Romankritik: Der Bananentourist, von Georges Simenon (1938) – 5 Sterne

Die Hauptfigur lebt einige Zeit in der tahitianischen Wildnis nur von Früchten und Fischen – solche Aussteiger heißen dort Bananentouristen. Georges Simenon schildert plastisch das träge Leben im provinziellen Tahiti mit ein paar Kolonialbürokraten, ein paar Gastronomen und einheimischen Barfrauen. Der Autor  liefert gewohnt markante Dialoge und reizvolle Beobachtungen. Die verschiedenen Verwaltungs- und Justizmenschen konnte ich nicht immer vollständig auseinanderhalten.

Und eine echte Handlung fehlte mir: Das Buch tröpfelt so dahin, teils beherrscht von den öden Grübeleien der Hauptfigur. Den zweiten Buchteil bestimmt zeitweise eine Gerichtsverhandlung, welche die Hauptfigur als Zuschauer mitverfolgt – sie hat aber mit den Beteiligten wenig zu tun, Simenon verflicht hier scheinbar angestrengt mehrere Handlungsstränge, die allein nicht genug für einen Roman hergeben.

Das Vorgängerbuch:

Zwar tritt im Roman Bananentourist ein Spross des Hauses Donadieu auf, den wir aus dem langen Simenon-Roman Das Testament Donadieu (1937) kennen. Doch der Bananentourist ist keine übliche Fortschreibung eines Romans:

Der Bananentourist spielt in einer anderen Zeit und einer anderen Welt (Tahiti vs. Frankreich). Im Bananentourist-Roman agiert nur ein einziger Donadieu, alle anderen wesentlichen Akteure sind neu.

Simenon konstruiert eher angestrengt ein paar Bezüge zur alten Geschichte – so gibt’s auf Tahiti ein paar Franzosen, die einst das Handelshaus Donadieu kannten oder dort sogar arbeiteten. Aber sie agierten nicht schon im vorherigen Roman, hatten mit einer Ausnahme nichts mit Oscar Donadieu zu tun, dem einzigen Familienmitglied, das für Der Bananentourist Bedeutung hat. Ein paar andere Donadieus werden zwar ganz am Rand erwähnt, man könnte aber auch auf sie verzichten. Oscars unzertrennlicher Begleiter aus dem ersten Band, der Hauslehrer Edmond, taucht in der Forsetzung gar nicht auf. Beide Bücher enden reichlich melodramatisch.

Assoziationen:

  • Wegen der Europäer in der Südsee verflossener Jahrzehnte: einige Bücher von W. Somerset Maugham, Joseph Conrad (zumindest fast Südsee) und R.L. Stevenson; Stevenson wird sogar im Bananentouristen erwähnt; und nein, Graham Greene passt nicht in diesen Vergleich
  • Die Vorgeschichte des Bananentouristen liefert Georges Simenons Langroman Das Testament Donadieu
  • Ein weiterer schwülheißer Simenon ist Tropenkoller von 1933, mit deutlich mehr Handlung als Der Bananentourist und angesiedelt in Afrika
  • Wegen des tropischen Selbstversorger-Einsiedlertums mit Fischefangen: Wasserspiele, engl. Playing with Water, von James Hamilton-Pattern (1987)

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