Romankritik: Der Zug, von Georges Simenon (1961) – 8 Sterne – mit Video

Deutsche Soldaten überfallen Holland, Belgien, Frankreich. Eine nordfranzösische Kleinfamilie flieht in einem überfüllten Zug, wird aber auseinandergerissen. Der Mann beginnt bald eine Beziehung mit einer rätselhaften Frau in seinem dunklen Abteil, will aber später wieder seine Familie vereinen.

Gut geschrieben:

Dies ist ein Simenon ohne Komissar Maigret. Georges Simenon schreibt wie in allen Nicht-Maigrets (seinen „romans durs“) nah am Leben, liefert interessante, realistische Hintergründe zur männlichen Hauptfigur, erfindet weder Glamourfiguren noch Pappakteure. Die Flüchtlinge landen in einem Lager in La Rochelle – dort hatte Georges Simenon (1903 – 1989) im zweiten Weltkrieg selbst Belgier betreut.

Simenon skizziert den Alltag plastisch, aber mit knappen, einfachen Worten. Kleine Rückblenden klingen selten so federleicht beiläufig wie bei Simenon. Er verzichtet auch auf Dramatik und große Tragödie, schreibt aber eine ungewöhnliche Sex-Szene und kredenzt auf der letzten Seite seelenruhig ein atemraubendes Ende.

Simenon bringt seine Geschichte zudem wie üblich nicht mit unglaubwürdigen Zufällen weiter. Allerdings: ein paar Geheimnisse umgeben offenkundig die neue Begleiterin; doch Simenons Ich-Erzähler fragt sie ausdrücklich nicht nach ihrer Geschichte, obwohl sie viel Zeit miteinander verbringen – das wirkt unrealistisch, ebenso wie die Seelenruhe angesichts des Verlusts von Kontrolle, Familie, Haus und Heimat.  (Was Simenons Ich-Erzähler hier so dezidiert ruhig, fast dröge berichtet, schreit nach einer melodramatischen Verfilmung; das erledigten Jean-Louis Trintignant und Romy Schneider 1973, dt. Titel Nur ein Hauch von Glück, frz. Le Train, und hier wird der Hintergrund der geheimnisvollen Frau offenbar weit früher erklärt).

Zur Übersetzung:

Ich hatte das Diogenes-Taschenbuch (nicht zu verwechseln mit Simenons Romanen „Der Zug aus Venedig“ und „Der Mann, der Zügen nachsah“) mit der 1985er-Übersetzung von Trude Fein, laut Impressum „für die Neuausgabe 2000 leicht überarbeitet“. Überwiegend trifft die Übersetzerin den trockenen, betont reduzierten Simenon-Ton, der nicht vom Geschehen ablenken soll.

Doch öfter auch wunderten und störten mich deutsche Formulierungen, und die wohl geplante Simenon-Neuausgabe von Kampa sowie Hoffman und Campe leistet hoffentlich Besserers – allerdings werde ich den Roman dann nicht noch einmal lesen (Simenons Nicht-Maigret-Bücher wirken generell so klar und übersichtlich, dass sie mich weniger zu wiederholter Lektüre verlocken als andere Werke, bei denen ein zweites Lesen mehr neue Entdeckungen verspricht).

Unter anderem bremsten die folgenden Formulierungen aus dem Roman meinen Lesefluss: „er war ehrgeizig für seine Töchter“ (S. 20); „mit Packen und Koffern beladen“ (S. 27f); „Reiseverkehrsplakaten“ (S. 38); „sich… seinen Rausch ausschlafen“ (S. 42); „hißte sich der Mann… auf seine Gefährtin“ (S. 80); „buntfleckigen Zeitungsständen“ (S. 98); „auf ein Abstellgeleise“ (also Singular, S. 109); „dein Rangiergeleise“ (ebf. S. 109); „Landschaft, die auf einer Ebene mit dem Meer lag“ (S. 113); „die offiziellen Merkzeichen, die Daten, die man in den Geschichtsbüchern findet“ (S. 129); „es dauerte tage-, bei manchen auch wochenlang an“ (S. 154).

Freie Assoziationen

  • Ein Flüchtlingslager in La Rochelle und die Flucht der Belgier und Nordfranzosen vor den Deutschen gibt es auch in Simenons Roman Die Flucht der Flamen (1947).
  • Das überraschende Ende erinnert inhaltlich und dramaturgisch etwas an Simenons Roman Sonntag.
  • Die jeweils allerletzten Sätze von Simenons Sohn Cardinaud (1942) und Der Zug sagen in etwa das Selbe

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