Rezension: Hotel Honolulu, von Paul Theroux (Roman 2001) – 6 Sterne – Pressestimmen & Links

Fazit:

Theroux liefert Witz und starke Dialoge, er füttert die Geschichten mit Bildung, Ketten verblüffender Details, ausdrucksvollen Namen und überraschenden Begriffen, erzählt leicht lesbar. Doch eine übergreifende Handlung fehlt, einige Episoden fügen sich kaum ins Ganze; und aufdringliche viele, oft ranzige Bett- und Rotlichtgeschichten und ein paar Morde begrenzen das Vergnügen.

Episoden-Reigen:

Der Ich-Erzähler ist angestellter Manager des 80-Zimmer-Kastens Hotel Honolulu, in Honolulu, zwei Blocks vom Strand entfernt. Er berichtet vor allem von seinen Mitarbeitern und Gästen, kaum von sich. Auch nach 300 Seiten wissen wir praktisch nichts über den Ich-Erzähler: Dass er zwischendurch heiratet und Vater wird, erscheint auf wenigen Zeilen; er hat ein Buch geschrieben, nein, wohl mehrere. Näheres verschweigt er. Gegen Ende deutet er ein Vorleben an, dass nach Paul Theroux persönlich klingt.

Hotel Honolulu driftet von einer Episode zur nächsten, in immer neuen, immer gleich kurzen Kapiteln, ohne übergreifende Handlung, ohne Eindruck vom Fortschreiten der Zeit. Gelegentlich produziert Theroux hübsche Kapitelübergänge und greift zurückliegende Motive wieder auf – doch der Eindruck bleibt, dass Profitourist Theroux vor allem die weltweit in Hotels und Bars gesammelten Eindrücke und Charaktere verarbeitet, und natürlich Kulissen, Figuren und Idiome seiner Teilzeit-Heimat Oahu. Die hatte er – so könnte man mutmaßen – als Kurzgeschichten konzipiert und dann irgendwie in Romanform geordnet (der Ich-Erzähler sagt selbst einmal, er habe 50, 60 Kurzgeschichten im Kopf). Erst in den letzten zwei kurzen Kapiteln gibt es überraschende Wendungen und Fortschritt.

Hawaii, Manila, Cebu City:

Einige Episoden spielen auch in anderen Hotels auf Hawaii, in Manila, Cebu oder Nevada,  und haben nichts mit den Hauptfiguren zu tun, sie wirken wie separate Kurzgeschichten. Zwei wichtige Figuren sind endlos reich und erlauben sich so mühelos allerlei unrealistische Exzentritäten. Der Henry James-Biograf Leon Edel erscheint unter Klarnamen.

Dabei liefert Theroux Bildung, Witz und starke Dialoge fast wie in seinen besten Geschichten, den Embassy-Büchern und Kowloon Tong. Das amüsiert und liest sich runter wie Butter (ich kenne nur das englische Original und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen; die zahlreichen Pidgin-Sätze der Hawaiianer lassen sich nicht 1:1 übertragen).

Wegen fehlender Handlung und der Vorliebe des älteren Theroux für deftige, teils unappetitlich müffelnde und aggressive Bettgeschichten und für ein paar Morde und Selbstmorde wirkt Hotel Honolulu schwächer als die früheren Romane und ermüdet ab Seite 200 etwas – der „Roman“ hat 424 Seiten in meiner englischen Taschenbuch-Ausgabe. Hawaiianer werden ziemlich verächtlich dargestellt, nicht nur in der kapitel-langen Tirade der Hauptfigur Buddy Hamstra.

Assoziationen:

  • Ein sehr zurückgenommener Ich-Erzähler berichtet vor allem von anderen Menschen, dass erinnert an Paul Theroux‘ Embassy- bzw. Konsulats-Romane; auch dort liefert Theroux einen Reigen verbundener Kurzgeschichten, die Embassy-Bücher sind jedoch gar nicht erst als „novel“ gekennzeichnet.
  • Über Prostituierte und Rotlicht schreibt Theroux nicht nur in Hotel Honolulu gern, sondern auch in vielen seiner Reisebücher und in Kowloon Tong.
  • Heimliche Beobachtungen im Hotel gibt es auch in Theroux‘ Deep South (das Hotel in Theroux‘ Elephanta Suite ist nicht vergleichbar).
  • Die Andeutungen des Ich-Erzählers auf seine früher geschriebenen Romane erinnern an Theroux’s Mein geheimes Leben und Mein anderes Leben.
  • Der Ich-Erzähler liest das Ereignisprotokoll des Nacht-Rezeptionisten, das erinnert an V.S. Naipauls vergnügliche Kurzgeschichte The Nightwatchman’s Occurence Book (gut möglich, dass Theroux diese Geschichte auch im Kopf hatte).
  • Vicki Baums starker Roman Menschen im Hotel.
  • Tom Wolfes Back to Blood, in Miami angesiedelt, wegen der bizarren einheimischen Typen in einer sonnigen US-Urlaubermetropole und wegen des US-typischen, professionellen Stils.

Kritiker:

WDR 2:

Es ist wie eine Mischung aus Roman mit Rahmenhandlung und vielen klassischen Short-Stories… überhaupt wird Hawaii oft sehr irdisch und wenig paradiesisch beschrieben. Nämlich als normaler US-amerikanischer Bundesstaat: mit Armut, Schmutz, den Problemen illegaler Einwanderung. Die negativen Seiten von Sexualität spielen eine wichtige Rolle: Vergewaltigung, Misshandlung, sexuelle Ausbeutung. Ich habe viel gelernt über Hawaii und die Vereinigten Staaten… Hotel Honolulu bietet vor allem gute Unterhaltung. Geistreich und witzig. Ein ganzer Haufen interessanter Geschichten, die alle irgendwie miteinander verbunden sind.

SWR 2:

Es gibt keine durchgehende, über fünfhundert Seiten gewölbte Handlung, sondern viele kleine Wölbungen – eine lebenspralle menschliche Komödie, voller skurriler Charaktere und Geschichten… Der Stil von Paul Theroux ist so prägnant wie schlicht; unangestrengt, aber mit Biss und Witz. Hier ist ein kühler Menschenkenner am Werk, der seine Figuren sammelt und aufspießt wie ein Liebhaber farbenprächtiger Schmetterlinge. Beeindruckend, wie er Erzählfäden und Motive immer wieder aufnimmt und so einen Geschichtenteppich webt. Die Übersetzung von Theda Krohm-Linke liest sich vorzüglich.

Taz:

…mit Esprit übersetzt von Theda Krohm-Linke… ein wunderbares Buch

New York Times:

The novel has no single overarching plot… As the novel progresses, we get more and more immersed in tragic passion and sexual fixation as well as more morbid pursuits… Theroux strings together dozens of these dark parables with practiced care. But while most of them are compelling (or hair-raising) on their own, their accumulation renders the novel increasingly amorphous… Hawaii moves in and out of focus..

Observer:

There is death – homicide, suicide, plain old senescence. And there is sex. Lots of sex, in all sorts of permutations – couplings, triplings, even an ‚insecticide‘ (a Hawaiian’s word for incest)… its scatology, its bawdy, its tragedy and its staggering inventiveness… this pleasurably complex novel… with a mellifluous beauty…

Kirkus Reviews:

Stories burst forth like seeds from an overripe papaya… Mahina, an adopted daughter in search of her real father, is inevitably molested by him…

Publishers Weekly:

Scrappy, satiric and frowsily exotic, this loosely constructed novel of debauchery and frustrated ambition in present-day Hawaii debunks the myth of the island as a vacationer’s paradise… Theroux, never one to tread lightly, often portrays native Hawaiians—including the writer’s wife—as simpleminded, craven souls… The lack of conventional plot and the dreariness of life at Hotel Honolulu make the narrative drag at times, but Theroux’s ear and eye are as sharp as ever, his prose as clean and supple.

Complete Review:

B+ : a solid novel, full of wild and entertaining stories, breezily told… The narrator observes rather than analyzes, largely mystified by the actions and motivations of those around him… Theroux writes with the easy confidence of a lifelong writer (at the beginning of the book there are two pages listing the 37 „Books by Paul Theroux“). He knows how to present his little stories, how to unfold his bigger and smaller tales. He is not overly ambitious, but he is not careless. He rarely hits the wrong tone, and occasionally he gets it just right… a big, enjoyable book. Many of the tales are sad, some are a bit sour. There are few truly happy existences in the book



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