Rezension Roman: Komödie in Moll, von Hans Keilson (1947) – 7 Sterne

Niederlande zur Zeit der Nazi-Besetzung im zweiten Weltkrieg: Ein Gutmenschen-Ehepaar versteckt den Juden Nico im Haus, den sie zuvor nicht kannten. Der Verfolgte muss sich immer verbergen – auch wenn überraschend der Fischhändler kommt. Bald wird Nico schwer krank, könnte sterben. Was dann?

Der Autor und deutsche Jude Hans Keilson (1909 – 2011, Wikipedia) betreute selbst solche untergetauchten Juden und ihre Gastgeber in den Niederlanden. Seine Erzählung (ca. 90 Seiten) ist voller Anspannung, großer und kleiner Gewissenskonflikte: Darf Nico aus seinem Versteck in die Küche eilen, wenn er anbrennende Milch riecht? Kann er sich die herbeigesehnte Zeitung aus dem Korridor holen? Dürfen ihm die Gastgeber Grenzen setzen, weil sie sich mit dieser Einladung selbst gefährden? Müssen sie die Putzfrau abbestellen? Würde Nico seine Beschützer verraten, wenn ihn die Nazis bei einem nächtlichen Spaziergang aufgriffen? Keilson beobachtet sehr genau, seziert Ängste und Ausreden mit kurzen Sätzen, Absätzen und vielen Dialogen.

Das Buch zeigt eine klaustrophobische Welt – praktisch immer drei Personen in einem Haus, wie ein Theaterstück, alle voll unterdrückter Sorgen, mit eingeschränktem Freiraum. Der Verfolgte hockt meist in seiner Kammer, abends trifft er das gastgebende Ehepaar im Esszimmer. Keilson verdichtet die stickige Atmosphäre noch weiter, indem er die Vorgeschichte der Hauptfiguren kaum erzählt, sich ganz aufs erzählte Hier und Jetzt konzentriert. Weitere Personen haben nur Kleinstrollen.

Der Ton ist darum immer ernst. Einige Kritiker und der Buchtitel beschreiben die Erzählung als „Komödie“, Tragikomödie oder Groteske; davon habe ich mit Ausnahme einer Szene nichts gemerkt, auch wenn viel banaler Alltag mitspielt, der aber hier immer seine Bedeutung hat. Die Akteure schweben ständig in größter Gefahr.

Innerhalb der zwölf Monate, die Keilson beschreibt, springt die Erzählung laufend hin und her – vom Eintreffen des Flüchtlings über den Alltag beim Abendessen bis hin zur schweren Erkrankung mit vielen kleinen Episoden. Den Ausgang der Geschichte kennt man darum nach ein paar Seiten, doch dann dreht Keilson das Narrativ völlig unerwartet weiter.

Gelegentlich bleibt bei diesen vielen Zeitsprüngen unklar, wann welcher Satz aus welchem Anlass fiel. Welche Person ein Personalpronomen wie „er“ meint, schien mir teils auch nicht eindeutig. Dazu kommen ein paar wunderliche Ausdrücke – sie klingen nach Zweitsprachler oder schlechter Übersetzung. Die englische Ausgabe, Comedy in a Minor Key, wurde im Angelsächsischen gefeiert (Rezensionsübersicht Englisch)

Assoziationen:

  • Eine Episode der „Tragikomödie in Moll“ erinnerte mich an die Romane Im Juli, Europastraße 5, Der Tod ist ein mühseliges Geschäft und Die letzte Lüge.
  • Die Grundsituation erinnert an Anne Frank.

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