Rezension: Die Stunde der Komödianten, von Graham Greene (Roman 1966, engl. The Comedians) – 8 Sterne – mit Hintergründen & Video

 

Graham Greene macht vieles richtig in diesem Roman. Er führt eine übersichtliche Zahl von sehr unterschiedlichen, teils zwiespältigen Hauptfiguren ein; das Ambiente lässt sich schön imaginieren (Haiti, aber auch Monaco und Paris); es gibt smarte, lakonische, zynische, ambivalente Dialoge mit einem sehr unaufgeregten Ich-Erzähler; es gibt Liebe, Politik und nur wenig Gewalt; zeitweise knistert die Spannung.

Die Haupthandlung spielt auf Haiti zur Zeit des grausamen Machthabers François Duvalier („Papa Doc“) und seiner Tontons Macoutes, doch Gewalt hält sich streng in Grenzen. Sein ewiges Thema von Katholizismus und Sinn des Lebens überdehnt Graham Greene (1904 –1991) nur in einem einzigen zu langen Dialog (ich kenne nur das englische Original und kann Hilde Spiels  Eindeutschung nicht beurteilen).

Insgesamt das gediegene Meisterwerk eines erfahrenen Romanbaumeisters.

Wie immer freilich: Greenes Helden tummeln sich in Haiti, Vietnam, in Kuba, Mexiko oder Sierra Leone; doch sämtliche Hauptfiguren sind Gin oder hier Punsch trinkende Europäer, die Umgebung ist blasse exotische Kulisse. Fast möchte man nicht mehr von Hot Country Reading reden. Den vegetarischen Ex-Präsidentschaftskandidaten Smith und seine wackere Gattin karikiert Greene etwas zu grell. Das Englisch ist einfach zu lesen, aber Greene streut einiges Französisch ein, das ich gern nachgeschlagen habe.

Der Roman wurde bereits 1967 mit Elizabeth Taylor, Richard Burton, Peter Ustinov und Alec Guiness verfilmt, gedreht zu großen Teilen in Dahomey (heute Benin) und mit einem Drehbuch von Graham Greene; Regie Peter Glenville. Ausführliche Hintergründe zur Buchentstehung und zur Haiti-Innenpolitik liefert Norman Sherry im dritten Band seiner Greene-Biografie. Noch ausführlicher und aktueller über Greene in Haiti und über Haiti auch ohne Greene, über Roman, Verfilmung und die Proteste der haitianischen Regierung schreibt der Time-Journalist Bernad Diederich auf 150 von 300 Seiten in seinem Buch Seeds of Fiction (2012). Die Anreise der Hauptfiguren per Schiff erlebte Greene schon 1941 auf einer Reise von England nach Sierra Leone, nachzulesen in seinen Reisenotizen In Search of a Character.

Freie Assoziation zum Roman:

  • Wegen der teils nonchalant britischen Atmosphäre in der Karibik in den 1960ern (hier Jamaika) und wegen der gefährlichen verdeckten Aktionen der James-Bond-Film Dr. No (1962, mit Szenen aus Jamaika).
  • Wegen des finsteren, stets unsichtbaren afrikanischen Machthabers und wegen einsamer arabischer Händler in schwarzafrikanischem Umfeld, V.S. Naipauls Roman An der Biegung des großen Flusses (1979)

Hintergründe:

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