Rezension Indien-Roman: Amrita: Or to Whom She Will, von Ruth Prawer Jhabvala (1955, dt. Amrita und Hari) – 7 Sterne

Amrita liebt Hari und Hari liebt Amrita. Sie treffen sich manchmal und raspeln Süßholz. Doch Amritas Familie ist gegen die Verbindung, und Haris Familie ist gegen die Verbindung. Die jungen Leute werden anderweitig verbandelt, für sie gibt es scheinbar keine Zukunft. Der Roman spielt in der indischen Mittelschicht Neu-Delhis in den 1950er Jahren, ohne Europäer. Das Buch erschien unter verschiedenen Titeln: Amrita, To Whom She Will, Amrita or To Whom She Will und auf Deutsch als Amrita und Hari.

Fazit:

Prawer Jhabvala schreibt souverän, kurzweilig und mit interessanten Einblicken. Die Satire ist zeitweise zu deftig und arrogant. Die New York Times meinte:

A sharply observed and witty satire… British critics hailed the book with delight, comparing the newcomer to Jane Austen. Time magazine said: “Everyday life bustles through the pages of ‚Amrita,‘ with all the clatter, chatter and haggling delight of an Eastern bazaar.“

Dick aufgetragen:

Dies ist Prawer Jhabvalas erster Roman überhaupt, geschrieben kurz nach ihrem Umzug von London nach Delhi. Sie trägt hier die Satire dicker auf als in späteren Romanen. Z.B. S. 45 meiner Fireside-TB-Ausgabe:

„The fat Sikh, ice-cream dribbled on his beard, watched her with bovine concentration.“

Dümmlich, egozentrisch, rüde, berechnend, selbst- und statusbesessen:

Prawer Jhabvala produziert sehr lebendige Dialoge (ich hatte die englische Ausgabe), zeigt ihre Figuren aber meist als dümmlich, egozentrisch, rüde, berechnend, selbst- und statusbesessen. Die Autorin beschreibt Landessitten und -kulissen überdeutlich – vor allem die befremdlichen Momente.

Manchmal scheint die Autorin Szenen nur einzuflechten, weil sie weitere indische Facetten präsentieren möchte: die Punjabi-Hochzeit, das pseudo-europäische Café, das Markttreiben, den Bahnhof, usw. Mehrfach zieht sie Humor daraus, dass alle über eine einzufädelnde Eheschließung reden, nur die anwesenden Brautleute in spe verstehen die Anspielungen nicht.

Schnelle Schwenks:

Die kurzen Kapitel schwenken immer wieder zwischen mehreren lose verflochtenen Familien mit einer ganzen Handvoll Hauptpersonen – darin dem späteren Roman Esmond in India (1960) ähnelnd, der auch teils ähnliche Figuren zeigt. Dabei schreibt Prawer Jhabwala schon in ihrem Romanerstling sehr souverän, und der Überblick bleibt auch bei laufend wechselnden Kulissen jederzeit erhalten.

Zweimal wechselt sie innerhalb eines Kapitels beständig zwischen zwei Familien, die sich langsam aufeinander zubewegen, und hier wird es vielleicht zu komplex. Anders als in Esmond spielen Europäer in Amrita keine Rolle, freilich wird oft über England und europäischen Stil geredet.


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