Lese-Eindruck: Kulturgeschichte der Neuzeit, von Egon Friedell (1927-1931)

Insidergespräche:

Die Kapitel in meinen Stichproben richten sich an Insider. Friedell liefert Kommentar und kein Lehrwerk, keine Grundlagen. Ein Beispiel: Über Martin Luther sagt Egon Friedell auf Seite 282:

Luthers Jugendgeschichte hat einen wahrhaft dramatischen Charakter; sein Mönchsgelübde unter Blitz und Donner, sein Thesenanschlag, die Disputation zu Leipzig… große Szenen von welthistorischem Wurf und Gepräge

Näher erklärt wird das aber nicht. Gern würde man sich über die welthistorischen Vorgänge bilden, aber das setzt Egon Friedell (1878 – 1938) wohl als bekannt voraus. Stattdessen streut er auf derselben Seite fun facts über Ablassdeals:

Sodomie notierte in Tetzels Instruktion mit zwölf Dukaten, Kirchenraub mit neun, Hexerei mit sechs, Elternmord (merkwürdig wohlfeil) mit vier.

Friedell bringt sein irres Potpourri der Sachinformation nicht zur Leserfortbildung, sondern als Beleg für seine Thesen dort, wo es passt. Treffend redet die Wikipedia von einem „mehrbändigen Essay“.

Friedell produziert unentwegt hochfliegende Vergleiche zwischen unterschiedlichsten Akteuren, Epochen und Ereignissen:

vom Hexenwahn der Reformationszeit führt eine lange, aber gerade Linie bis zu Strindberg

Er zitiert (mindestens) unübersetzt Französisch, Latein und Griechisches in griechischer Schrift (S. 284) und kommentiert es dann. Ein Universalgelehrter spricht zu seinesgleichen – köstlich für uns Ungelehrten.

Stil:

Egon Friedell produziert zwar lange Sätze, aber die klingen übersichtlich und sogar aktivierend – stimulierendes Parlando.

Mitunter verdoppelt und verdreifacht Friedell Hauptwörter und bläst sich und den Satz damit unnötig auf, etwa S. 325:

Für den Nordländer ist sein Zeitkostüm wirklich nur ein Kostüm, eine Maskerade, eine Theatergarderobe, die er mit Aufdringlichkeit, Unterstreichung, Aplomb und zugleich mit Beengtheit, Unsicherheit, Lampenfieber trägt

Ein anderes Beispiel von Seite 128:

Die Frau ist nicht mehr ein Ideal, ein höheres Wesen, ein Stück Märchen im Dasein… der Mann wird zum Lachs, zum Kammolch, zum Truthahn, zum Paradiesvogel…

Zwischentitel amüsieren manchmal eher, als dass sie orientieren – ungünstig bei einem 1600-Seiten-Sachtext:

Höherer Wert der minderwertigen Organe

Und gleich danach:

Gesundheit ist eine Stoffwechselerkrankung

Ausstattung und Ausgaben:

Es gibt keine Quellenbelege, keine Endnoten, keine Bilder, jedenfalls nicht in meiner dtv-Ausgabe.

Offenbar gibt es zwei neuere Printausgaben:

  • Die zweibändige dtv-Ausgabe mit 2x grob 800 Seiten und mindestens drei unterschiedlichen Titelbildern (Amazon-Werbelink). Diese Band-übergreifend paginierte dtv-Ausgabe hatte ich; die dicken Taschenbücher liegen noch gut in der Hand, wirken nicht zu schwer und halten bestens zusammen (und, ja, die Taschenbücher passen tatsächlich in eine Reisetasche)
  • Das C.H. Beck-Hardcover in einem Band mit rund 1600 Seiten (Amazon-Werbelink). Die dritte Auflage von 2012 hat ein offenbar interessantes Nachwort von Ulrich Weinzierl; wo kann man das außerdem lesen?

Links:

Bücher bei HansBlog.de:

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