Romankritik: Liebe und andere Parasiten, von James Meek (2012, engl. The Heart Broke in) – 8 Sterne

Über 500 Seiten smarte, coole Dialoge – genauer: Dialoge und viele heikle Hintergedanken – zwischen smarten, modernen Menschen meist zwischen 30 und 40, überwiegend in London. Interessante, moderne, moralische Konflikte im Medien- und Wissenschaftsbereich und in Paarbeziehungen; gut und rund konstruiert, meist sehr spannend.

Darum geht es:

Einige Konflikte zielen auf speziell englische Sensibilitäten, so die Medienhatz auf Prominente und Kindesmissbrauch im BBC-Umfeld (vom Savile-Skandal hat James Meek erst nach Erscheinen seines Romans erfahren, wie er in der NYT schreibt). Mitunter bauscht der einstige Top-Journalist Meek das Dilemma seiner Protagonisten etwas auf, indem er denkbare Lösungen einfach nicht auf den Tisch bringt oder einzelne Akteure zu dämonisch gestaltet; dennoch wirkt das Ganze realistisch, plastisch, fundiert, erst gegen Ende auch satirisch.

Die Hauptfigur Ritchie – TV-Produzent, Familienvater, Ex-Popstar – erinnerte mich vage an die Tom-Wolfe-Romane A Man in Full und vor allem Bonfire of Vanities: Ein intelligenter Mann auf dem Höhepunkt der Macht riskiert sein wohl arrangiertes Komfortleben durch eine Dummheit, die nicht sofort auffällt, aber sich auch nicht mehr gänzlich vertuschen lässt; die Bedrohung wächst fast unmerklich und wird ein Leben lang existieren. Doch Meek dramatisiert nicht so stark wie Wolfe.

Ein paar Bedenken:

Die Grübeleien über Leben, Tod, Moral und Religion überfrachten den Roman etwas. Der Mord, der vor der erzählten Roman-Zeit geschah, wirkt zunächst auch überflüssig, erhält im letzten Romanviertel aber Bedeutung. Die verschiedenen Stränge der Handlung sind gut verflochten: The Heart Broke in (so der englische Titel) ist länger und mit mehr Personal ausgestattet als Meeks Roman We Are Now Beginning our Descent, wirkt aber dennoch fokussierter und geschlossener.

Ich habe viele professionelle Rezensionen zu dem Roman gelesen und finde diese Zeilen aus dem Telegraph sehr treffend:

„… a wonderfully sharp, intelligently observed and often very funny novel, peopled by a cast of characters slightly too intimidating and cerebral to ring wholly true, but who are never dull. It might be this tendency for restrained and over-analytic characters that keeps Meek from becoming the household name he deserves to be.“

Mit vielen kurzen Kapiteln und lebendigen Dialogen ist der Roman leicht zu lesen und leicht zwischenzeitlich abzulegen. Ich hatte die englische Ausgabe, kann also nicht urteilen, ob die deutsche Version den kühlen Roman-Ton gut trifft.

Mein Canongate-Taschenbuch wirkt mit 550 Seiten wie ein Ziegelstein und lässt sich kaum geöffnet halten. Das Papier ist rauh und fühlt sich unangenehm an. Die Schrift ist nicht zu klein. Tippfehler sind mir nicht aufgefallen.

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