Der Roman hat eine Schlagseite Richtung Dorfidylle und Friede-Freude-Mehrgenerationenhauseierkuchen. Die wichtigsten Geschäfte sind Buchladen, Kramer, Eiscafé, Geschenkideengeschäft und Blumenladen; diesen Wohlfühl-Kitsch konterkarieren ein paar absurde Dorf-Kratzbürsten; selbst ihnen begegnen die Hauptfiguren zugewandt, so werden auch die Dorf-Kratzbürsten zutraulich handzahm. Ein Kuschel–Buch.
Fazit:
Mariana Leky bezirzt den Leser mit drolligen Vergleichen, Begriffskombinationen, Dialogen und Situationen. Die Geschichte ist gut. Damit kaschiert die Autorin notdürftig aufdringliche Wiederholungen ihrer Stilmittel und Leitmotive, eindimensionale Figuren sowie die weltfremde Wolkenkuckucksheimeligkeit des Szenarios; die Erzählperspektive ist diffus.
Perspektive und Fantastik:
Der Roman spielt fast komplett in einem Kaff, auch wenn Ferngespräche aus Japan und Kinshasa eintreffen. Die Ich-Erzählerin berichtet viel mehr, als eine einzelne Person wissen kann – z.B. “…dachte der Optiker” –, ist fast allwissende Erzählerin. Die unklare Erzählperspektive wird zur Schwäche des Buchs.
Außerdem gibt es fantastische Elemente: Träumt Selma von einem Okapi, stirbt bald jemand; und wenn Luise lügt, fällt etwas runter, eine spielentscheidende Merkwürdigkeit am Ende des Buchs, von Luise bewusst eingesetzt (wenn sie nur lügt, um Dinge von der Wand purzeln zu lassen und nicht, weil jemand die Lüge hören soll – ist es dann noch eine Lüge?).
Kindermund:
Die Stimme der zunächst kindlichen Erzählerin Luise klingt gut, teils leicht verdaulich originell, doch oft zu aufgesetzt drollig. Altkluge, zu pfiffige und fast erwachsen agierende Kinderfiguren in Roman oder Spielfilm halte ich für abgedroschen und für einen illegitimen Einsatz des Kindchenschemas.
Mariana Leky (*1974) schreibt gut lesbares Deutsch und verwendet witzige Stilfiguren, die man bald vorhersehen kann, etwa verblüffende Begriffskombis. Handwerklich versiert streift die Autorin Themen aus früheren Kapiteln später erneut und vertieft so den Lektüreeindruck.
Mariana Leky schreibt echte, unterhaltsame Dialoge in direkter Rede, sogar mit Anführungszeichen – kein Konjunktiv, keine indirekte Rede, eine Seltenheit im deutschen Roman. Sie bringt auch knackige realistische Details, schön plastisch.
Kläffender Geruch:
Leitmotive und running gags kehren aufdringlich oft wieder. Momentweise entgleitet Leky die sonst souveräne Sprachkraft, dann redet sie von einer
Bettdecke, die scharf nach Schnaps und Zorn roch, ein kläffender Geruch
Bei zwei (zumindest erwarteten) Todesfällen bringt Leky zu viel Dramatisierung und suspense, hinhaltendes Gerede über Seiten – ein überflüssiger Trick, dieses Buch hat ohnehin schon Spannung.
Ich finde es unrealistisch, dass
- Hauptfigur Selma heikle, vertrauliche Dinge unter dem Siegel der Verschwiegenheit weitererzählt – sie muss doch wissen, dass dies im Ort kein Geheimnis bleibt
- der trübtassige Optiker plötzlich nur noch buddhistische Bücher liest, weil die Enkelin der angeschmachteten Selma einen Buddhisten anschmachtet – aber so kann man viele rätselhafte Lebensweisheiten kursiviert ins Buch topfen
- die fernverliebte Ich-Erzählerin ihren defekten Anrufbeantworter nicht austauscht, der doch so wichtig für ihre Fernbeziehung ist – aber das ermöglicht der Autorin neue Mini-Dramen
- die brüchige Stelle im Küchenboden jahrzehntelang nicht ausgebessert, sondern nur durch einen roten Kreis markiert wird (auch das ermöglicht der Autorin natürlich etwas, und sei es nur ein Spiel mit vorhersehbaren Erwartungen)
(Die klar fantastischen Roman-Elemente (Todesvorhersage, Gegenstände fallenlassen durch Lügen, unsterblicher Riesenhund Alaska) gehören unter eine andere Überschrift.)
Assoziation:
- die weltfremde Welt bei Jan Peter Bremer
- entfernt die Dörfler bei Dörte Hansen und Vea Kaiser
| Qualität | Menge | |
| Handlung | 7 (von 10) | |
| Konflikt | 5 | 3 |
| Dialog | 8 | 6 |
| Humor | 7 | 6 |
| Liebe | 6 | 5 |
| Erzählstimme | 6,5 | |
| Spannung | 7 | |
| Details | 7,5 | |
| Realismus | 4 | |
Persönliche Erklärung (also Geschwurbel):
Wer mich kennt (also niemand), weiß es: Grundsätzlich lese ich keine
- Bücher mit fantastischen Elementen
- fulminanten Kritiker- und Publikumserfolge
Beide Vorbehalte gelten für Was man von hier aus sehen kann, und doch habe ich das Buch gelesen, weil es im fernen Ausland keine Alternative dazu gab (ich lese nur Papierbücher). Bereut habe ich die Lektüre nicht: als ich ungefähr zur Mitte dieses Romans wieder zu Hause bei meinem Vorrat ungelesener Wunsch-Bücher war, brachte ich trotzdem halbwegs entspannt die Leky zu Ende.
Mariana Leky ändert meine Haltung zu Kritiker- und Publikumserfolgen indes nicht.
Und: bei Mariana Lekys dörflichem Geschenkideengeschäft musste ich immer an dörfliche spanische „Regalos“-Läden denken, in denen sie keine Regale verkaufen.
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