Kritik Stax-Sachbuch: Respect Yourself, Stax Records and the Soul Explosion, von Robert Gordon (2015) – 6/10

Autor Robert Gordon ist ein Fanboy – ein Stax-Fanboy und ein Memphis-Fanboy; er wuchs dort auf, produzierte Bücher und Dokus auch zu lokalen Themen, nennt Memphis im Nachwort ”us” und “our“ und kritisiert Örtliches aufdringlich wie ein beleidigter Liebhaber.

Er schreibt zu unkritisch begeistert über Stax. Er nennt Akteure wie Label-Chef Jim Stewart und viele Künstler und Manager meist beim Vornamen; das ist schlecht, wenn der Leser kein Fanboy ist und sich weniger gut auskennt.

Gordon deliriert:

Unforgettable… saying in a voice so strong that the heavens would have no trouble tuning in… a performer of the first degree… the album is fantastic and the movie is thrilling… one of the most moving musical performances I’ve ever experienced… If enough people listen to Booker T. and the MG’s, wars will end…

Auch die Leser-Rezensionen zu diesem Buch sind unkritisch – Stax-Musik ist gut und lieb (antirassistisch), also schreibt man auch gute und liebe Bücher und Rezis darüber.

„Respect Yourself“ liest sich leicht, ein Interviewschnipsel-Stakkato mit unterschiedlichsten Quellen – wie eine Musik-Doku, und dem Buch ging eine Doku voraus, viele Zitate basieren auf der Doku. Der Autor liefert im Anhang sogar einen eigenen Abschnitt „A note on the Interviews“, ungewöhnlich für ein Sachbuch. Nie ordnet der staxverliebte Autor die Statements kritisch ein, fast nie zitiert er Nörgler wie Banker oder Staatsanwälte, die gegen Stax vorgingen.

Robert Gordon bringt wie aus dem Lehrbuch kleine reportageartige Elemente:

Jim Stewart sat in his barber’s chair. Jim’s hair was short, his face boyish and scrapped clean. He wore thick rimmed glasses and a necktie, his jacket on the barbers coat hook. It was 1957 and Jim was…

Autor Gordon hält das Live-Momentum dann aber nicht aufrecht. Und er klammert sich immer wieder an abgehangene, allzu griffige Adjektive, Phrasen und Allgemeinplätze:

Memphis is a city that hums and thrums. Its song is constant, a part of the soil, river, and air… Horn players whose energetic moves with their gleaming instruments become solar flares radiating from these two stars… songwriters Hayes and Porter were also on an astral plane, merged into a single identity. Their songs seemed pulled from the ether wholly formed for listening enjoyment… a heavy rain descended from a gloomy Memphis sky… their strength in the marketplace had, like a raging forest fire, just jumped the canyon from music to movies… an ill wind was whipping up to a gale. During the storm ahead…

So richtig verstehe ich immer noch nicht, wie zwei gutbürgerliche weiße Geschwister mit weißem Musikgeschmack das erfolgreiche *schwarze* Musiklabel Stax aufbauen konnten. Auch nach knapp 400 dicht gedruckten Gordon-Buchseiten verstehe ich es nicht. Freilich ist „Respect Yourself“ auch nicht als Portrait der Label-Gründer gedacht, sondern berichtet über sehr viele Personen (für mich zu viele).

Dazu kommt viel Kriminalität: Erpressung mit Schusswaffen bei Stax, Bestechung von DJs (Payola), aber auch Fehlverhalten bei Bankern einschließlich Unterschriftenfälschung und Kreditmauschelei.

Der Autor liefert zudem schockierende Beispiele der Rassentrennung in den 1950er und 60er Jahren: So konnten schwarze und weiße Manager und Musiker 1960 nicht gemeinsam Essen gehen; sie mussten sich in einem Hotelzimmer treffen – anzusteuern über den vermüllten Hintereingang und den Lieferantenaufzug.

Herzerwärmender sind die frühen 1960er Jahre im Stax-Kino zu Memphis: vorn der Plattenladen von Estelle Axton, hinten das Studio ihres kleinen Bruders Jim Stewart, mit fließendem Übergang, es klingt teils nach Jugendzentrum (ein Jugendzentrum mit exzellenten Walk-in-Musikern).

Der Autor berichtet zudem seitenlang über politische Unruhen in Memphis, z.B. Streiks der schwarzen Stadtangestellten, Rassentrennung in den Schulen, Wahlbetrug. Teils ist der Bezug zu Stax nicht ganz klar – der ausführlich geschilderte Mord an Martin Luther King in Memphis veränderte die Atmosphäre bei Stax aber offenbar deutlich.

Assoziation:

  • Rob Bowmans Stax-Buch Soulsville, U.S.A. ist noch ausführlicher, aber auch älter, und wird von Robert Gordon referenziert
  • Das Motown-Buch Where Did Our Love Go von Nelson George (Robert Gordon erwähnt Motown kaum)
  • Stax-Aufnahmen wurden eine Zeitlang von Atlantic vertrieben, vor allem Jerry Wexler spielte eine Rolle (wie Jim Stewart von Stax ein scheinbar biederer Weißer, der heiße „schwarze” Musik entdeckte, produzierte und vermarktete)
  • grausame Szenen der Rassentrennung auch im Leben von Thelonius Monk
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