Rezension USA-Indien-Roman: Das Tiefland, von Jhumpa Lahiri (2013, engl. The Lowland) – 7 Sterne

Jhumpa Lahiri schreibt psychologisch dicht, einfühlsam, und wahrt dabei immer eine einfache, fast lakonische, unaufgeregte Sprache, die ich auch im englischen Original „The Lowland“ leicht lesen konnte. Wichtige Elemente der Geschichte sind plötzliche Beziehungsabbrüche, Einsamkeit und die Nachwirkungen politischer Gewalt.

Interessant wirken kurze, unaufdringliche Ausflüge in die Geschichte und in die Wissensgebiete der Buchfiguren, so etwa in Philosophie, Ökologie und die indische Naxalite-Bewegung. Erlesenes Essen steht hier weniger im Vordergrund als in anderen Lahiri-Veröffentlichungen.

Damit kenne ich nun die vier bisherigen Lahiri-Bücher; alle sind exzellent, doch dieses hier ist relativ das Schwächste. So klingt Lahiri mitunter schon etwas zu „achtsam“, zu elegisch säuselnd, betulich melancholisch; es gibt keine Ausrufezeichen, keinen Humor, keine direkten Dialoge. Und während ihre Stimme sicherlich wie oft beschrieben karg und zurückgenommen klingt, so fehlt ihr doch der bestechende Minimalismus Hemingways oder des mittleren V.S. Naipaul.

Auch diese Eigenschaften schwächen den Gesamteindruck:

  • Lahiris Geschichte zieht sich über fast 70 Jahre, sie schildert vier Generationen. Die Hauptfiguren treibt es zeitweise auseinander und dann fransen die einzeln fortgesetzten Schicksale zeitweise ins Beliebige, Belanglose.
  • Ein Hauptmotiv – Subash heiratet die schwangere Frau seines ermordeten Bruders – ist sehr ungewöhnlich und lebensfremd, prägt mit seinen ungewöhnlichen Konsequenzen aber hunderte Buchseiten (ähnlich befremdlich, um nicht zu sagen abwegig, wie in Lahiris Roman Der Namensvetter die Tatsache, dass ein indischstämmiger Amerikaner den russischen Nachnamen Gogol als Vornamen erhält und darunter leidet).
  • Gegen Ende kommen mehrere verstreute Akteure wieder zusammen – aufgrund unwahrscheinlicher Zufälle.
  • Zudem schreibt Lahiri mit zahlreichen langen und kurzen Rückblenden, häufigen Wechseln zwischen USA und Indien und stellt die Erzählperspektive immer wieder um; auch das wirkt zeitweise beliebig, einzelne wichtige Vorgänge verteilt die Autorin in Häppchen über den ganzen Roman.
  • Und wer Lahiris frühere Bücher kennt, muss sich in Das Tiefland nicht umstellen: Es geht wieder um einfachere Leute in Kalkutta und um Westbengalen mit Uni-Karriere in Rhode Island und Boston.

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