Rezension Sachbuch: Stealth of Nations, von Robert Neuwirth (2011) – 7 Sterne – mit Video

Neuwirth beschreibt Händler im informellen Sektor vor allem heißer Länder wie China, Nigeria oder Brasilien. So leben nach Neuwirths Informationen vielleicht 30.000, 100.000 oder 300.000 Afrikaner allein im chinesischen Guangzhou, zumeist ohne gültiges Visum. Sie schaffen chinesische Ware wie Handys oder Autoteile nach Afrika – und zahlen nur einen Bruchteil der regulären Steuern und Zölle, oder gar nichts. Dazu kommen sozialpolitische und volkswirtschaftliche Argumente pro Schattenwirtschaft, pro Deregulierung und Regelübertretung.

Dabei interessiert sich Neuwirth besonders für die Geschäftsmodelle der Händler und rechnet ihre Kalkulation teils vor; weniger schildert er Persönliches, Kulturelles oder Interkulturelles (kleine Ausnahmen: die „Lehrlinge“ der Igbo-Kultur und die Stellung der Afrikaner in Guangzhou). Ich wünschte, Neuwirth hätte etwas breiter gestreute Interessen, auch wenn er auf jeden Fall hochinteressante Einblicke verschafft.

Den Unternehmergeist seiner Gesprächspartner, die mit wenig Kapital und harter Arbeit robuste Geschäfte aufbauten, scheint Neuwirth zu bewundern. Kritik an Steuer- und Zollbetrug, Korruption, Schwarzarbeit, Produktpiraterie und Umgehung von Genehmigungen äußert Neuwirth nie (oder soll ich den Buchtitel ganz wörtlich nehmen?). Er amüsiert sich über den Ärger von Produktpiraten, die ihrerseits kopiert wurden.

Einmal vergleicht Neuwirth heutige Produktfälscher und die Piraten früherer Jahrhunderte wie Francis Drake und kommt nach ein paar Historikerzitaten zu dem Ergebnis, das einstige blutige Piratentum ähnele weitgehend dem aktuellen Marktgeschehen.

Neuwirth beleuchtet auch Raubkopien von Büchern, Musik und Software und will in langen historischen Rückblenden u.a. aus London nachweisen, dass nicht genehmigte Kopien viel Gutes leisteten. Ein weiteres Kapitel handelt vom Schmuggel, u.a. von Paraguay nach Brasilien oder zwischen Hongkong und Festlandchina. Außen vor bleiben die Themen Altenpflege und Raumpflege. Auch Mafia, Prostitution und Drogenhandel kommen nicht vor, vielleicht auch, weil Neuwirth sein engagiertes Plädoyer für Schattenwirtschaft und Deregulierung nicht trüben möchte (er erwähnt jedoch allgemein, dass Bargeldwirtschaft Kriminalität anlockt).

Neben den Händlern beschreibt Neuwirth auch Müllsammler in Lagos und illegale Bäcker in San Francisco und New York, die wegen lebensmittelrechtlicher Vorschriften etc. kaum in den genehmigten Bereich gelangen. Indische Städte wie Mumbai fehlen in Stealth of Nations komplett, ebenso Illegale in den USA oder irgendetwas im Europa von heute, zum Beispiel Italien mit den Afrikanern und den Erntehelfern im Süden oder Putzfrauen in Europa; ebenso fehlen mittelöstliche Basare in Kairo oder Iran wie auch Südostasien mit Bangkok, Manila, Jakarta, Singapur; und aufs Land geht Neuwirth ohnehin nicht.

Auffällig: Die Orte aus seinem 2004er Vorgängerbuch Shadow Cities – Mumbai, Istanbul, Rio, Nairobi – besucht Neuwirth für Stealth of Nations nicht erneut.

Seine Kapitel gliedert Neuwirth nicht streng regional, sondern nach übergeordneten, wenn auch nicht immer klar umrissenen Themen. So reist der Leser mehrfach in unterschiedlichen Buchteilen nach São Paulo oder Guangzhou. Lagos fasziniert den Autor wohl am meisten; er beschreibt die nigerianische Wirtschaftsmetropole öfter und tiefenschärfer als andere Orte. und fast wähnt man sich in einem Basarführer für Lagos. Nur Lagos erscheint auch in Neuwirths 2014er TV-Dokumentation Der Glanz der Schattenwirtschaft.

Neuwirths Buchtitel Stealth of Nations lehnt sich an Adam Smiths Wealth of Nations (Wohlstand der Nationen) an. Vielen Kapiteln stellt Neuwirth auch Zitate von Adam Smith voran. Gelegentlich zitiert Neuwirth, mehrfacher TEDx-Redner auch in Deutschland, zudem andere Geistesgrößen wie Nietzsche, Proudhon, Enzensberger, Aristoteles, Deleuze/Guattari oder Ken Saro-Wiwa plus einige Ökonomen und Soziologen.

Der Stil des etablierten Journalisten Neuwirth erinnert deutlich an Reportagen in der New York Times: Solid lesbar, aber nie funkelnd, häufig im Präteritum. Neuwirth streut ein paar reportageartige Elemente ein, etwa die Getränke seiner Gesprächspartner. Vor allem aber schildert er immer wieder schon zu detailliert das Verkehrschaos im nigerianischen Lagos und das überbordende Warenangebot auf den vielen Märkten weltweit. Regelmäßig nutzt er Wörter wie „current“, „recent“ oder sogar „this year“ (S. 234) – unpassend in einem Buch, das über Jahre auf dem Markt ist.

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