Romankritik: Was aus uns wird, von David Gilbert (2013, engl. & Sons) – 5 Sterne – mit int. Pressestimmen

Der einstige Creative-Writing-Student David Gilbert schreibt ein gelungenes Englisch mit starken Dialogen. Wie andere Creative-Writing-Absolventen (T.C. Boyle, John Irving, Jess Walter etc.) klingt er bisweilen zu cool und kalkuliert, manchmal auch schlicht belehrend altklug verallgemeinernd (Irving und Walter lobten den Roman; ich kenne nur das englische Original als Random-House-TB und kann die Eindeutschung nicht beurteilen).

Vor allem baut Gilbert zu viel Abstoßendes ein: Mal will einer Kot an eine Studiowand schmieren, mal wird der Verfall einer Leiche im Sarg gefilmt (sic) oder ein Schüler gequält, mal beschreibt Gilbert einen sterbenden Hund und dessen heulende Besitzerin, mal Pornovarianen; Rotwein auf Damenkleidung ist „menstrual pantomime“, hoho. Nasenschleim, Altherrenspeichel, Jungmännerdunst und weiblicher Intimgeruch, dazu Vulgäres und vierbuchstabige No-gos (sechsmal f- in vier Zeilen auf Seite 164; dreimal f- in zwei Zeilen auf Seite 259; fünfmal f- in 3 Zeilen auf Seite 403). Frauen werden auf intime Körpermerkmale und Verfügbarkeit reduziert; die fünf oder sechs wichtigsten Figuren sind männlich; American Pie oder Sex Up, literarisch aufgesext für für die Elite. Dazu kommen gedehnte Szenen aus Gilberts beruflichem Alltag, also Verlagsempfänge und Filmproduktionssitzungen. Sex gibt es dagegen kaum, jedoch umso längere Trauerfeiern, ja, Plural.

Schwach auch die Entscheidung, die Handlung von einer Nebenfigur erzählen zu lassen – die wie ein allwissender Erzähler vieles berichtet, das sie gar nicht kennen kann (einmal erwähnt der Erzähler, dass er sich einen Ablauf vorstelle, schildert dann aber seitenlang wie ein unmittelbarer Beobachter). Unentwegt schwadroniert dieser Erzähler vulgär-fäkal, als ob er mit einem natürlich ähnlich gesinnten Leser fraternisiere.

Dieser Roman erhielt viel Lob vor allem von US-Kritikern einschließlich NYT-Göttin Michiko Kakutani (s.u.). Vielleicht mögen US-amerikanische Rezensenten den Roman auch, weil er vor allem in der gediegenen Literaturszene New Yorks spielt, Ecken und Rituale der Stadt detailliert beschreibt und köstliche gelehrte Anspielungen ohne Ende kredenzt.

Gilbert handhabt Sprache meisterlich, vor allem in vielen starken – vielleicht zu literarischen – Dialogen. Die Romankonstruktion jedoch hat deutliche Schwächen: Die verschiedenen Entstehungsgeschichten um den unehelichen Sohn Andy klingen seltsam bis futuristisch; daran glauben die Romanfiguren? Dass der nicht-verwandte Ich-Erzähler vorübergehend bei der Hauptfigur, dem Großschriftsteller A.N. Dyer einzieht, klingt im Kontext unstimmig. Die Geschichte schlingert auf uneentwegt wechselnden Zeitebenen hin und her und zeigt dabei auch auf unterschiedliche Familien. So entstehen viele offene Handlungsfäden, auf deren Zusammenführung man sehnlich hofft, ohne unterwegs zu viel Schweinerei schlucken zu müssen. Ich habe nicht alle Entwicklungen verstanden. Vater und Sohn Dyer heißen Andrew und Andy (nicht ohne Grund), ein weiterer Sohn heißt Jamie (heute eher ein Mädchenname), die Haushälterin dafür Gerd.

Deutsche Pressestimmen:

Die Welt:

Allein die zahlreichen tollen Zitate aus den fiktiven Werken Dyers zeigen, wie sehr sich Gilbert selbst an seinen literarischen Vätern (und Geschwistern) messen lassen will – und kann… mehr als nur ein Virtuosenstück und neopostmoderne Spielerei

Deutschlandfunk Kultur:

Es entsteht nichts, keine Spannung, keine Tiefe, keine Gedanken, fast so, als ob die ganze Kreativität sich schon im Austüfteln des Plots erschöpft hätte. Endlose Gespräche und Partygeschwätz, breiteste Beschreibungen mit gesuchter Witzigkeit und zwanghafter Metaphern-Originalität und ein unkonzentrierter, dem Stoff nicht gewachsener Ich-Erzähler führen dazu, dass man sehr rasch die Geduld verliert. Das ganze Elend der literarischen Durchschnitts-Ware vom US-Markt tritt da zu Tage: Sprachlich ist das so glatt und widerstandsfrei, dass man sich eher in einem mittelmäßigen Kinofilm zu befinden scheint als in einer aus Sprache geformten Fiktion. Das liegt daran, dass Autoren derartiger Bücher von vornherein auf die Verfilmung schielen. Mit Literatur im engeren Sinn hat diese Art, auf Plots und Pointen zu setzen, nur wenig zu tun.

Focus:

Das Verhältnis der Generationen ist das zentrale Thema des Romans, aber zugleich liefert er auch eine treffende Satire auf die New Yorker Kulturszene… bei aller Komik ist der Humor bisweilen so schwarz, sind die Thematik und ihre Umsetzung so schwer, dass aus Unterhaltung bitterböse Gesellschaftssatire wird

Der Westen:

…selbst dieses skurrile Science-Fiction-Element fügt sich bruchlos in ein Werk, das die Wechselwirkungen zwischen frühem Ruhm und dem daraus resultierenden Leben auslotet… David Gilbert hat einen klugen, witzigen, traurigen Roman über das Leben und die Literatur geschrieben

Christoph Hartung:

Es steckt unglaubich viel drin auf diesen 630 Seiten. Aber es wird nichts Ganzes draus. Die ganze Zeit warte ich auf die große Conclusio, die aber nie kommt… viele kleine und größere Szenen-Pretiosen… Da schimmert Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“ durch in der Boshaftigkeit der geschilderten Details. Große Momente schildert Gilbert… Ein Roman mit viel Sinn für den szenischen Effekt, dem ein Überbau fehlt

Schreiblust-Leselust:

Ein dicker, kluger, detailreicher und vielschichtiger Roman voller Wahrheiten, in dem der Leser beispielsweise auch viel über die inneren Kämpfe und Selbstzweifel erfährt, denen viele Schriftsteller ausgesetzt sind

Bücher-Magazin:

ein komplexes Psychogramm dieser verkorksten Familie, deren Geschichte auf ein furioses Finale zuläuft. Gilberts Epos erinnert in seiner Komplexität an Jonathan Franzen, doch er geht die Sache etwas verspielter und actionreicher an. A.N. Dyer sorgt mit seiner trockenen, sarkastischen Art für hochkomische Momente – die auch den Literaturbetrieb und die Lebenswelt der New Yorker Upperclass gnadenlos karikieren.

Englische Pressestimmen:

New York Times, Michiko Kakutani:

this self-consciously literary novel… The novel is smart, funny, observant and occasionally moving. It does a wonderful job of conjuring up its characters’ memories of growing up in New York City in layered, almost Proustian detail… The novel also contains some razor-edge glimpses of literary life in Manhattan… “& Sons” can be long-winded and slow-footed. And its puzzlelike construction and untrustworthy narrator act as distancing mechanisms: instead of becoming fully immersed in the characters’ stories, the reader spends a lot of time assembling clues and looking for distortions… its overly baroque and sometimes distracting architecture…

New York Times, Blake Bailey:

A credible, coherent plot is not among this book’s strong points. But the same may be said of “Hamlet,” or “The Catcher in the Rye” for that matter, and few would dispute their greatness. I would hesitate to call Gilbert’s novel great, but it does contain a number of set pieces that, taken together, are more than worth the price of admission… it’s too ambitious by half. Embedded within its almost 450 pages is a poignant tour de force on the vicissitudes of time — Gilbert’s original theme, in short, before he attached all that baggage about Salinger-like fathers and so forth…

New Yorker:

Gilbert has a rich theme, and plenty of talent. He has a wonderfully sharp eye for the emotional reticence of the men of A. N. Dyer’s generation and class, for the ways in which their more open, more voluble children must become expert readers of patriarchal gaps and silences, in order to make sense of what he finely calls “these heavily redacted men.”… one of the strengths of the book is the acute account it offers of this sometimes glamorous, sometimes stultifying social chamber… considerable novelistic intelligence… he struggles to find a continuous novelistic tone. Is he a comic farceur or a tender realist? A glib satirist or an openhearted chronicler? A realist or a postmodern gamer? An intellectual or a slick crowd-pleaser? It is hard to tell. He has an expensive taste for flashy metaphors and similes. Some of these are very good… Every page proposes something clever and well turned. Gilbert is bursting with little achievements. Some are brilliant; others facile or frankly unconvincing…

The Guardian:

…richly entertaining… The comedy is partly a matter of clever plotting, and partly one of verbal sparkle. Gilbert’s sharp wit runs from the caustic to the metaphysical… he disperses his focus in a spray of subplots and false emphases. He is much better at starting new scenes than at sticking with old ones; this long book enacts a kind of novelistic A.D.H.D., always swerving away to give us letters, e-mails, texts, movie scripts, extracts from A. N. Dyer’s novels. Many of these swerves sparkle, but they spread the novel’s illumination along too many pathways…

Kirkus Reviews:

Novels about novelists run the risk of being too meta on the one hand and too cute on the other… Much of the story is a (mostly) gentle sendup of the literary life and its practitioners of the fusty old school and the hipster new… a highlight is a devastatingly accurate peek into a hoity-toity book party. In the main, the novel moves without a hitch, though a couple of elements don’t quite hang together, particularly the place of the narrator, at once respectful and not quite trustworthy, in the whole affair

Publishers Weekly (starred review):

… finely textured… this grandiose novel full of dissatisfied men and erudite posturing… There’s a lot to digest and reflect on in this ambitious and crowded narrative… Gilbert is at his best when capturing the fearless, testosterone-driven essence of adolescence, as Andy flits from boozing and deflecting empty banter at a swanky book-release party at the Frick, to chasing skirts

Vanity Fair:

by the end of this time-bending, poignantly twisted family saga, the only truth that endures is that the reader can’t be sure whether any of it is true. This narrative complexity, however, only intensifies the draw of Gilbert’s finely wrought prose, which teems with elaborate word plays and tests the reader’s perceptiveness at every turn… you won’t be able to put down

Financial Times:

The novel is bookended by funerals and, finally, it is not so much about writing as about death… a sophisticated, compassionate novel, very much more than a clever take on the vicissitudes of the writing life. Funny and smart, it is lit with the kind of writing that makes the reader break into a smile; a film producer has a European accent “that seemed rucksacked to his shoulders”; a woman in a black-and-white maid’s uniform looks like she is “being swallowed whole by a leaping killer whale”.

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