Romankritik: Justizpalast, von Petra Morsbach (2017) – 7 Sterne

Hauptfigur Thirza Zorniger arbeitet jahrzehntelang in der Münchener Justiz, überwiegend als Richterin. Aber Autorin Petra Morsbach (*1956) hospitierte in München und Münster, redete mit „etwa 50 Jurist*innen… aus fünf Bundesländern“ – und überfrachtet ihren Roman mit immer neuen Justizfällen. Die sind für sich interessant, erhellend und voll kniffliger Konflikte; in ihrer Massierung ermüden sie. Eine Anmoderation von Seite 124 der Penguin-TB-Ausgabe:

Und weiterer richterlicher Alltag, Fälle über Fälle; drei Beispiele aus Hunderten.

Oder Seite 200:

Es folgten Beispiele auf Beispiele.

Oder Seite 244:

An diesem Vormittag waren drei Einzelrichterverhandlungen angesetzt, nachmittags eine Beweisaufnahme.

Dem folgen dann jeweils mehrseitig die anmoderierten Fälle.

Zeitweise schreibt Morsbach verbfrei wie oben im Telegrammstil, so hetzt sie durch die Fälle. Ein vollständiger Satz von S. 105:

Thirza Migräne.

Zudem belehrt Morsbach über Rechtsphilosophie und Rechtsgeschichte (S. 144: „Und was ist Gerechtigkeit?“ – teils mühsam eingebettet in die Studienzeit der Protagonistin und in andere Konstrukte). Eine erfahrene Anwältin lässt Morsbach mehr als anderthalb Seiten lang nonstop allgemein über den Anwaltsberuf extemporieren (S. 57f): Totalkapitulation der Belletristin vor ihrem Stoff.

Justiz:

Wir lernen reichlich über Justiz, Justizalltag und das Klein-Klein in der Kantine. Das ergibt viele interessante Reportagemomente, Einblicke in Juristerei und Philosophie, sofern denn hoffentlich alles im Prinzip (nach Anonymisierung) stimmt. Die Rechtsfälle behandeln zum großen Teil Familien- und Scheidungsstreit sowie komplizierten Firmenzank, notabene kaum Mord und Totschlag (kurze Ausnahme auf S. 444); vielleicht wollte Morsbach einen distinguierten Kontrapunkt zu den dumpfen Schädelklopfern des Ferdinand von Schirach setzen.

Doch Morsbachs Personal bleibt äußerst vage. Wir begleiten die Hauptfigur Thirza Zorniger über Jahrzehnte, ohne dass sie wesentliche Konturen gewinnt – die Aktenberge erdrücken Autorin und Protagonistin gleichermaßen. Der erste Lover darf Zorniger noch „zehnmal hintereinander in die Luft jagen“, S. 78, und wird gleichwohl bald fortgejagt; ansonsten gibt’s bis zur Buchmitte wenig menschliche Erkenntnisse, außer dass Zorniger Kitschromane und -filme liebt. Erst im letzten Buchdrittel menschelt es mehr, und selten glücklich.

Viele Juristen im Roman sind einsam. Selbst gelegentliche hauchdünne Romanzen werden im Juristenton geführt und dann – natürlich – ad acta gelegt. Schwung ins Liebesleben der Protagonistin kommt erst in der Buchmitte, mit erstmals zahlreichen nichtjuristischen Buchseiten. Doch selbst hier lernen wir Thirza Zorniger nicht besser kennen – die Autorin referiert lieber ephemere Urlaubserlebnisse vom Bodensee und aus der Schweiz. Noch unübersichtlicher wird der 480-Seiten-Roman durch Morsbachs Verzicht auf Chronologie, sie erzählt die verschiedenen Stationen der Hauptfigur nichtlinear. S. 341:

Ein weiterer Rückblick also: Ende der achtziger Jahre. Thirza wurde…

Oder Seite 384:

Erinnerung. Tizzi war damals zehn oder elf…

Metaroman:

Per Kurzbiografie führt Petra Morsbach noch zahlreiche Kollegen der Protagonistin ein, auch das ohne Tiefenschärfe, selbst wenn die Hauptfigur zur Nebenfigur sagt (S. 136):

„Wissen Sie, dass Sie eigentlich eine Romanfigur sind?“

Man, nein frau, müsste es dann auch überzeugend umsetzen – und auf Metafiktion verzichten. Davon gibt es aber zuviel, das wirkt aufdringlich selbstreferentiell originell. S. 400f im Gespräch über Autoren:

Morsbach – keine Ahnung,  was daran komisch sein soll.

Seite 421f:

Das waren zwei Seiten. Ich als Hauptfigur darf jetzt das Thema wechseln.

Seite 479, letzter Satz des Romans:

„Wunderbar“, sagte Thirza. „Wenn das ein Roman wäre, müsste er hier enden.“

Deutsch:

Speziell in der Juristerei fällt Morsbach manchmal in schlechtes Deutsch; ein Beispiel von S. 34, dies ist keine Aktennotiz, sondern Erzählstimme:

Der konkrete Fall hatte zudem einen schönen demokratischen und rechtsstaatlichen Aspekt, in dem die Justiz des Freistaats selbst den Staat, dem sie diente, am Machtmissbrauch hinderte (Gewaltenteilung)… Es gab keinen Grund zu der Annahme, dass jener Verwaltungsbeamte, der wohl gemäß einer politischen Weisung, den Rock-Unternehmer unter Druck setzte und seine Veranstaltung zerstörte, über nennenswertes Mitgefühl verfügte.

Gelegentlich wechselt Morsbach von der dritten Person Singular in die zweite Person Singular, 1. Person Plural oder sogar 2. Person Plural (S. 352), will offenbar einen inneren Monolog wiedergeben, aber es überrascht zu sehr. Und doch ist der lange Roman leicht lesbar.

Nur ausnahmsweise schreibt Petra Morsbach ein vollmundiges, dialogfreudiges Deutsch, das man im neuen deutschen Roman aber auch gar nicht erwartet. Das gilt speziell bei Szenen aus dem Privatleben der Hauptfigur. Die leicht knorzige, eigenwillige Erzählstimme erinnert dann momentweise an Fontane, Kempowski, Pleschinski. Unterhaltsam ist zeitweise das ironisch gesprochene Juristendeutsch in Alltagssituationen, zum Beispiel S. 256:

Und die soll ich mir jetzt alle merken? Der Antrag wird zurückgewiesen!

Petra Morsbach flicht sogar kurz fulminante Vergleiche ein, etwa (S. 30):

Er leckte sozusagen lächelnd das Blut vom Florett, während Thirza eben erst realisierte, dass sie durchbohrt worden war.

Auch wenn das letzte Zitat vielleicht anderes erwarten lässt, schreibt Morsbach gelegentlich aufdringlich frauenfreundlich. Politisch korrekt ist ihr Roman trotzdem nicht: Das Genderstern*chen verwendet sie nur im Nachwort, und die Hauptfigur ist eine alte weiße Hetero-Westdeutsche, weit+breit keine migrantischen LGBTXYZ peoples of colour TV echt übel.

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