Rezension Sachbuch Musikbranche: Hit Men. Power Brokers and Fast Money Inside the Music Business (dt. Hit Men. Makler der Macht und das schnelle Geld im Musikgeschäft), von Fredric Dannen (1990) – 6 Sterne – mit Kritikerübersicht

Der bekannte Journalist Fredric Dannen schildert bizarre und illegale Praktiken im Popgeschäft der USA von etwa 1955 bis 1990. Dabei lernen wir u.a. Payola kennen – Geld fließt, damit ein Song im Radio läuft. Vor allem geht es um viele schrille und unterhaltsame Geschäftsleute mit berstenden Egos und stahlharten Ellenbogen – Rabauken, Bonvivants und Ganoven, nur Männer, fast nur Weiße, oft Juden, häufig Topjuristen, manchmal Selfmade-Figuren.

Fazit:

Dannen inszeniert ein schwindelerregendes Karussell aus Dutzenden oder Hunderten Akteuren – gut geschrieben, doch verwirrend, fast atemlos, weil Dannen immer wieder die Hauptfigur wechselt, um später zu ihr zurückzukehren. Ein Buch ohne echten Fokus.

Dannen erzählt über rund 324 eng bedruckte Seiten in meiner britischen Hardcover-Ausgabe. Dem folgen noch 58 Seiten Anhang mit Danksagung, vielen Fußnoten und sehr ausführlichem Stichwortverzeichnis.

Gut: Gleich vorneweg erscheinen auf vier Seiten 16 Schwarzweißfotos aller wichtigen Akteure samt fünf Zeilen Vorstellung – vor allem Manager und Agenten, kaum Musiker. Freilich fehlen auch hier einige Figuren, die im Text Aufmerksamkeit erzeugt hatten. Das Buch erschien auf Deutsch circa 2000 als Hit Men – Makler der Macht und das schnelle Geld im Musikgeschäft, 530 Seiten, bei Zweitausendeins, scheint aber kaum zu finden.

Infantile Machtmenschen:

Künstler und Kunst treten völlig in den Hintergrund, Bürointrigen und gelegentliche Gesetzesverstöße sind alles. Oft vernichten die Manager Geld, indem sie sich aus blindem Ehrgeiz gegenseitig Künstler abluchsen oder konzerninterne Rivalen schlecht aussehen lassen – infantil, aber wirkungsvoll, und gelegentlich unterhaltend.

Spannend wird Dannens Buch nur einmal gegen Ende: Er schildert ein Treffen von Mafiabossen und freiberuflichen Plattenpromotern und wie sie dabei von einem Nachrichten-Team gefilmt werden.

Einige Hauptdarsteller:

  • Die wichtigsten Figuren überhaupt im Text: CBS-Manager Walter Yetnikoff und Dick Asher, zunächst auch CBS, und ihre krachende Feindschaft, noch ergänzt um Clive Davis; sie erscheinen immer wieder in verschiedenen Teilen des Buchs
  • Morris Levy von Roulette Records und seine sinistren Methoden und Freunde
  • Goddard Lieberson, flamboyanter CBS-Präsident von 1956 bis 1976, der mit „God“ unterschrieb
  • zwei Rockstar-Manager, die zu feurigen Label-Bossen aufstiegen: David Geffen und Irving Azoff
  • Allen Grubmann, erfolgreichster Anwalt für Rockstars und Plattenfirmen gleichermaßen
  • Neil Bogart, König des Disco-Labels Casablanca, der seine Angestellten mit Drogen und Mercedes-Cabrios verwöhnte, das Mutterhaus PolyGram fast in den Ruin trieb und „dead at thirty-nine“ (Dannen)
  • zwei unabhängige Promoter zwischen Plattenfirmen, Radiosendern und Mafia: Joe Isgro und Fred DiSipio
  • Sentator Al Gore stößt Payola-Untersuchungen an

Einige Themen:

  • Das wichtigstes Thema überhaupt im Text: „indie promotion“. Freie Mitarbeiter platzieren Singles der Plattenfirmen in den Radiosendern, teils gegen Geld (Payola), manchmal mit Mafiabeteiligung, ein strafbares Verhalten, das sich trotz großer Justizverfahrens jahrzehntelang nicht dauerhaft ausrotten lässt
  • kein Thema: wie Radiomacher und Radiosender auf Payola reagieren; Dannen beschreibt ausschließlich die Seite der Plattenfirmen und unabhängigen Promoter; die Radioseite wird ignoriert
  • mehrfach Mafia-Verwicklungen und Mafia-Familienbande in New York (der Buchtitel Hit Men bedeutet ja nicht nur Schlagerexperten, sondern auch bezahlte Mörder)
  • die lähmenden polizeilichen Untersuchungen gegen hohe Plattenmanager vor allem bei CBS wegen Payola in verschiedenen Jahrzehnten
  • die schwierige Loyalität der Rockstar-Manager und -Anwälte zwischen Rockstar und Plattenfirma und die ausbeuterischen Verträge zwischen Plattenfirmen und Künstlern
  • die Übergänge von Pop-Singles zu Rock-LPs zu Disco-Singles und warum der letzte Trend Payola begünstigte
  • Einführung der CD ab Ende der 70er (mein Buch zeigt auf dem Cover eine CD, doch der Großteil der Geschichten handelt von Vinyl-Verkäufen)
  • NBC-TV-Berichte über Payola

Einige Künstler, immer nur knapp:

  • der vertragliche Ärger rund um die drei in großen Intervallen veröffentlichten Boston-Alben
  • Pink Floyd sind die Superstars der Stunde, doch im Radio hört man sie nicht – warum?
  • Michael Jacksons Thriller-Album
  • Whitney Houstons Entdeckung und ihr erstes Album

Kühler Ton:

Dannen schreibt immer leicht lesbar, kühl, cool, mitunter insiderhaft raunend; er klingt dabei manchmal angeberisch. Vom Thema und vom Ton her gefällt mir The Last Sultan, die Biographie des lebenslustigen Plattenmanagers Ahmed Ertegun, ebenfalls aufgestiegen nach dem zweiten Weltkrieg, besser (Ertegun erscheint in Hit Men nur am Rand und ohne Foto; Rezension des Buchs auf HansBlog.de, mit Kritikerspiegel). Ertegun ist schon deshalb eine angenehmere Figur, weil er die Musik liebt, die auf den Markt bringt; einige der Akteure in Dannens Buch hassen dagegen erklärterweise Rockmusik.

Dannen mischt seine Akteure mitunter zu stark, der Reigen der Manager, Anwälte, Promoter verwischt, die Übersicht geht verloren. So beginnt Dannen ein Kapitel über Goddard Lieberson, doch bald folgen diese verwirrenden Zeilen (neuer Absatz wie im Buch, ungekürzt):

Paley’s exquisite taste permeated CBS; so did his cold-bloodedness.

Lieberson was himself a political animal. Classical A&R man Tom Sheppard worked for Goddard for fourteen years…

Das Zitat demonstriert zudem, wie Dannen seine Akteure immer wieder abwechselnd mit Vor- und Nachnamen benennt – auch das fördert Klarheit nicht. Dannen erschwert den Überblick zusätzlich, weil er nicht immer chronologisch erzählt und scheinbar abgelegte Charakter nach 150 Seiten noch einmal hervorholt. Ein paar Organigramme würden auch helfen.

Dick und Walter:

Sogar der Autor selbst verliert die Übersicht und wiederholt Informationen auffällig. So schreibt er auf Seite 18 meiner britischen Hardcover-Ausgabe von Muller:

They had much in common, or so Dick believed. Both were New York-bred Jews who had attended Ivy League law schools and married their college sweethearts. Dick was one year older than Walter.

Und auf Seite 118:

Dick and Walter, while never intimates, always got on well. They were a year apart in age, and both had married their college sweethearts.

Und auf Seite 219:

Dick, like Walter, had married his college girlfriend…

Einige Hauptakteure hatten das Buch bereits vor dem offiziellen Erscheinen in der Hand und machten dem Autor die Hölle heiß. Keiner bemühte jedoch die Gerichte (englischer Artikel in der Los Angeles Times).

„Egomaniacs, sybarites, goniffs and music lovers“ – die Kritikerstimmen:

New Yorker (Kelefa Sanneh):

An unsentimental book about the music business in its prime… ten years after Dannen’s book appeared, the golden principle failed. In 2001, album sales started a sharp decline; some years, it seemed as if none of the big companies were making any money at all… The book’s true protagonist is a federal regulation, a 1960 amendment to the Communications Act, which banned secret payments to radio disk jockeys. In response, the big record companies began hiring middlemen known as independent radio promoters, who had a mysterious ability to transmit their musical passions to the program directors running radio

New York Times (Robert Christgau):

It isn’t Mr. Dannen’s vague anti-mob thesis that renders his book more satisfying, just the quality and quantity of his yarns… “Hit Men“ is an entertaining collection of anecdotes about an uproariously unsavory subculture of egomaniacs, sybarites, goniffs and music lovers… Dannen has a knack for the telling quote and a healthy appetite for the juicy story… (Dannen) doesn’t know a lot about rock-and-roll. Too much of his scant musical detail is erroneous… what interests him about today’s music business isn’t the music; it’s the bottom line

Los Angeles Times (Jonathan Kirsch):

An intimate history of the music industry that shows exactly what kind of dealing goes on–and has always gone on–in the backrooms of America’s glitziest record companies… brutal, exploitive, ruthless, venal and, at times, outrightly corrupt… most of the decision-makers don’t really seem to know or care much about the music itself; they could be selling soap… There’s an urgent, knowing quality to Dannen’s reporting that somehow justifies the relentless name-dropping

Hinternet:

Nicht musikalische Innovationen und kreatives Potential, sondern Zufälle, technische Neuerungen und Börseneinbrüche bestimmen, wo´s langgeht in der „Musik“. Der Leser, unter Schock stehend, betrachtet seinen Plattenschrank erstmal mißtrauisch, verwirrt, verunsichert. All die Alben – nicht kultureller Ausdruck ihrer Zeit, sondern willkürlich auf den Markt geworfene Spielzeuge von Männern, die keine Tonhöhen unterscheiden können? Dannen hat sich für eine radikal personifizierte Erzählform entschieden… Das Namenskarussell dreht sich schneller als bei Dostojewskij, und die geschilderten Szenen unterbieten oft sogar Pulp-Niveau. Auch, weil Dannen eine Vorliebe für „Typen“ hat: an vulgären Exzentrikern wie CBS-Chef Walter Yetnikoff lässt sich das Metier offenbar trefflich illustrieren… Dannen aber hat jahrelang recherchiert und kann jedes Zitat minutiös belegen. Herausgekommen ist ein fesselnder Report

Entertainment Weekly:

Eye-opening… the most revealing look yet

Bonedo.de:

Man findet sich in einem Crossover aus Dallas, Denver Clan und den Sopranos wieder. Sehr interessant fand ich die Abhängigkeiten zwischen den Marktführern CBS, Warner und den anderen: wie die Chefs sich teilweise aus Missgunst und Egomanie Künstler abjagten, und dadurch die Preise in die Höhe trieben

Law Crossing:

A quick and exciting yet very informative read. Through candid interviews, firsthand descriptions, parallel chronologies and flashbacks, Dannen’s account of the „ruthless glory“ of the music business is very well written and at times so riveting as to make John Grisham envious

Musical Snobbery (mit Fotos und Kurztext zu vielen Akteuren):

I really can’t say I would suggest reading this book to everyone. It’s a rather dry, almost legal report of the inner workings of the music business from the 50’s to the 80’s. Don’t get me wrong, Dannen did a respectable job trying to make it interesting, but the subject matter just got the better of him.  Granted if you are a bitter musician or a waspy business guy, you might think this book is a page turner.

Vanished Empires:

Quite diligently researched and footnoted, and thus it works outside of it’s alleged agenda to „expose“ the shady business involving Top 40 Radio, Record Labels, The Network & The Mafia

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