Kenia-Kolonialbuch: The Ghosts of Happy Valley, von Juliet Barnes (2013) – 4 Sterne – mit Video

Juliet Barnes berichtet über das skandalumwitterte kenianische Happy Valley in den 1920er bis 1940er Jahren – bis zum Mord an Josslyn Hay (Earl of Erroll) 1941. Zugleich erzählt sie ausführlich von ihren Recherchen, Begegnungen und Autofahrten im Happy Valley zwischen etwa 2000 und 2010. Sie lebt offenbar selbst dauerhaft in Kenia und bringt viele Reportage-Eindrücke, besucht unter anderem mehrfach das Anwesen der berühmten Partymeisterin Idina Sackville und begleitet Frances Osborne bei Recherchen zu deren Buch The Bolter über Osborne-Urgroßmutter Idina Sackville.

Zu viele Schwächen:

Doch ich konnte Barnes‘ Ghosts of Happy Valley nur etwa bis zur Seite 50 lesen und hängte dann noch ein bisschen Kapitel-Hopping an. Denn Ghosts of Happy Valley hat zu viele Schwächen:

  • Juliet Barnes denkt manchmal schneller, als sie schreibt, die Themenwechsel und Sprünge sind nicht nachvollziehbar; eine Zeitlang bleibt auch unklar, wie sie selbst mit Kenia verbunden ist
  • sie flicht zu viele persönliche Ephemera ein, die keinen interessieren: „(I) wondered if I had a pen and notebook… I hadn’t even taken a camera. This spontanous Happy Valley Tour was just supposed to be an interesting day out. So it was to prove. I hauled my Land Rover…“ (S. 13 in meinem 2014er-TB von Aurum Press); warum schreibt sie das? Warum nimmt sie Stift und Kamera nicht mit?); „Houses have always fascinated me. To me they are… I especially love old houses“ (S. 33); „I was about to get inside Clouds! ((historische Villa))… What would Idina have said?“ (S. 22)
  • viele sehr spezielle Happy-Valley-Details, die nicht persönlich betroffene Leser kaum interessieren
  • viel zu ausführlich über ihren afrikanischen Begleiter Solomon, ein Tierschützer und Hobbyhistoriker. Sie zitiert sogar Solomons Träume (u.a. S. 210) und Polizeimisshandlungen und widmet ihm das Buch. Mit dem Happy Valley hat das nichts zu tun, auch wenn Solomon sie zu allerlei historischen Villen begleitet
  • Überflüssiges Klein-klein in Verbindung mit fragwürdigen Behauptungen: „I began to read more about it, puzzled that the Erroll morder hadn’t been solved: why not?“ (S. 23; bei James Fox wird der Mord jedoch aufgeklärt (auf Basis einer nicht überprüfbaren Zeugenaussage) (auf S. 204 verrät Barnes sorglos selbst Fox‘ Lösung, die dieser sich mühsam bis fast zur letzten Seite aufgespart hatte))
  • zu sensationslüstern über Ausschweifungen: „the sexy and seductive Lady Idina had lived here and unashamedly thrown those decadent parties… erotic adventures“ (S. 13); „earlier settlers had partied with reckless abandon“ (S. 15); „casting lascivious glances at neighbours‘ husbands“ (S. 15); „drink, drugs and sex“ (S. 22);
  • zu reißerische Buchteil- und Kapitelüberschriften (hier teils von mir gekürzt): Centre of Scandal, Soccer after Suicide, The Cursed, House of Terror, Bones of Alice, Tales of Torture, Murder, The Temptress and Murderous Thoughts, Polo and Terrorism, Many Motives for Murder
  • nicht immer wirkt das Buch sauber lektoriert: Übergänge zwischen Absätzen klingen unrund, Fragen bleiben offen, in der Danksagung auf S. XI erscheint Benjie Bowles doppelt.

Insgesamt schreibt Juliet Barnes mit vielen Ausrufezeichen eher wie eine Brieffreundin oder wie eine Schülerin im Erlebnisaufsatz, nicht als nüchterne Autorin. Unprofessionell, und auch nicht anderweitig reizvoll. Auf Goodreads erhält das Buch nur karge 3,5 von 5 Sternen bei nur 148 Wertungen und 27 Leserrezensionen (August 2020).

Mein TB liefert immerhin eine nützliche mehrseitige Kenia- und Happy-Valley-Zeittafel von 1844 bis 2002 sowie interessante Schwarzweißfotos (relativ gut gedruckt auf ungestrichenem Textdruckpapier), die in früheren Büchern nicht auftauchten.

Freie Assoziation:

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