Rezension Entdecker-Biografie: Stanley, The Impossible Life of Africa’s Greatest Explorer, von Tim Jeal (2007) – 7 Sterne – mit Presse-Links

Im Vorwort weist Jeal auf die vielen neuen Quellen hin, die er entdeckte – 35 Jahre, nachdem er selbst eine Livingstone-Biografie vorgelegt hatte. Jeal möchte Stanley gern liebhaben, und er betont den ungerechtfertigt schlechten Ruf des Entdeckers: „Stanley was not a racist like Sir Richard Burton or Sir Samuel Baker“ (Seite 10 meines faber and faber-Taschenbuchs) und nur dreimal habe Stanley „taken the extreme step of hanging a man“ (S. 13). Dass er viele andere in Notwehr erschoss, erfahren wir später.

Stanley, der arme Sündenbock:

Andere Entdecker hätten viel schlimmer gewütet, auch Stanleys Trouvaille Livingstone war überhaupt kein Engel, so betont Jeal wiederholt fast eifernd; aber alle hätten ein weit besseres Image als Stanley genossen, den er mehrmals den größten Entdecker des 19. Jahrhunderts nennt. Immer wieder müht sich Jeal um Verständnis für Stanleys Ruhmsucht und Unwahrheiten und nennt ihn der vorletzten Zeile des Nachworts beleidigt „a scapegoat for the postcolonial guilt of successive generations“.

Doch so sehr Jeal seine Hauptfigur auch preist – sympathisch oder auch nur menschlich interessant ist Stanley nicht. Zumindest der jüngere Stanley erscheint als krankhaft ehrgeiziger, geltungssüchtiger, gewalttätiger Aufsteiger voller Pomp und Übertreibungen auch in seinen Erfolgsbüchern. Stanleys Briefe aus jungen Jahren klingen unaufrichtig und klischiert. Seine Nationalität, sein Name – nichts steht richtig fest, ständig muss er die eine oder die andere Legende auf dem einen oder anderen Kontinent verteidigen. Ein Mensch, auf den man verzichten kann.

Stanley, Burton, Twain:

Der britische Entdecker Richard Francis Burton (1821 – 1890) ist vergleichsweise der weitaus interessantere und vielseitige Charakter, er hat auch ethnografische, intellektuelle und spirituelle Interessen und stellt Wahrheit über schönen Schein; auch Burtons Frau Isabel ist weitaus bemerkenswerter als Dorothy Stanley (trotz deutlicher Ähnlichkeiten äußerer Umstände). Die Entdecker Stanley und Burton hatten mehrere kurze Begegnungen, die Jeal nur kurz erwähnt; Stanleys Treffen mit einer anderen hochkarätigen Figur, Mark Twain, erhalten ebenfalls nur wenige Zeilen.

Jeal betont unentwegt Stanleys traurige Kindheit und will nachweisen, wie die Vergangenheit noch viele Jahre später Stanleys Verhalten prägte. Auch wenn er sonst vieles im Raum Stehende diskutiert, beteiligt Jeal sich nicht an Debatten um eine mögliche Homosexualität Stanleys, nennt jedoch im Anhang gegensätzliche Biografenmeinungen zu diesem Thema.

Aufbau:

Einschließlich Vorwort liefert Jeal 475 Seiten Haupttext, dazu 100 Seiten Anmerkungen, Bibliografie und Bilder. Zahlreiche hochgestellte Ziffern weisen auf Endnoten hin, also allesamt erst am Buchende.

Die weitaus meisten Endnoten sind reine Textnachweise, die man nicht nachschlagen muss; aber einige Fußnoten enthalten auch weiterführende Informationen, die entweder in den Lauftext oder direkt unter den Lauftext gehören. Öfter produziert Jeal eine Endnote und schreibt unmittelbar danach in eckigen oder runden Klammern: „see this note for further evidence“ o.ä. (u.a. S. 37).

Jeal bringt drei doppelseitige Landkarten für Stanleys Livingstone-Rettung, für die Suche nach der Nilquelle und für die Emin-Pasha-Rettung; die Landkarten zeigen immer den selben Ausschnitt (einmal gibt es einen vergrößerten Ausschnitt) und sind nicht sehr detailliert. Zum Buch gehören 16 nicht paginierte Fotoseiten auf gestrichenem Kunstdruckpapier, darunter sogar ein paar Farbbilder; weitere Abbildungen erscheinen direkt auf den Textseiten, so einige Radierungen.

Sehr ausschweifend:

Die riesige Zahl existierender Quellen und Biografien bringt Jeal in Stanleys jüngeren Jahren mitunter dazu, mehrere Varianten eines Ablaufs zu beschreiben und über Wahrscheinlichkeiten zu spekulieren. Manchmal hätte man gern mehr Details zu der Geschichte, die Jeal für plausibel hält, und weniger von den Varianten, die er erst erzählt und dann demontiert.

Mit Stanleys Jugend hält sich Jeal nicht lange auf – schon etwa auf Seite 30 ist Stanley 19 und von England nach USA ausgewandert. Auf Seite 70 ist Stanley 26 und reist im Auftrag der Top-Zeitung New York Herald in den Krieg nach Äthiopien. Man fragt sich dort, wie Jeal die weiteren 400 Seiten Haupttext füllt.

Dennoch zeichnet Jeal Stanleys ärmliche Jugend sehr eindrucksvoll – von der Mutter weggestoßen, von Verwandten immer weitergeschubst. Mitunter ist Jeal aber auch viel zu flüchtig: So seien Stanleys allererste Zeitungsbeiträge „highly coloured“ gewesen (S. 52), doch Jeal gibt nicht eine Zeile daraus wider.

Flüssiger Stil:

Insgesamt wirkt das Buch in der ersten Hälfte eher wie die Diskussion einer als bekannt vorausgesetzten Biografie. Expeditionskatastrophen und Kolonialschach interessieren Jeal mehr als menschliche Entwicklung und Interkultur. Oft vermisste ich Informationen, die Jeal ganz offenbar hatte, aber nicht für wichtig hielt. Fraglich auch, warum er Stanleys Adoptivsohn Denzil nicht im Bild zeigt.

Jeal schreibt einigermaßen flüssig, mitunter leicht umständlich. Er erzählt nicht immer streng chronologisch, sondern sammelt gelegentlich Einzelheiten, um sie dann an passender Stelle en bloc zu präsentieren – auch wenn das Rückblenden bedeutet.

Spannende Expedition:

Ab der Emin-Pascha-Expedition – die dritte von Stanley drei spektakulären Reisen – scheint Jeals Buch auch spannender, zumal der große Entdecker, inzwischen an die 50, erstmals erfolgreich auch den Hafen der Ehe ansteuert. Die Emin-Pasha-Expedition führte Stanley zu Fuß von der Kongomündung bis Sansibar quer durch Afrika und bildet den wuchtigsten Teil der Biografie: Strapazen ohne Ende, fast auch für mitimaginierende Leser. Auch die anschließenden Kontroversen in London bespricht Jeal ausführlich.

In seinem Expeditionsbericht deutet Jeal drohendes Ungemach immer wieder gern mit unheilvollen Sätzen an, und schon steht die nächste Katastrophe bevor. Die Emin-Pasha-Expedition wirkt bei Jeal wie eine Reise ins Herz der Finsternis hoch zehn (Jeal diskutiert Parallelen zu Joseph Conrads Kongo-Roman auf etwa zwei Seiten) und emotional fast so aufwühlend wie die katastrophale Anden-Besteigung im Buch Sturz ins Leere.

Die Kritiker…

…reden wie immer bei Mono- und Biografien vor allem altklug über das Thema und weniger über die Qualitäten des Buchs. Sie sagen immerhin:

The Guardian:

Armed with a huge cache of previously unseen letters and papers, he ((Biograf Jeal)) delivers a remarkable reassessment

The Observer:

Tim Jeal has fulfilled a mission to rehabilitate one of the most complex heroes of Victorian Britain…

Paul Theroux in der NYT Book Review:

Most of what we have been told of Stanley, and much of which he wrote himself, is wrong. Jeal nails the falsehoods as “misguided lies.”…

The Oxonian:

His ((Jeals)) constant and unfaltering defence of his subject’s frequently brutal and unethical actions become increasingly untenable

The New York Review of Books:

Impressive, revealing, and well-written biography…


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