Buchkritik: Katias Mutter, von Inge und Walter Jens (2005, über Hedwig Pringsheim, Schwiegermutter Thomas Manns) – 5 Sterne

Die Biografie über Hedwig Pringsheim (1855 – 1942, Mutter von Katia Mann, damit Schwiegermutter von Thomas Mann) stützt sich auf viele Briefe, Journaleinträge und Zeitungsglossen der Hauptfigur, außerdem auf den Schlüssel-Klatschroman der Mutter Hedwig Dohm, Sibilla Dalmar (klingt fast nach F. Scott Fitzgeralds ebenfalls mondäner Nancy Lamar); Dohm verwendet offenbar die Briefe der in höchste Kreise verheirateten Tochter.

Diese – Hedwig Pringsheim, geb. Dohm – glänzt mit elegant-amüsantem Plauderton (die für den Druck nicht korrigierten Rechtschreib-Bizarrerien betonen ihren Charakter liebenswert; so verzichtet sie konsequent auf Dehnungs-h, schreibt „one mich“, „anungslos“, „Jaresfrist“, „1 Ur“, „Größenwan“ und „Bewonerin“; dann auf Englisch, S. 120: „clothe your mouth“). Hedwig Pringsheims Stil charmierte auch die Biografen, wie sie regelmäßig betonen. Über Katia Mann legten die Autoren 2003 ein eigenes Buch vor, das wiederum Hedwig Pringsheim gern zitiert; ein weiteres Buch gibt es speziell über Hedwig Pringsheims mehrmonatige Argentinien-Reise.

Zudem hatte Hedwig Pringsheim ein interessantes Leben: Aufgewachsen in einer finanzknappen, aber geselligen, liberalen und kulturfreudigen Familie, die Mutter die Frauenrechtlerin und Autorin Hedwig Dohm (sic), der Vater Redakteur des Satireblatts Kladderadatsch; die Hauptfigur wechselt überraschend zu einer Schauspiel-Compagnie, heiratet dann den kulturfreudigen Millionär und Mathedozent Alfred Pringsheim; sie wird Gastgeberin eines hochangesehenen Münchner Salons, später von den Nazis drangsaliert und flieht im letzten Moment in die Schweiz. Vom Kaiser bis zu Richard Wagner, von Gustav Gründgens bis zum Schwiegersohn lernte Hedwig Pringsheim alle Großen kennen, und sie durchlebte politisch sehr aufgewühlte Zeiten.

Gleich auf der ersten Seite reden die Autoren von der „preußischen Metropole“ und erklären das Synonym nicht weiter – der Leser muss so etwas wissen. Auch sonst setzen Inge und Walter Jens kulturelle und geschichtliche Kenntnisse voraus. Mich irritierten auch gelegentliche chronologische Volten und scheinbare Auslassungen – Flüchtigkeit oder Lässigkeit der Autoren oder ein unaufmerksamer Leser? Ich weiß zum Beispiel noch aus dem Buch, wie sich Hedwig Pringsheim und ihr Mann erstmals eigentlich hätten treffen *können*; wie sie sich aber tatsächlich erstmals begegneten, daran erinnere ich mich nicht (und vielleicht steht es auch nicht im Text). Auf Seite 178 erwähnen die Autoren die „anderen berühmten Herzogpark-Bewohner“, deren Namen jedoch zumindest auf so einigen Seiten zuvor nicht erwähnt wurden (Thomas-Mann-Kennern freilich bekannt sind).

Gleichwohl unterhalten – neben den stets vergnüglichen Hedwig-Pringsheim-Zitaten – vor allem die Einblicke ins Schauspieler- und großbürgerliche Milieu des späten 19. Jahrhunderts, die gelegentlich an Szenen Theodor Fontanes erinnern. Das Buch liefert wenig über Thomas Mann selbst, aber ihm sind genug eigene Biografien gewidmet. Der letzte Teil über Hedwig und Alfred Pringsheim im Nazi-Deutschland schmerzt beim Lesen.

Ausstattung:

Ich hatte dieses Buch in einer rororo-Doppelausgabe mit Inge und Walter Jens‘ Biografie Frau Thomas Mann (2003, über Katia Mann, Hedwig Pringsheims Tochter und Thomas Manns Frau). Die Paginierung beginnt in der Buchmitte wieder bei 1. In dieser Ausgabe sind beide Werke fast gleich ausgestattet:

Hochgestellte Ziffern an Zitaten gibt es nicht, die Endnoten mit den Quellenhinweisen nennen lediglich Seitenzahlen. Nur der Katia-Mann-Teil hat eine ausführliche, gut zehnseitige Zeittafel; sie umfasst den Zeitraum von Katia Manns Geburt bis Tod, verzeichnet in dieser Phase aber auch das Schicksal von Eltern, Ehemann und Kindern. Der Hedwig-Pringsheim-Teil bringt einen detaillierten Bericht zu den Archivbesuchen. In meiner Ausgabe gibt es keinen Stammbaum.

Der Katia-Mann-Abschnitt bringt 32 Seiten auf Fotodruckpapier mit ordentlich reproduzierten Schwarzweißbildern, viele gut bekannt; der Hedwig-Pringsheim-Teil bringt 24 Seiten Fotodruckpapierseiten, davon einige farbig.

Stilistisch ähneln sich die Bücher deutlich – z.B. in den chronologischen Vorgriffen und im aufdringlich oft wiederholten Lob der hervorstechendsten Charaktermerkmale. Mir fielen kaum deutliche Dubletten auf, außer einigen Pringsheim-Zitaten zu Davoser Sanatorien und zum 1. Weltkrieg.

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