Daniel Kehlmann überwältigt mit seiner Brachialschreibe ab Seite 1: kurze Sätze, atemloses historisches Präsens (nicht immer), eine Anekdote zweimal angerissen und nicht beendet, jedes kurze Kapitel eine neue Situation aus neuer Perspektive.
Filmi filmi schreibt (überwiegend) der Auch-Drehbuchautor Daniel Kehlmann, Sohn einer Schauspielerin und eines Regisseurs. Dialoge kann er wie vielleicht kein zweiter deutscher Zeitgenosse, schließlich hat er *nicht* in Leipzig studiert. Im „Pandora“-Kapitel dialogisieren Pabst und Brooks im Diner – wie ein Bühnenstück (ganz am Ende noch ein Dialog-Kapitel mit Brooks und Pabst junior).
Auch wenn mich Kehlmanns Dialoge erfreuen – so tief und scharf wie bei den Angelsachsen finde ich sie nicht: Richard Russo, Richard Yates, Graham Greene, Hemingway können es noch besser, liefern mehr Gravitas, Tiefe, Untertöne, aber auch Unterhaltung. Das fällt nur im direkten Vergleich auf. Relativ zu *deutschsprachigen* Zeitgenossen textet Kehlmann prächtig.
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Szenen-, Personal- und Perspektivwechsel:
Irgendwie ist Lichtspiel doch Kunsthandwerk. Das gilt auch für Kehlmanns viele Szenen- und Personalwechsel. Mir kam die Übersicht abhanden, ich konnte mich nicht intensiv in eine Person oder Lage hineinvertiefen.
Und nicht nur Szenen- und Personalwechsel plus Zeitsprünge. Daniel Kehlmann wechselt atemlos auch Tempi und Erzählerperspektive: Meist schreibt er in der Vergangenheit, einzelne Kapitel auch im historischen Präsens. Meist als personaler Erzähler aus Sicht einer Figur – z.B. Pabst, Frau Pabst, Pabst Junior, vorübergehend Kameramann Franz Wilzeck; ein paar Zeilen lang auch allwissend auktorial (S. 375). Einige Kapitel haben Ich-Erzähler, den nicht identifizierten P.G. Wodehouse oder Filmmensch Franz Wilzeck.
Fiktionalisierte Biografie:
Mein Senf tut nichts zur Sache. Und doch, bei jeder fiktionalisierten Biografie hier im HansBlog frage ich mich wieder: darf der das? Hat der vielleicht nur ein paar *richtige* Biografien umformuliert? Das trieb mich auch bei Kehlmanns Lichtspiel um.
Kehlmann unterstellt seiner einst real existierenden Hauptfigur G.W.Pabst Schändliches: KZ-Häftlinge als Komparsen eingespannt zu haben; so etwas glaubt man aber nur von Leni Riefenstahl zu wissen (es wird im Lichtspiel ebenfalls erzählt), nicht von Kehlmanns unfreiwilliger Hauptfigur G.W. Pabst – mehr als grenzwertig, Herr Verfasser. Der kleine relativierende Nach-Satz auf der hinterletzten Seite, den die Pabst-Nachfahren erstritten, macht es nicht besser.
Show, don’t tell:
Unbefriedigend fand ich nicht zuletzt Kehlmanns biografische Rückblenden wie im Gedankenstrom-Kapitel „Meerfahrt”: es klingt wie literarisch aufgebrezelte Wikipedia. Aufschlussreiche Vor-Ort-Recherchen und Zeitzeugengespräche waren bei diesem Thema unmöglich, der Autor hat sich das wohl zusammengelesen – kann man hier von „Roman” reden?
Auch Pabsts offenbar neuartige Schneidetechnik beschreibt Kehlmann großteils verallgemeinernd, wie im Lehrbuch. Show, don’t tell, sagt man doch in Kehlmanns Kreisen: der Autor hätte eine Situation im Schneideraum erfinden und einen gelungenen Szenenanschluss à la Pabst an einer konkreten Filmszene erläutern können. Stattdessen leiert Kehlmann Pabsts Schnitttechnik flüssig, aber dozentisch herunter (S. 98):
Ging einer nach rechts, musste er auf dem nächsten Filmstück von links kommen, sonst… wenn zwei miteinander redeten, durfte keiner von ihnen in die Kamera, sondern vielmehr musste der eine rechts und der andere links an ihr vorbeiblicken; wenn sie es anders machten…
Auf Seite 245 bringt Kehlmann wieder ähnliche, allgemeine Sätze übers Schneiden, statt die Erkenntnisse auf eine konkrete Szene anzuwenden; das geschieht nur kurz noch ein paar Seiten später und erneut ganz kurz auf S. 394.
Meisterlich dagegen die Flucht aus dem einstürzenden Prag: Papst imaginiert seine eigene Flucht als Filmdreh, plant Gegenschnitte und Kamerafahrten, während ringsum die Welt untergeht.
Im gleichen Auto wie gestern:
Sprachgewaltig, wie er ist, macht Kehlmann die gleichen (nicht selben) Fehler wie alle, und das Korrektorat lässt ihn ins Messer laufen (Seite 380):
…in dem gleichen Auto saß wie gestern, auf dem gleichen Sitz und hinter dem gleichen Fahrer
Inhaltlich daneben ist der Satz (Seite 424):
Ein Heiland hing schwer an einem Kruzifix.
Ein Altersheim (scheinbar) heißt “Sanatorium Abendruh“, beide Wörter stören mich
Assoziation:
- Auch HansBlog-Held Erich Kästner, der fast die gesamte Nazizeit in Deutschland verbrachte, taucht im Lichtspiel kurz auf; hätte Kehlmann wohl über Kästner einen ähnlich diffamierenden Roman geschrieben wie über Pabst? (Ähnlich wie Pabst war auch Kästner zum Kriegsende bei einem zerfallenden Filmdreh fern von Berlin oder Wien.)
- Das Buch ist immerhin weit besser als Kehlmanns „Ruhm“
- “Der beste deutsche Autor seiner Generation” sei Kehlmann, sagt Salman Rushdie auf der U4 der Taschenbuchausgabe. Wie viel Überblick hat Rushdie?
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Persönliche Erklärung:
Ich mag keine belastenden, bedrohlichen Bücher oder Filme mit Gewalt. Bei Lichtspiel wusste ich vorher nicht, dass ein guter Teil im Nazireich spielt. Fiktion zu Nazi-Deutschland lese ich aus Feigheit sonst nicht (ein Sachbuch schon, z.B. Biografien über Kästner oder Canaris).
Auf Seite 140 von 470, bei der Einreise in die frisch nazifizierte und schon dämonische Ostmark (vormals Österreich), wollte ich das Buch zum ersten Mal eingeschüchtert weglegen trotz beachtlicher Qualitäten. Letztlich habe ich mich zum Dranbleiben aufgerafft, aber ich möchte nicht noch einmal durch so etwas durch. Anschließend musste ich dringend etwas Lustiges, Zeitgenössisches auf Englisch lesen.
Nonchalante Arschlöcher:
Kehlmann erfindet gekonnt widerwärtige Naziarschlöcher, mit eleganter bis rabiater Niedertracht in jeder Zeile – Minister, Schüler, Dorfstatthalter. Das ist sicher gut erfunden (oder gefunden?), aber schrecklich für mein kleines Herz; es mag die seelische Grausamkeit der Protagonisten nicht (ich wäre ein ganz schlechter Nazi).
Kehlmann überreizt das Stilmittel des nonchalant zynischen Nazisprechs: es ist unterhaltsam, es ist filmi; die elegant brutalen Einlassungen scheinen dem Autor Spaß zu machen, aber sie erklingen zu oft von unterschiedlichen Figuren.
Ebenso schwer erträglich sind Protagonisten, die sich zunächst zaghaft gegen die Nazi-Vereinnahmung sträuben, um unter Druck doch der Maschinerie zu erliegen, zum Beispiel Herr und Frau Pabst oder (ohne Namensnennung) P. G. Wodehouse.
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