Romankritik: Die Katze, von Georges Simenon (1967) – 8 Sterne – mit Video

Für Emile und Marguerite ist es jeweils die zweite Ehe, als sie sich in späten Jahren heiraten. Er bringt die Katze Joseph mit in den Haushalt, doch die Frau konnte das Tier nie liebgewinnen. Eines Tages findet Emile die Katze tot – offenbar von der Frau vergiftet. Er rächt sich an ihrem Papagei. Seither schweigen sie sich an. Sie essen in einem Zimmer, schlafen in einem Zimmer und gehen sogar fast gemeinsam einkaufen. Doch die alten Leute verkehren nur noch über Zettel, über vorwurfsvolle Blicke und vielsagende Gesten. Sie ignorieren sich demonstrativ und belauern sich dabei unablässig.

Die Eheleute haben freilich noch nie zusammengepasst, sie sind ganz unterschiedliche Typen, und schon vor dem Tod der Katze tauschte man kleine Demütigungen aus. Das macht Georges Simenon (1903 – 1989) unaufdringlich deutlich.

Dies ist ein Simenon ohne Maigret, ja ohne Kapitalverbrechen (einige Veganer und Tierrechtsaktivisten mögen es anders sehen). Georges Simenon schreibt wie in allen Nicht-Maigrets (seinen „romans durs“) nah am Leben, liefert interessante, realistische Hintergründe zu seinen Figuren, kredenzt weder Glamourfiguren noch Abziehbilder, braucht keine unglaubwürdigen Zufälle. Simenon skizziert den Alltag plastisch, aber mit knappen, einfachen Worten. Kleine Rückblenden und Perspektivwechsel klingen selten so federleicht beiläufig wie bei Simenon.

Die beklemmende Atmosphäre in diesem Haus der Schweiger macht Georges Simenon sehr deutlich, ohne zu dämonisieren. Nur gelegentlich trägt Simenon zu dick auf: Etwa, wenn man in Nachbarschaft der verbiesterten Eheleute „an einem Krankenhaus, einem Gefängnis, einer psychiatirischen Anstalt“ vorbeikommt – „es fehlte nur noch der Friedhof, und der war auch nicht weit“ (S. 36).

Zur Übersetzung:

Ich hatte das Diogenes-Taschenbuch mit dem stilisierten Titelbild aus der Signoret-Gabin-Verfilmung, 1985 von Angela von Hagen übersetzt, die Übersetzung wurde lt. Impressum „für die Neuausgabe 2000 überarbeitet“. Überwiegend trifft die Übersetzerin den trockenen, betont reduzierten Simenon-Ton.

Gelegentlich wunderten mich deutsche Formulierungen, etwa „gerade verlaufende Papierstreifen“ (S.8) im Sinn von Papierstreifen mit gerader Kante, lautes Essen als „geräuschvoller Äußerung seiner Eßlust“, „Häuserreihe des Square“ (S. 77, warum nicht Platz?), „die Hälfte des Square“ (S. 142). Das Buch gab’s mehrfach als Theaterstück und als Film, u.a. 1971 mit Jean Gabin und Simone Signoret (s. Video unten).

Freie Assoziationen:

  • Der Ehekrieg im Film Wer hat Angst vor Virginia Woolfe
  • Katzen u.a. Haustiere kommen im Ehekrieg unter die Räder, das gibt’s auch im Hollywoodfilm Der Rosenkrieg
  • Strindbergs Ehekrieg Der Totentanz und dessen Verjazzung Play Strindberg von Friedrich Dürrenmatt; Simenon wirkt aber intensiver und weniger satirisch als diese Strindberg-Ehedramen, weil er weniger Nebenfiguren bringt und die Hauptakteure schweigen
  • Simenons Nicht-Maigret-Roman Das blaue Zimmer wegen der leichthändigen Art, wie Simenon zwischen erzählter Jetztzeit und Rückblenden wechselt

Bücher bei HansBlog.de:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.