.; gemeint ist, sie gingen kein Risiko ein))… die Polizei nimmt bei so etwas kein Risiko… ein Risiko muss man nehmen… nimm keine Chance und gib keine… wer eine Chance nahm, mußte auch eine geben… er konnte kein Risiko nehmen… nehme seine Nummer… das zärtliche Geglitzer der Geigen… flimsige… Pimp… Notfallsgruppe… gesehen hatte, hatte Mühe… Benzinstation (Tankstelle)… verrückt aus follie… „wo wollen Sie, dass sie begraben wird?“…
Wenn er bei diesem Roman, der nur in Paris spielt, wenigstens (wie im Titel und im Nachnamen) nur französische und nicht meist englische Eigenheiten eingeflochten hätte. Erstaunlich, was das Lektorat durchgehen ließ (das Zigeunerwort steht auch drin). Weitere scheinbare Sprachvergehen sind wohl aus dem historischen Kontext erklärbar.
(Andererseits redet eine französische Krankenschwester im Arbeitsalltag einmal von „Brötchen“, wenn „Brioche“, “Croissant“, „Baguette“ oder „Weißbrot“ atmosphärisch wie auch sprachlich besser gepasst hätten. Mein KiWi-TB wurde 1988 gedruckt.)
Zur knappen Sprache der Epoche gehört überwiegend der Verzicht auf schreckliches Dativ-e („am Rand des Bürgersteigs“); aber es erscheint mal in wörtlicher Rede: “am Tage”; und dann, unentschuldbar, in der Erzählstimme:
man verlor am leichtesten, was man im Arme hielt
Doch öfter schreibt Remarque aufdringlich filmi bis schmalzig:
Sie stand an der Türöffnung im Dunkeln. Das silberne Licht vom Fenster war hinter ihren Schultern und ihrem Kopf. Sie war undeutlich und aufregend und geheimnisvoll. Ihr Mantel war hinuntergeglitten; er lag wie ein Haufen schwarzer Schaum zu ihren Füßen. Sie lehnte in der Türöffnung, und nur einer ihrer Arme fing einen langen Streifen Licht vom Korridor her. „Geh und komm wieder“, sagte sie… Sie war nichts als Trinken, wenn sie trank; nichts als Liebe, wenn sie liebte; nichts als Verzweiflung, wenn sie verzweifelte
Assoziation:
- Paris bei Nacht. Man trifft Frau. Zigarette. Eine schäbige Kellerkneipe, darin „ein paar Taxichauffeure und ein paar Huren“; später ein paar Tote und eine Puffmutter: Das klingt nach einem roman dur von Georges Simenon, z.B. Striptease (in Cannes) oder Drei Zimmer in Manhattan (Schauplatz vergessen) (Remarque schreibt aufdringlich plus dur (dürer?) als Simenon)
- Die knappen, sachlichen Sätze und sarkastischen Dialoge erinnern an Remarques deutsche Zeitgenossen wie Sebastian Haffner, Vicki Baum, Irmgard Keun, Erich Kästner, Hans Fallada, aber, über das Inhaltliche hinaus, auch an den Stil von Georges Simenon
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